Stimmen aus der Kulturszene zum offenen Brief von 60 Mitarbeitern des Burgtheaters

    6. Februar 2018, 18:06
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    Machtdebatte: "Es darf zu keinem System werden"

    "In allen Machtpositionen, in denen Menschen einsame Spitze sind, kann Macht auf verschiedenste Art und Weise missbraucht werden, können Sexismus und Unterdrückung gedeihen – und das gehört zu Recht bekämpft! Theater und seine Künstler*innen profitieren ausschließlich von einem Klima der Solidarität und des Andersseindürfens. Mut und Risiko sind die Impulsgeber. Nie darf es zu einem System werden, in dem Angst herrscht und geschürt wird; auch von Regisseur*innen ist eine solche Vorgehensweise kontraproduktiv! Ein solches System muss frühzeitig gestoppt werden. Dazu braucht es Mut. Wenn dieser, wie in letzter Zeit, aufgebracht wird, bleibt die Hoffnung, dass dadurch Veränderung und ein neues Bewusstsein bewirkt werden können." (Iris Laufenberg ist seit 2015 Intendantin des Schauspielhauses Graz)

    j. j. kucek

    "Die durch #MeToo ausgelöste Debatte war überfällig. Noch geht sie aber nicht weit genug. Noch bleibt sie anekdotisch.Der offene Brief der Kolleg*innen von der Burg ist angesichts seines sehr skrupulösen und auch selbstkritischen Gestus wirklich sympathisch. Aber auch er geht nicht weit genug, auch er bleibt anekdotisch, weshalb es dem Ex–Intendanten Hartmann sehr einfach gemacht wird,anekdotisch zu antworten. Beide Seiten stecken in der gleichen Sackgasse fest: sie glauben beide an angeblich feststehende hierarchische Gefälle, die irgendwie "abgeflacht"werden sollen.Und beide Seiten vergessen dabei den so uralten klugen Satz, der dabei auf allen Theaterproben überall Standard ist: "Den König spielen immer die anderen". "Den König spielen immer die anderen" heißt übertragen: der König ist nicht alleine verantwortlich für die Schweinereien, die er begeht. Sie wären vielmehr gar nicht möglich, wenn "das Volk" sie nicht decken würde. Mit Widerstand zur rechten Zeit könnten die König*innen mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Hochform auflaufen.Es gibt ein Märchen namens "Des Kaisers neue Kleider". Ist darin der Kaiser der einzig Schuldige? Wir sind, fürchte ich, noch lange nicht so weit, wie wir gerne wären.Warum eigentlich? Warum ist nachdenken und dann entsprechend handeln so schwer?" (Gerhard Willert war Ex-Schauspieldirektor am Landestheater Linz)

    foto: imago/rudolf gigler

    "Grundsätzlich ist – selbstverständlich auch im Museumsbereich – jegliche Form von Machtmissbrauch, auf jeder Ebene und in jeder Hinsicht, abzulehnen. Man muss sich der Verantwortung, die man als Führungskraft hat, bewusst sein. Es ist indiskutabel, den Gestaltungsspielraum und die Entscheidungskompetenz, die man als Vorgesetzter wahrnehmen muss, sachfremd zu nutzen oder gar gegenüber MitarbeiterInnen zu missbrauchen." (Klaus Albrecht Schröder ist seit 1999 Direktor der Wiener Albertina.)

    foto: apa/georg hochmuth

    "#MeToo hat wichtige Themen losgetreten, die sicherlich auch in der österreichischen Kulturszene Fragen aufwerfen und Probleme aufzeigen. Das unterstütze ich. Wolfgang Bergmann und ich verstehen es nicht nur als menschliche Haltung, Mitarbeiter_innen respektvoll zu behandeln, wir unterliegen als Leitung des Hauses auch dem Bundesmuseengesetz. Daraus leitet sich die Aufsicht durch ein Kuratorium oder die Trennung der wirtschaftlichen und der wissenschaftlichen Leitung als wichtiger Kontrollmechanismus ab. Das Belvedere hat darüber hinaus einen sehr aktiven Betriebsrat sowie eine Gleichbehandlungsbeauftragte, mit denen wir gut zusammenarbeiten. Auf struktureller Ebene ist das Problem der Machtkonzentration durch ein funktionierendes Checks-and-Balances-System zu vermeiden. Macht kann nur missbrauchen, wer unbeschränkt über sie verfügt oder so agiert 'als ob'." (Stella Rollig leitet seit 2017 das Wiener Belvedere.)

    heribert corn

    "Ganz generell sehen wir immer wieder, dass gleichberechtigter Umgang und Respekt noch nicht überall selbstverständlich sind. Und Belästigung und Herabwürdigung dürfen ganz generell keinen Platz in unserer Gesellschaft haben. Das Gesetz kann nicht jeden zwischenmenschlichen Umgang regeln – im Fokus muss dieser Respekt vor der unantastbaren Würde und Freiheit des Menschen stehen. Insbesondere bei Autoritätsverhältnissen und beruflichen Abhängigkeiten muss besondere Sensibilität gelten." (Gernot Blümel ist seit Dezember 2017 ÖVP-Kulturminister.)

    robert newald

    "Über den Betriebsrat hinaus gibt es in jeder Gesellschaft der Bundestheater-Holding (Burgtheater, Staatsoper, Volksoper, Art for Art) Gleichbehandlungsbeauftragte als neutrale Anlaufstellen. In den Konzernrichtlinien wird Wohlverhalten eingefordert und jede Form der Diskriminierung klar abgelehnt. Gesetzliche, kollektivvertragliche und betriebliche Bestimmungen schaffen die Regeln, die ein faires Miteinander definieren. Diese müssen wir bewusster machen und zum Selbstverständnis werden lassen." (Christian Kircher ist seit 2015 Geschäftsführer der Bundestheater-Holding.)

    foto: apa/georg hochmuth

    (6.2.2018)

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