Absturz der Weltbörsen: Nerven behalten oder auf die nächste Blase warten

7. Februar 2018, 10:08
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Kommt der Crash? Die Aktienpreise stiegen rapid, Investments waren zuletzt riskant. Trotzdem spricht einiges dafür, die Nerven zu behalten

Ist es bloß eine Kurskorrektur nach einem langen Höhenflug, oder handelt es sich bei den aktuellen Turbulenzen um den ersten Vorboten für einen Crash an den globalen Aktienmärkten? Von New York über London und Frankfurt bis nach Tokio war das am Dienstag die am hitzigsten diskutierte Frage unter Investoren, Börsengurus und Analysten nach dem Einbruch an der Wall Street am Vortag. Vier Billionen Dollar an Kursverlusten wurden verzeichnet. Anders ausgedrückt: 4.000.000.000.000 Dollar. Am Dienstag ging es an der Wall Street schon wieder bergauf, doch die Angst vor einem Crash bleibt. Faktum ist, dass die Aktienpreise und die Kreditaufnahmen extrem gestiegen sind. Das kann ein Anzeichen dafür sein, dass die nächste Blase platzt.

  • Exzessiver Preisanstieg: Ob Aktien und andere Wertpapiere zu "teuer" sind, dafür gibt es viele Messlatten. Tesla beispielsweise schreibt im Unterschied zu den großen Autokonzernen Verluste, wird aber an den Börsen wegen angeblich guter Zukunftsaussichten höher bewertet als die vielfach größeren Unternehmen General Motors, Ford oder Volkswagen. Eine herkömmliche Methode zur Messung der Preise ist jene, den Börsenwert in Relation zum Ertrag zu setzen. Anhand dieses Indikators zeigt sich, dass die aktuellen Kurse auch mit den hohen Gewinnen nur schwer zu rechtfertigen sind. Ein besonders anerkanntes Barometer ist der Cape-Index, der unter anderem von Nobelpreisträger Robert Shiller entwickelt wurde. Nach seinen Berechnungen sind US-Aktien derzeit doppelt so teuer wie im historischen Mittel. Nur kurz vor dem Platzen der Tech-Blase 2001 war noch mehr Fantasie in den Kursen.
  • Hohe Schulden: Derartige Erkenntnisse allein lassen nicht zwingend darauf schließen, dass der Crash kommt, noch weniger darauf, wann dieser erfolgen würde. Allerdings kommen Korrekturen gern zu einem Zeitpunkt, an dem man nicht damit rechnet. Der Investor David Rubenstein sagte kürzlich: "Immer wenn die Leute denken, dass nichts Schlimmes passieren kann, geschieht genau das." Was die Situation derzeit besonders gefährlich macht: Die hohen Kurse gehen einher mit einem nie dagewesenen Kreditboom. Billiges Notenbankgeld, niedrige Zinsen und das Ausblenden von Risiken ließen die globale Verschuldung von Staaten, Unternehmen wie Haushalten auf 233 Billionen US-Dollar explodieren. Selbst Staaten und Unternehmen mit miserabler Bonität konnten Schulden zu günstigsten Konditionen aufnehmen. Das hochverschuldete Italien beispielsweise zahlt nicht einmal zwei Prozent Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen. Was, wenn Investoren plötzlich auffällt, dass sie mit Risiken zu sorglos umgegangen sind? Kommt es zu einer größeren Korrektur, wären viele der Kredite, die zuletzt vergeben wurden, nicht ausreichend besichert – Notverkäufe wären die Folge und würden die Kurse an Anleihenmärkten nach unten drücken. Banken sind traditionell die größten Investoren in Staatsanleihen – sie würden also einen Preisverfall sofort spüren. Die Krise auf dem Aktienmarkt würde auf die Finanzindustrie übergreifen.
  • Pulver verschossen: Internationale Organisationen wie der Währungsfonds oder die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich warnen schon seit langem vor einem Platzen der Kreditblase, insbesondere im Zusammenhang mit steigenden Zinsen, die den Schuldendienst verteuern. Kurzfristige Turbulenzen könnten rasch in eine Krise münden, weil die Notenbanken ihr Pulver bereits verschossen haben, also nicht neuerlich im selben Ausmaß wie nach 2008 an den Märkten intervenieren könnten, warnte kürzlich der bekannte Ökonom Kenneth Rogoff. Der Harvard-Professor meinte, dass "wir nicht einmal einen Plan A haben, wenn es zu einer neuen Finanzkrise kommt".
