Unizugangsbeschränkungen – Eignungstests nicht per se verteufeln

Kommentar der anderen6. Februar 2018, 15:15
46 Postings

Aufnahmetests werden in Österreich meist pauschal als unfair empfunden, ein differenzierter Blick täte dem Thema gut

Im Zuge der "neuen Unifinanzierung" hat Bildungsminister Heinz Faßmann (ÖVP) neue Zugangsregeln für Erziehungswissenschaften, Fremdsprachen und Jus in Aussicht gestellt. Besonders überlaufene Fächer können künftig standortautonom Zugangsbeschränkungen einführen. Das nährt Befürchtungen hinsichtlich Fairness und sozialer Selektivität.

Aufnahmetests werden oft pauschal diskutiert. Die Bewertung von Aufnahmeverfahren ist keine politische Problemstellung, sondern eine Diskussion, die fachlich zu führen ist. Folgende Aspekte kommen dabei meist zu kurz:

1. Der Einsatz von Eignungstests kann sinnvoll sein, wenn Studiengänge eindeutig identifizierbare Anforderungen an Studierende stellen, die nachweisbar in Zusammenhang mit Erfolgskriterien stehen (Studienabschluss, Studienzufriedenheit ...). Diese Anforderungen sollten nicht durch andere Merkmale kompensierbar und nicht oder nur in geringem Ausmaß erlernbar, aber zeitlich stabil sein. Während klassische Eignungstests Personen anhand ihrer Testleistungen in eine Rangreihe bringen oder im Hinblick auf vorab festgesetzte Kriterien beurteilen, sollen Online-Self-Assessments (OSA) dazu beitragen, dass Studierende besser selbst erkennen, ob und wie sehr sie den Anforderungen eines Studiums entsprechen. OSA sind ein hilfreiches Tool, wenn sie einem Aufnahmetest vorgeschaltet sind und durch Selbstdiagnose der Anteil geeigneter Personen zum Aufnahmetest steigt. Außerdem können OSA den Beratungscharakter nutzen und einen Schwerpunkt auf Persönlichkeitsmerkmale legen, deren Messbarkeit in der Eignungstestsituation erschwert ist.

Fairness evaluieren

2. Eignungstests sind nicht per se unfair: Es liegt in der Verantwortung der Entwickler, sie so zu gestalten, dass sie fair messen. Fairness bedeutet, dass allen Personen im Zuge eines Auswahlverfahrens in gleicher Weise die Möglichkeit gegeben wird, ihr Potenzial zu zeigen. Zu berücksichtigen sind die Testinhalte, die Aufgaben und ihre methodische Umsetzung. Bereits eine Entscheidung für Multiple-Choice- oder Free-Response-Formate kann Geschlechtsunterschiede verändern. In Bezug auf die Fairness werden Prozessmerkmale relevant: Haben alle Bewerbenden die gleichen Informationen vorab, den gleichen Zugang zu Hilfestellungen? Die Fairness eines Aufnahmeverfahrens ist empirisch prüfbar und muss laufend evaluiert werden.

3. Das Potenzial von Aufnahmetests ist reduziert, wenn wesentliche Informationsquellen ignoriert werden. Es ist eine österreichische Spezialität, Schulnoten zu vernachlässigen. Dabei kann die Berücksichtigung von längerfristigen Leistungsnachweisen den Nachteil bestimmter, etwa testängstlicher Personen im Assessment ausgleichen. In manchen deutschen Aufnahmeverfahren für den Studiengang Medizin werden Schulnoten höher gewichtet als Testdaten. Aufnahmeverfahren, die unterschiedliche Informationsquellen (Test, Noten, asynchrones Videointerview) berücksichtigen, sind zu bevorzugen. Sie ermöglichen es, eine größere Diversität unterschiedlicher, aber geeigneter Personen zu erkennen.

Transparent gestalten

Überraschend ist, dass der Begriff der Fairness in Österreich nicht mit standardisierten Aufnahmeverfahren in Verbindung gebracht wird. Dass es umgekehrt sein kann, zeigte Jutta Allmendinger bereits vor 15 Jahren in ihrer Untersuchung zum Zusammenhang von Merkmalen der universitären Personalselektion auf die Repräsentanz von Frauen in einem Ländervergleich (Deutschland, Türkei, Schweden, USA). Das (damalige) türkische Bildungssystem mit der vergleichsweise stärksten Formalisierung (das heißt unter anderem Eingangstest für die allgemeine Hochschulzulassung, Test zur Aufnahme eines Promotionsstudiums, Einstieg in eine Assistentenstelle über einen landesweit einheitlichen Test) wies dabei über die Karrierestufen hinweg die vergleichsweise geringste Veränderung im Frauenanteil auf. Dagegen sank ihr Anteil im Karriereverlauf in jenem Wissenschaftssystem mit der geringsten Formalisierung (Deutschland) am deutlichsten. Transparent gestaltete, objektivierbare Leistungsanforderungen können nicht nur motivieren, sondern auch den Einfluss von Stereotypen und informellen sozialen Netzwerken reduzieren.

Daher greift die gegenwärtige, faktenlos geführte Diskussion zu kurz. Es muss nicht diskutiert werden, ob getestet wird, sondern wie. Gerade bei standortautonomen Zugangsbeschränkungen ist zukünftig darauf zu schauen, dass internationale Standards auch in solch "kleinerem Rahmen" eingehalten werden. (Tuulia Ortner, 6.2.2018)

Tuulia Ortner ist Universitätsprofessorin für Psychologische Diagnostik im Fachbereich Psychologie an der Universität Salzburg.

Share if you care.