Expedition ins Camp Ermak: Südsibirische Grabungserlebnisse

    Blog8. Februar 2018, 08:00
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    Planumsgrabung mit Spaten und Schaufel – Archäologiestudenten über ihr Monat in der Region Krasnojarsk

    Zwölf angehende Archäologen der Universität Wien beschlossen im Jahr 2015, als Freiwillige an einer archäologischen Expedition der Russian Geographical Society in Sibirien teilzunehmen. Acht verschlug es in die Republik Tuwa, wie schon im Blogbeitrag von vergangener Woche geschildert, vier gelangten in die Region Krasnojarsk im südlichen Sibirien: ins Camp Ermak.

    Aufgrund der voranschreitenden Bauarbeiten der Eisenbahnroute Kyzyl–Kuragino wurde das Camp Ermak – benannt nach dem "Eroberer Sibiriens" Jermak Timofejewitsch – im Jahr 2015 an einen anderen Ort verlegt als in den vorangegangenen Jahren der Expedition. Das Lager befand sich im Minussinsker Becken zwischen den Siedlungen Kuragino und Schoschino an einem Seitenarm des Stromes Tuba, einem Nebenfluss des Jenissei. Die damalige Grabungsstelle, die sogenannte Irba 2, lag nahe an der städtischen Siedlung Kuragino und circa 30 Minuten Fahrzeit vom Camp entfernt. Die archäologischen Ausgrabungen beziehungsweise Rettungsgrabungen der Russischen Geografischen Gesellschaft in Zusammenarbeit mit der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg begannen dort Mitte September 2012.

    Erste Forschungen im frühen 18. Jahrhundert

    In den südlichen Teil Sibiriens und in das Minussinsker Becken wurden seit dem frühen 18. Jahrhundert wiederholt Forschungsreisen im Auftrag Peter I. unternommen, die von deutschen Universalgelehrten wie Gerhard Friedrich Müller oder Peter Simon Pallas geleitet wurden. Ziel war es, die Landschaft und das Gebiet Sibiriens zu untersuchen und so mögliche Erzvorkommen zu entdecken; es wurden aber eben auch schon die ersten archäologischen Forschungen betrieben.

    Für die Grabung der Gegenwart wurde auf einer Fläche von etwa 4.000 Quadratmeter an mehreren Stellen gegraben, zudem wurden Schnitte unterschiedlichen Ausmaßes ausgehoben. Im Laufe der vergangenen drei Jahre wurde inzwischen die beachtliche Anzahl von 150 Schnitten erreicht. An der Ausgrabungsstelle von 2015 wurde ein schmaler Streifen von 40 Meter Länge ausgehoben, der in mehrere Bereiche unterteilt wurde und sich etwa 14 bis 16 Meter über dem heutigen Niveau des Flusses Tuba befindet. Im Zuge der mehrmonatigen Grabungsarbeiten wurde festgestellt, dass auch in tieferen Schichten beziehungsweise auf einem tieferen Level, welches sich nur 3,5 Meter über dem heutigen Flussspiegel befindet, recht reiche Fundvorkommen vorhanden waren. Außerdem war in der Stratigrafie eine lehmige Schicht erkennbar, die auf ein einstiges Sumpfgebiet in dieser Region hinweist, ebenso ist es aber möglich, dass das Niveau des Flusses einst höher lag als heute.

    Durch die Jahrtausende hindurch bot das Minussinsker Becken zahlreichen Menschen eine Heimat, und so finden sich hier Hinterlassenschaften verschiedener regional begrenzter Kulturen der Urgeschichte.

