Nach Börsencrash: Rücksetzer als mögliche Kaufgelegenheit

7. Februar 2018, 18:09
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US-Aktien sind nicht billig, aber die Konjunktur hat den Höhepunkt vor sich, und die Firmengewinne sprießen. Dennoch lauern Stolpersteine

Wien – Alte Börsenweisheiten sind in vielen Fällen hilfreich – sofern sie sich nicht widersprechen. Nicht in ein fallendes Messer greifen, lautet die eine. Buy the dips, also bei Kursrücksetzern kaufen, eine andere. Tatsache ist, dass es nach dem jüngsten Kursrutsch Aktien deutlich billiger zu haben gibt als noch vor kurzem. Immerhin liegen etwa die Aktien an der Wall Street um mehr als sechs Prozent unter dem Hoch von Ende Jänner. Damit ist das Kursniveau binnen weniger Handelstage um beinahe eine Jahresrendite des Aktienmarkts zurückgegangen, die im historischen Mittel bei sieben bis acht Prozent angesiedelt wird. Aber ist damit bereits ein aussichtsreiches Einstiegsniveau erreicht? der STANDARD hat Konjunktur und Bewertungen vor allem in den USA, aber auch in Europa unter die Lupe genommen und heimische Finanzexperten dazu befragt.

· Bewertungen "Ganz überraschend war es nicht, dass es zu einer Gegenbewegung kommt", sagt Aktienstratege Peter Szopo von der Erste Asset Management über die scharfe Kurskorrektur der vergangenen Tage. Schon zuvor seien vor allem die US-Börsen stark gestiegen und die Bewertungen des Aktienmarkts hoch gewesen. "Es ist wahrscheinlich, dass wir noch einige Tage Turbulenzen sehen werden", meint er und fügt hinzu: "Es war ein Warnschuss, das wir auf dieser Bewertung heftigere Korrekturen erleben werden als vor einem Jahr."

Dennoch ist das für Szopo kein Grund, US-Aktien aus den Depots zu werfen – eher das Gegenteil könnte der Fall sein: "Wenn man eine gewisse Risikobereitschaft aufbringt und Schwankungen aushält, kann man jetzt durchaus einsteigen", sagt der Aktienstratege mit Blick auf das starke erwartete Gewinnwachstum der US-Unternehmen. Zwar ist das derzeitige Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) für den marktbreiten S&P-500-Index mit einem Wert von fast 22 sehr hoch. Das bedeutet, dass das Kursniveau der Unternehmen im Schnitt ihrem 22-fachen Jahresgewinn entspricht. Legt man den Kursen jedoch die für 2019 erwarteten Firmenerträge zugrunde, verringert sich die Kennzahl auf 16 – was für Szopo "durchaus im Rahmen" liegt.

Allerdings müssen die US-Unternehmen das erwartete Gewinnniveau bis zum Jahr 2019 auch tatsächlich einfahren. Szopo hält diese Prognosen aufgrund der konjunkturellen Lage in den USA für realistisch. Auch für die europäischen Aktienmärkte ist er zuversichtlich, da die aktuelle Bewertung mit einem KGV von etwas über 18 günstiger ist als in den USA, zudem sei der Konjunkturzyklus auf dem Alten Kontinent noch nicht so weit fortgeschritten.

· Konjunktur Aus Sicht von Peter Brezinschek, Chefanalyst von Raiffeisen Research, sieht die US-Wirtschaft derzeit "sehr solide" aus. Er verweist auf die "gute Balance" aus privatem Konsum, den Exporten und den Ausrüstungsinvestitionen, welche die Konjunktur derzeit trage. Für das laufende Jahr rechnet er mit einem Wirtschaftswachstum von 2,5 Prozent, da die auf den Weg gebrachte Steuerreform die ohnehin dynamische US-Konjunkturentwicklung zusätzlich befeuern dürfte.

Rund um den Wechsel ins nächste Jahr dürfte das Wachstum laut Brezinschek allerdings den Höhepunkt erreichen, bevor 2019 zwar kein Abschwung, aber eine Wachstumsabflachung einsetzen sollte. Was das für den Aktienmarkt bedeutet? "Es sollte heuer weiter hinaufgehen, allerdings mit einer höheren Schwankungsbreite", erwartet Brezinschek.

· Inflation und Zinsen Ein wachsames Auge sollten Anleger jedoch auf die Inflationsentwicklung und den Anleihenmarkt werfen, denn: "Der Rentenmarkt ist das angeschlagene Element, nicht der Aktienmarkt", betont Brezinschek. Hintergrund sei die Befürchtung schnell steigender Zinsen, wenn sich die Inflation nicht, wie von der US-Notenbank Fed erwartet, nach einem zwischenzeitlichen Anstieg im Jahr 2019 wieder bei der Zwei-Prozent-Marke einpendeln sollte. "Was wahrscheinlich nicht der Fall sein wird, wenn der Arbeitsmarkt so leergefegt ist", sagt der Raiffeisen-Experte mit Blick auf Lohnsteigerungen, die bereits die unteren Schichten des Jobmarkts erfasst hätten.

Richtungsweisend werden für Brezinschek ab April die Firmenergebnisse zum ersten Quartal des laufenden Jahres sein: "Wenn die gut sind, dann werden Zinsanhebungen den Aktienmarkt noch nicht stören." Er rechnet im Jahresverlauf mit vier Zinsschritten der US-Notenbank zu jeweils einem Viertelprozentpunkt – womit der US-Leitzins dann bei 2,25 bis 2,5 Prozent angelangt wäre. Was Brezinschek in nächster Zeit vom Rentenmarkt als Warnsignal für Aktien interpretieren würde? "Wenn die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen (von derzeit 2,8 Prozent, Anm.) deutlich über drei Prozent ansteigen sollte." (Alexander Hahn, 8.2.2018)

  • Aufräumarbeiten nach dem Minicrash: Experten stufen Investments an der Wall Street als durchaus aussichtsreich ein.
    foto: apa/afp/bryan r. smith

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