  • Der Wirtschaft geht es blendend: Eines der Argumente von Bankanalysten wie Valentin Hofstätter von der Raiffeisen Bank International dafür, dass der große Absturz nicht kommen wird, lautete am Dienstag, dass es der Weltwirtschaft dafür zu gut geht. Manager großer Unternehmen werden regelmäßig dazu befragt, wie die Geschäfte laufen. Wie steht es mit den Auftragseingängen, wie ist die Produktionsauslastung? Die Antworten sind ein Gradmesser dafür, wie es der Wirtschaft geht. Aktuell brummt der globale Motor lauter als in den vergangenen drei Jahren. Das globale Wachstum könnte 2018 bei vier Prozent liegen, was sogar etwas mehr ist als 2017. Nicht nur die Kauflaune der Konsumenten ist in den meisten Ländern prächtig, was Einzelhändlern und Dienstleistern hilft. Die Industrieproduktion hat zuletzt in den USA um sieben Prozent zugelegt. Aufgrund der gestiegenen Ölpreise floriert die US-Erdölindustrie. Auch Europa und Japan erleben ein Comeback der Industrieproduktion. Die Investitionen in Anlagen und Maschinen sind robust.
  • Kein Lehman-Effekt in Sicht: Während es genügend gute Nachrichten gibt, fehlen die richtig schlechten. 2008 war der Crash eine Folge von Problemen, die auf dem Immobilienmarkt ausbrachen. Banken hatten ein Milliardengeschäft aufgezogen, das darauf beruhte, dass der Immobilienmarkt stabil bleibt. Als die Preise für Häuser fielen, waren die Papiere plötzlich wertlos. Milliardenwerte lösten sich in Luft auf, traditionsreiche Investmentbanken wie Lehman Brothers und Bear Stearns kollabierten. Was folgte, war Panik an den Börsen. Eine ähnliche Katastrophe ist derzeit nicht absehbar. Im Gegenteil: Auslöser der aktuellen Kurskorrektur war, dass die US-Bruttolöhne etwas stärker gestiegen sind, als Analysten erwartet hatten. Einige Investoren fürchten deshalb eine höhere Inflation in den kommenden Monaten und höhere Zinsen. Höhere Zinsen bedeuten, dass Unternehmen schwerer an Geld kommen, weniger expandieren können und die hohen Schulden zum Problem werden. Die Folge wäre eine lahmende Konjunktur. Allerdings: Die Inflation in den USA lag zuletzt bei 2,1 Prozent, genau dort, wo die Notenbank die Werte haben will. Ohne steigende Energiepreise waren es sogar bloß 1,8 Prozent. In der Eurozone ist die Inflation zuletzt gesunken, sie liegt bei 1,3 Prozent, ist also deutlich unter den Zielwerten der Europäischen Zentralbank (EZB). Sprich: Von galoppierender Inflation gibt es keine Spur. Wenn Notenbanken Zinsen anheben werden, dann langsam und moderat.
  • Der Kurssturz ist ein Knick: Der Absturz der Wall Street am Montag war dramatisch. Der US-Leitindex Dow Jones ist aber allein im vergangenen Jahr um 25 Prozent gestiegen. Selbst im Jänner legte er nochmal so stark zu wie sonst innerhalb eines ganzes Jahres. Die Korrektur ist im Vergleich dazu immer noch bescheiden: Der Dow Jones ist auf jenen Wert zurückgefallen, wo er Mitte Dezember 2017 war. Auch damals sprach niemand von einer Krise und einem bevorstehenden Crash. Der Ökonom Stephan Schulmeister sagt zudem, dass Finanzkrisen wie 2008 häufig durch einen breiten Preisverfall bei Aktien-, Immobilien-, und Rohstoffmärkten ausgelöst werden. Der Immobiliensektor ist stabil, ebenso die Rohstoffpreise. Bisher gibt es nur einen deutlichen Knick auf dem Aktienmarkt.
  • (Andreas Schnauder, András Szigetvari, 7.2.2018)
  • Ein Händler in New York sieht gar besorgt aus.
    foto: reuters/brendan mcdermid

    Ein Händler in New York sieht gar besorgt aus.

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