    Forschungsergebnisse der archäologischen Grabung

    Ausgrabungen in diesem Gebiet zeugen allgemein von einer vom Paläolithikum, also der Altsteinzeit, bis zum Mittelalter andauernden Kontinuität. Auch bei unserer Ausgrabung war eine solche Mehrphasigkeit nachweisbar. Die ältesten archäologischen Funde stammten aus dem Paläolithikum und waren überwiegend Knochen von Tieren aus dem auslaufenden Pleistozän – wie Bison, Hirsch und Wildpferd – und außerdem Mikrolithen, also sehr kleine, aus Stein gefertigte Klingen oder Spitzen. Des Weiteren wurden auch andere Steinwerkzeuge sowie Pfeil- und Speerspitzen gefunden. Aufgrund der häufig recht dichten Fundverteilung kann man auf Produktionsplätze und eine damit verbunden Siedlung schließen.

    Anhand der Anzahl der Fundobjekte ist vor allem das Paläolithikum sowie die eisenzeitliche Tagar-Kultur besonders präsent. Diese Kultur wird dem skythischen Kulturkreis zugeteilt (Skythen ist ein von Herodot verwendeter Überbegriff für in Zentralasien lebende Reiternomaden des 1. Jtd. v. Chr.) und ist vom Ende des 10. Jh. v. Chr. bis in das 1. Jh. n. Chr. in dieser Region nachweisbar. Doch in den einzelnen Schichten waren auch noch weitere Fundobjekte aus dem Neolithikum beziehungsweise der Jungsteinzeit, der Bronzezeit bis hin zu der Herrschaftszeit der Mongolen enthalten. Der Verlauf der Eisenbahnstrecke wurde schließlich zum Schutz der Fundstelle geändert.

    Überraschender Grabungsablauf

    Die angewandte Grabungsmethode war für uns Österreicher ein wenig überraschend. In sämtlichen Schnitten erfolgte eine Planumsgrabung, die ausschließlich händisch mit Spaten und Schaufeln durchgeführt wurde. Bei dieser Grabungsart wird nacheinander Erdreich mit (meistens) der gleichen Stärke und zu einer Tiefe von zehn bis 15 Zentimeter abgestochen. Eine andere, und die in Österreich allgemein übliche, Grabungstechnik ist die sogenannte stratigrafische Grabung. Bei dieser Methode gräbt man nach den verschiedenen Erdschichten, die anhand ihrer Farbe oder ihrer Konsistenz erkennbar sowie unterscheidbar sind.

    Entdeckte man beim "Abstechen" der Erde Funde, so markierte man die jeweilige Stelle mit einem Nagel, an dem ein kleines buntes Plastikfähnchen angebracht war. Das Fundstück wurde geborgen und die Stelle mithilfe eines Tachymeters eingemessen. Das übrige Erdmaterial wurde auf den Aushubhaufen geworfen, jedoch wurde dieser nicht nach weiteren Funden durchsucht. Traten mehrere Funde nahe nebeneinander auf, so kamen für diese Feinarbeiten Handschäufelchen und Pinsel zum Einsatz. Um die Funde herum wurden aus dem Erdmaterial Sockel geformt, während die übrige Erdoberfläche weiter abgetragen wurde. So kam es wiederholt vor, dass sich mehrere dünne Erdsäulchen direkt nebeneinander befanden. Der Sinn dahinter bleibt fraglich. Die Grabungsarbeiten gestalteten sich für den Großteil der freiwilligen Helfer kaum abwechslungsreich und bestanden überwiegend aus dem Hantieren und Arbeiten mit Spaten und Schaufeln. Die Annahme, dass die Tätigkeiten der Freiwilligen zumindest jenen einer Lehrgrabung ähneln würden – eine mehrwöchige Praxis, bei der Studierende Einblick in die verschiedensten Techniken, Methoden und Abläufe einer Grabung erhalten –, bestätigte sich nur in geringem Maße.

    Lagerleben und Alltag

    Das Campleben in Ermak war jenem in Tuwa recht ähnlich. Jeder Tag folgte einem geregelten Ablauf, der nur wenige freie Stunden aufwies und mehr zu einem Ferienlager gepasst hätte als zu einer archäologischen Expedition. An sechs Tagen der Woche wurde vormittags gegraben, nachmittags und abends standen gemeinsame Aktivitäten oder Vorträge – auf Russisch – auf dem Programm. Die verschiedenen Tagespunkte wie Aufstehen, Essen, Abfahrt et cetera wurden durch Musik angekündigt. Am siebenten Tag standen Exkursionen am Programm.

