Sexuelle Gewalt: Der Triebtäter-Mythos

Kommentar7. Februar 2018, 06:00
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Ob höhere Strafen sinnvoll sind, wurde breit diskutiert. Was in der Debatte verlorenging, ist der Blick auf die Opfer

Manche Aussagen entziehen sich dem Widerspruch. Sexualgewalt muss Konsequenzen haben! Da sagt keiner Nein. Und weil Politiker nach Zustimmung gieren, nutzt die ÖVP die Ankündigung höherer Strafen für Sexualstraftäter seit Monaten als Mittel zur Eigenwerbung. Nun ist es also wieder so weit.

Ob höhere Strafen sinnvoll sind, wurde breit diskutiert. Was in der Debatte verlorenging, ist der Blick auf die Opfer. Die Mehrheit zeigt die Tat nämlich erst gar nicht an. Diese Täter landen nie vor Gericht. Die Frage, wie hart die Tat bestraft werden soll, wird hier nie gestellt.

Das Schweigen der Opfer hat viele Gründe. Einer liegt in den Mythen, die unser Denken über Sexualgewalt beherrschen. Der Sexualstraftäter – in unseren Köpfen ist das der lüsterne Unhold, der irre Pädophile. Was aber, wenn der beliebte Skisportstar, der seriöse Politiker, der liebe Freund, der nette Onkel ins Visier gerät? Dann wehren wir die Vorwürfe ab. Warum spricht sie erst jetzt, fragen wir. Ist sogar er das wahre Opfer – einer Verleumdung?

Auch um das typische Opfer ranken sich Mythen. Schwach und passiv hat es zu sein. Ist die Betroffene eine selbstbewusste, sexuell aktive Frau? Vermutlich wollte sie es so! Ist sie eine Ehefrau, die sich trotz jahrelang erlittener Gewalt nicht getrennt hat? Sorry, selbst schuld! Solange diese Mythen unser aller Denken prägen, werden Opfer weiter schweigen – und die Täter bleiben unbestraft. (Maria Sterkl, 7.2.2018)

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