9.000 Jahre alter Brite mit dunkler Haut

7. Februar 2018, 18:08
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DNA-Profil eines Steinzeitmannes ergab Überraschendes: Offenbar besaßen die Nordeuropäer wesentlich länger einen dunklen Teint als gedacht

foto: natural history museum
Das älteste so gut wie vollständige Skelett eines mesolithischen Briten.

London/Wien – 1903 stieß man in der Gough's Cave in der Grafschaft Somerset im Südwesten Englands auf menschliche Überreste, die sich in weiterer Folge als Sensation entpuppen sollten. Die Knochen aus der Cheddar Gorge, einer riesigen Felsschlucht in den Mendip Hills, ergaben zusammen das bis heute älteste in Großbritannien entdeckte komplette Skelett eines Menschen: Laut unterschiedlichen Datierungsmethoden lebte der nach seinem Fundort benannte "Cheddar Man" vor über 9.100 Jahren.

In den vergangenen 115 Jahren konnten Anthropologen eine ganze Menge über den Herrn aus der Mittelsteinzeit herausfinden. So dürfte der Cheddar Man von eher kleiner Statur gewesen sein. 165 Zentimeter maß er vom Scheitel bis zur Sohle. Genaue Analysen der Knochen lassen darauf schließen, dass er kaum älter als 20 Jahre geworden ist. Woran er starb, ist unklar. Doch mehrere Brüche in der Schädeldecke weisen auf ein gewaltsames Ende hin. Aus Beifunden in der Gough's Cave wollen einige Wissenschafter sogar geschlossen haben, dass die lokale Bevölkerung des Mesolithikums rituellen Kannibalismus betrieb.

Detaillierte DNA-Karte

Nun haben Forscher vom Naturhistorischen Museum in London dem Bild, das man sich vom Cheddar Man macht, einige bedeutende Mosaiksteinchen hinzugefügt. Das Team um Chris Stringer analysierte seine Erbsubstanz – und erlebte dabei eine Überraschung: Der Mann dürfte bei weitem keine so helle Hautfarbe gehabt haben, wie man für einen Nordeuropäer dieser Ära annehmen würde.

Die Proben für die DNA gewannen die Genetiker aus dem Felsenbein, einem harten Teil des Schädels, der das Innenohr umgibt. Zunächst herrschten Zweifel darüber, ob man genug Erbsubstanz extrahieren können würde. Umso erfreuter waren die Forscher dann jedoch, als sie auf Basis des Materials sogar die bisher detaillierteste DNA-Karte eines Menschen aus dem Mesolithikum erstellen konnten. Das macht den Cheddar Man zugleich zum frühesten Briten, für den Geninformationen in dieser Qualität vorliegen.

foto: apa/afp/justin tallis
Etwa so könnte der Cheddar Man aus dem Süden Englands vor über 9.000 Jahren ausgesehen haben.

Dunkle Haut und helle Augen

Die gemeinsam mit Kollegen vom University College London durchgeführte Untersuchung zeigt, dass der Steinzeitmann dunkles, möglicherweise leicht gelocktes Haar und einen sehr dunklen Teint besessen hat. Seine Augen dagegen waren von blauer Farbe. Laut Stringer mag ein solches Aussehen in dieser Region ungewöhnlich erscheinen, für die damalige Jäger-und-Sammler-Bevölkerung Westeuropas war dies jedoch offenbar die Norm. Die Vorfahren des Cheddar Man waren vor rund 11.000 Jahren nach dem Ende der letzten Eiszeit von Kontinentaleuropa über eine Landbrücke, dem sogenannten Doggerland, auf den Britischen Inseln eingewandert.

Die später dominante helle Haut brachten demnach Einwanderer aus dem Nahen Osten erst vor rund 7.000 Jahren nach Nordeuropa. Warum diese neue Landwirtschaft betreibende Population, in der die ursprünglichen Jäger und Sammler allmählich aufgingen, einen bleicheren Teint besaß, ist bisher noch nicht vollständig geklärt. Eine wichtige Rolle könnte die getreidereiche Ernährung gespielt haben, die vermutlich arm an Vitamin D war. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass dieser Mangel durch Sonnenlicht ausgeglichen wurde, das sich bei geringerer Pigmentierung besser absorbieren lässt.

foto: apa/afp/justin tallis
Die Brüder Alfons und Adrie Kennis und ihr Werk.

Gesicht aus der Steinzeit

Ein richtiges Gesicht hat der Cheddar Man mittlerweile auch bekommen: Zur Illustration der neuen Erkenntnisse stellten die beiden niederländischen Künstler und Experten für paläontologische Modellierung Alfons und Adrie Kennis auf Basis der Schädelform mithilfe eines 3D-Druckers eine Büste des berühmten Steinzeitmannes her. (Thomas Bergmayr, 7.2.2018)

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