    So besuchten wir den in den 1950ern ausgegrabenen Salbyk-Kurgan, der den größten Grabbau im Minusinsker Becken darstellt und einst mit Rasensoden bedeckt eine Pyramidenform gebildet hatte. Dieses Grabmal aus der späten Tagarkultur (5.–3. Jh. v. Chr.) war vollständig geplündert worden. So enthielt die dezentrale Grabkammer neben sieben Individuen lediglich ein bronzenes Messer. Weitere Ausflugsziele waren das Freilichtmuseum der städtischen Siedlung Schuschenskoje, in die Lenin von 1897 bis 1900 verbannt worden war, der Jergaki-Nationalpark und direkt am Ufer des Flusses Tuba gelegene Felsbilder aus dem Neolithikum bis in die frühe Bronzezeit.

    Fazit

    Die Reise nach Sibirien erwies sich insgesamt als weniger abenteuerreich als erwartet, und der archäologische Aspekt kam durch die nur halbtägige, einseitige Arbeit zu kurz. Da die Ankündigung, dass Englisch sowohl auf der Grabung als auch im Camp von allen gesprochen werden würde, nur zu einem geringen Teil der Realität entsprach, ergaben sich allerlei Verständigungsschwierigkeiten. Trotz alledem war es ein schöner Monat mit vielen neuen Eindrücken und Bekanntschaften, die wir nicht missen wollen. (Lukas Summer, Edith Nechansky, 8.2.2018)

    Lukas Summer absolviert seit dem Wintersemester 2014 die beiden Masterstudien Geschichte sowie Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien. Für Letzteres verfasst er momentan seine Abschlussarbeit.

    Edith Nechansky studiert Urgeschichte und Historische Archäologie an der Universität Wien und schreibt derzeit an ihrer Masterarbeit. Gemeinsam mit Leopold Toriser arbeitet sie außerdem die in diesem Blog schon besprochenen Überreste des "Heimatmuseum der Stadt Laa an der Thaya und Umgebung" auf (Wie das Laaer Knochenpuzzle entwirrt wurde, Das verschollene Museum von Laa an der Thaya).

    Zum Thema

    Links

    Literatur

    • Hermann Parzinger, Anatoli Nagler und Andrej Gotlib, Die Fürstengräber der Tagar-Kultur, In: Im Zeichen des goldenen Greifen, Königsgräber der Skythen (München-Berlin-London-New York 2007), 102–116.
    • Hermann Parzinger, Im Herzen Asiens: Tuva und das Minusinsker Becken, In: Die Skythen (3. Auflage, München 2009), 29–47.
    • Der Fluss Tuba, links nicht mehr im Bild die Zelte des Lagers Ermak.
      foto: e. nechansky

      Der Fluss Tuba, links nicht mehr im Bild die Zelte des Lagers Ermak.

    • Das Lager Ermak bei Sonnenuntergang.
      foto: l. summer

      Das Lager Ermak bei Sonnenuntergang.

    • Die Ausgrabungstelle direkt neben einer schon bestehenden Bahnlinie.
      foto: l. summer

      Die Ausgrabungstelle direkt neben einer schon bestehenden Bahnlinie.

    • Mit bunten Plastikfähnchen markierte Funde auf Erdsäulchen in einem der Grabungsschnitte.
      foto: a. öcsi

      Mit bunten Plastikfähnchen markierte Funde auf Erdsäulchen in einem der Grabungsschnitte.

    • Einige der auf der Grabung entdeckten Fundstücke.
      foto: l. summer

      Einige der auf der Grabung entdeckten Fundstücke.

    • Ausflug zum Salbyk-Kurgan, dem größten Kurgan im Minussinsker Becken.
      foto: e. nechansky

      Ausflug zum Salbyk-Kurgan, dem größten Kurgan im Minussinsker Becken.

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