Imagetanz: Die steigende Fieberkurve einer Krise

    8. Februar 2018, 17:04
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    Das Festival im März im Brut-Theater steht unter dem Motto "Reflections"

    Wien – Das Dilemma, das die Tanz- und Performancekunst zurzeit beschäftigt, haben die Choreografinnen Marcela Levi und Lucía Russo unlängst im Tanzquartier Wien gezeigt: Sie ließen ihren vom Publikum eingekesselten Solotänzer Ícaro dos Passos Gaya hampeln, stürzen und mit Schaum vor dem Mund allerlei rote Flüssigkeit absondern. Boca de Ferro hieß das Stück, das eine verzweifelte, hilf- und ausweglose Ekstasis ablaufen ließ: in seiner Form uralt, in seinem Anliegen aber punktgenau zeitgenössisch.

    Reibungshitze

    Dass die Krise einer Kunstform faszinierende Blüten hervorbringen kann, sollte sich ab Anfang März auch beim Imagetanz-Festival des Brut Theater zeigen. Denn unter dem Druck allgemeiner Desorientierung und Widersprüchlichkeit ist seit Mitte der Nullerjahre viel Reibungshitze entstanden, die Säule der emotionalen Temperatur im zeitgenössischen Tanz stieg kontinuierlich an. Ironischerweise hat sich das bisher u. a. darin geäußert, dass die Darstellerinnen und Darsteller immer häufiger ihre Kostüme ablegten.

    Nun ist bekannt, wie der neue Imagetanz-Kurator Flori Gugger die ihm anvertraute Performance und Choreografie über ihre Fieberkurve streicheln will: Bezeichnenderweise beginnt die Kur mit einem Last Act of Rebellion der britischen Gruppe Lone Twin, in dem das Weh rund um den Abschied von der Jugend dick mit Witz verpflastert wird. Und Florentina Holzinger erspart den Männern die Teilnahme an ihrem Kampftrainings-Workshop (Zitat Programm: "Achtung: Es sind nur Frauen zugelassen!").

    Verstrahlung

    Die Choreografinnen Magdalena Chowaniec und Valerie Oberleithner widmen sich in ihrer Performance iChoreography wiederum dem akuten Problem der Internetsucht. Dass das Netz unsere Kinder krankmacht, wissen wir: Hier wird mit vier Teenagern an Abwehrstrategien gearbeitet. Thematisch verwandt könnte das Stück Rays der Österreicherin Miriam Sögner sein, in dem die digitale Verstrahlung von analogem Fleisch und Blut behandelt wird.

    Aber es gibt auch Wundversorgung in Sachen Identität, etwa durch Guess What der Salzburgerin Sara Lanner oder mit einem Solo von Hungry Sharks, exemplarische Vergangenheitsverdauung (Eva-Maria Schaller, Ludvig Daae), das Work-in-Progress-Format Handle with care, Tanzen mit dem Publikum und zwei unter Umständen heilsame Partys.

    Das Motto dieser Ausgabe von Imagetanz (2. bis 24. März) lautet "Reflections". Es wird sich zeigen, wie wirksam die Doppelbedeutung dieses Begriffs das Ekstasenfieber der gegenwärtigen Performance beeinflusst. (Helmut Ploebst, 8.2.2018)

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