Englisches Massengrab stammt aus der Zeit des Großen Heidnischen Heeres

10. Februar 2018, 18:30
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Radiokarbondatierung hatte verwirrende Ergebnisse geliefert – die Widersprüche konnten nun aber ausgeräumt werden

foto: martin biddle
Archivbild der Ausgrabungsstätte in Repton.

Bristol – Die frühmittelalterlichen Annalen der Angelsächsischen Chronik berichten vom sogenannten Großen Heidnischen Heer, das im späten 9. Jahrhundert aus Dänemark kommend in England einfiel. Es soll sich zwar weniger um einen einheitlichen Heereszug von Wikingern als um eine lose Ansammlung von Einzelgruppen gehandelt haben – doch waren diese durch die schiere Anzahl an Kämpfern so durchschlagskräftig, dass sie weite Teile des Landes eroberten.

Als in den 1970er Jahren in Repton in Derbyshire ein Massengrab gefunden wurde, schien bald festzustehen, dass es sich dabei um ein Relikt dieses Heeres handeln müsste. Ausgrabungen in den 70er- und 80er Jahren förderten nicht nur einzelne Wikingergräber zu Tage, sondern unter einem künstlich aufgeschütteten Hügel auch eine Grabkammer mit den Überresten von mindestens 264 Menschen. Zwischen den Gebeinen lagen Waffen und Artefakte von Wikingern sowie Silbermünzen, die auf die Zeit zwischen 872 und 875 datiert wurden. Alles passte zusammen.

foto: mark horton
Die im Massengrab gefundenen Knochen enthielten einen versteckten "Fehler".

Dann aber funkte die vermeintlich unfehlbare Radiokarbonmethode zur Altersbestimmung dazwischen und lieferte einige recht verwirrende Ergebnisse. Diese deuteten darauf hin, dass die Knochen, von denen viele Spuren von Gewalteinwirkung zeigten, nicht auf ein einziges Massaker zurückgingen, sondern aus ganz verschiedenen Zeitaltern stammten. Nun sah es eher so aus, als wäre die Grabkammer über Jahrhunderte hinweg immer wieder mit neuen Gebeinen befüllt worden.

Forscher der University of Bristol konnten diesen Widerspruch nun ausräumen. Laut dem Team führte eine mittlerweile bekannte Schwäche der Radiokarbondatierung zu den seltsamen Ergebnissen, der sogenannte "Marine reservoir effect". Durch den Verzehr von Fisch und Meeresfrüchten – und so etwas stand bei einem Seefahrervolk wie den Wikingern täglich auf dem Speisezettel – gelangt Kohlenstoff in den Körper und schließlich in die Knochen, der wesentlich älter sein kann als der in durchschnittlicher landbasierter Nahrung. Messergebnisse können dadurch verzerrt werden.

foto: cat jarman
Einer der Frauenschädel aus dem Massengrab.

Das Team um Cat Jarman hat den Effekt durch Kalkulation des entsprechenden Nahrungsanteils herausgerechnet und kam so zum Ergebnis, dass das Massengrab tatsächlich das ist, was es dem äußeren Anschein nach immer war: eine Grabstätte, die nach einem Einzelereignis angelegt wurde. Und dieses Ereignis stammt aus der Zeit des Großen Heidnischen Heers. 80 Prozent der Toten im Grab waren Männer zwischen 18 und 45 Jahren.

Dass immerhin ein Fünftel der Toten Frauen waren, zeigt, dass die Wikinger nicht nur auf einen raschen Plünderungszug vorbeigekommen waren, sondern auch eine längere Besiedlung im Auge hatten. Es war die nächste – und noch nicht die letzte – Welle von germanischen Invasionen, die dem ehemals keltisch-römischen Britannien schließlich sein heutiges Gesicht gaben. (red, 10. 2. 2018)

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