Wie Europa mit seinem Überangebot an Plastikmüll umgehen kann

7. Februar 2018, 06:00
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Nachdem China die Importe von Plastikmüll stoppte, muss die EU jetzt selbst damit fertig werden

Brüssel/Wien – "Plastic Planet" nannte Werner Boote seinen Dokumentarfilm von vor knapp zehn Jahren, in dem er den Plastikverbrauch der Welt kritisierte. "Plastikmüll ist überall", hieß es darin. Tatsächlich hat sich seit der 1960er-Jahre die weltweite Produktion von Kunststoff verzwanzigfacht, in Europa liegt der Verbrauch bei 49 Millionen Tonnen, ein Großteil davon entfällt auf Verpackungen. 700.000 Kilogramm Plastik würden jede Sekunde in den Meeren verschwinden, heißt es von der EU-Kommission. Nicht zuletzt deswegen hat man sich dort das Thema auf die Fahnen geschrieben.

30 Prozent des Plastikmülls werden derzeit in der EU recycelt, ein großer Teil wurde bisher nach China exportiert. Seit Anfang des Jahres gibt es dort ein Importverbot, und die EU muss sich seither selbst um ihren Abfall kümmern. Als Antwort kündigte die Kommission in einem Strategiepapier an, bis 2030 alle Verpackungen wiederverwertbar machen zu wollen. Schon 2016 verabschiedete man eine Richtlinie, die den Verbrauch von Plastiksackerln in den Mitgliedsstaaten verringern sollte. EU-Kommissar Günther Oettinger sprach sich nun auch für eine Plastiksteuer aus, um die Menge an Plastik zu reduzieren und zusätzliche Einnahmen für die EU zu generieren.

Konsequenzen für Müllmarkt

"Dass China nicht mehr den europäischen Müll aufnimmt, hat weitreichende Konsequenzen für den europäischen Müllmarkt", heißt es von der Altstoff Recycling Austria (ARA). Auf dem europäischen Markt könnte es zu einem Überangebot an ausrangierten Kunststoffen kommen, für deren Verwertung zu wenig Kapazitäten zur Verfügung stehen. Vor allem in Deutschland hat man mit einem neuen Plastikproblem zu kämpfen: Dort wurden von den sechs Millionen Tonnen Plastikabfall, der jedes Jahr anfiel, rund 750.000 Tonnen nach China und Hongkong verschifft.

Aber auch in Österreich sei laut ARA mit einer Preisveränderung bei der Plastikverwertung zu rechnen. Immerhin ist auch der heimische Plastikmüllmarkt in den europäischen Binnenmarkt integriert: Jährlich fallen hierzulande rund 900.000 Tonnen Kunststoffabfälle an, von denen 34 Prozent recycelt werden. Da für den Import und Export von Plastikmüll weitgehend keine Genehmigungspflichten bestehen, werden rund 250.000 Tonnen Plastikmüll in andere EU-Staaten exportiert, heißt es vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus (BMNT).

Recyclingbetriebe profitieren

"Bisher hat China für die Altkunststoffe hohe Preise gezahlt, wodurch es beispielsweise in Großbritannien und Irland nicht notwendig war, ein geschlossenes Netz an Recyclingunternehmen aufzubauen", sagt Martin Dupal von der Firma Walter Kunststoffe. Durch den Importstopp und einen möglichen Rückstau an Plastikmüll in Europa scheinen vorläufig allerdings Recyclingbetriebe wie jener von Dupal zu profitieren. Denn während in China viele Verwertungsbetriebe durch den Importstopp bereits schließen müssen, sei die Nachfrage nach den wiederverwerteten Produkten insgesamt gestiegen. "Wir haben vor ein paar Jahren noch 100 Euro für eine Tonne Plastikfolien gezahlt, mittlerweile bekommen wir 30 bis 35 Euro für die Verwertung", sagt Dupal. Für die Sammel- und Sortierunternehmen hieße das, dass sie ihr Material schwieriger loswerden könnten, weil für die Verwertung mehr Kosten anfallen, während sich die Recyclingbetriebe die besten Qualitäten aus dem Plastikmüll auswählen könnten. Die Frage ist, wohin mit all den recycelten Produkten?

"Allein die Recyclingquoten zu erhöhen reicht nicht", sagt Stefan Herzer vom Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe. In Österreich sei man zwar grundsätzlich in der Lage, einen Großteil zu verwerten, es brauche aber auch einen Markt für die gesammelten und recycelten Produkte. "Die Regierung könnte etwa die Hersteller zur Verantwortung ziehen und eine Mindestquote für die Abnahme von recycelten Rohstoffen einführen", fordert Herzer. Derzeit sei die Akzeptanz bei Unternehmen gegenüber Granulaten nicht immer so hoch. Die von der EU geforderten Recyclingquoten stellen sowohl die heimische als auch die europäische Müllindustrie vor große Herausforderungen, heißt es vom BMNT. Können die Quoten nicht erfüllt werden, könnten die gesammelten Produkte erneut ins Ausland gebracht werden, befürchtet Dupal. Statt in China landen sie dann auf einer Deponie in Osteuropa. (Jakob Pallinger, 7.2.2018)

Wissen: Biokunststoff nicht des Rätsels Lösung

Die Vorsilbe "bio-" hat im Zusammenhang mit Kunststoffen zwei Bedeutungen. Einerseits kann sie für biobasiert stehen, andererseits für biologisch abbaubar. Biobasierter Kunststoff wird auf Grundlage von nachwachsenden Rohstoffen hergestellt, das können Mais oder Kartoffeln sein. Dieses Plastik lässt sich natürlich abbauen. Ressourcenintensiv sei dafür der Anbau jener nachwachsenden Stoffe für die Produktion. Den Regenwald dafür abzuholzen könne nicht die Lösung sein, heißt es im Umweltbundesamt. Biologisch abbaubarer Kunststoff basiert auf fossilen Ressourcen. Durch den Zusatz von speziellen Mikroorganismen wird dieser biologisch abbaubar, allerdings nur in speziellen Reaktoren und nicht in der Natur. Was es brauche, sei ein Umdenken bei Konsumenten und Produzenten. (and)

Link: Wie sinnvoll eine Plastiksteuer für Europa wäre

  • Für die EU war es komfortabel, den Plastikmüll nach China zu transportieren. Jetzt könnte man auf dem Müll sitzen bleiben.
    foto: afp / fred dufour

    Für die EU war es komfortabel, den Plastikmüll nach China zu transportieren. Jetzt könnte man auf dem Müll sitzen bleiben.

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