Rohingya in Bangladesch "geht es noch immer unglaublich schlecht"

Interview8. Februar 2018, 07:00
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Die Krise der hunderttausenden Rohingya-Flüchtlinge in Bangladesch drohe vergessen zu werden, sagt Care-Mitarbeiterin Jennifer Bose

Als Folge der brutalen Verfolgung der muslimischen Minderheit der Rohingya in Myanmar sind bereits hunderttausende Menschen nach Bangladesch geflohen. Dort kämen internationale Hilfsgelder zwar an, aber die Masse an Flüchtlingen und die Hilfe, die erforderlich sei, sprenge jeglichen Maßstab, schildert Jennifer Bose von der Hilfsorganisation Care im STANDARD-Gespräch. Eine Rückkehr der Flüchtlinge nach Myanmar, auf die sich Myanmar und Bangladesch geeinigt hatten, sei für sie nur realistisch, wenn sie "freiwillig, sicher und in Würde" geschehe.

STANDARD: Sie waren in den vergangenen zwei Wochen in Bangladesch und zuletzt bereits im Oktober – was hat sich verändert?

Bose: Es hat sich einiges getan, aber die Situation in den Camps ist noch immer sehr schlimm. Den Menschen geht es zwar etwas besser, aber noch immer unglaublich schlecht.

STANDARD: Woran fehlt es konkret?

Bose: Die Flüchtlinge haben keine Elektrizität, es gibt nicht genügend sauberes Trinkwasser, sie hausen in Plastikzelten. Hilfsorganisationen sind zwar für das Nötigste vor Ort, etwa Notunterkünfte, Wasser- und Sanitärmaßnahmen, medizinische Versorgung oder psychologische Betreuung. Aber wir brauchen noch immer viel mehr, um alle Flüchtlinge in den Camps angemessen zu versorgen.

STANDARD: Bei der UN-Geberkonferenz im Oktober wurden 340 Millionen US-Dollar zugesagt – hat sich die Situation dadurch verbessert?

Bose: Es hat auf jeden Fall einen Unterschied gemacht, die Hilfsleistungen sind vor Ort angekommen. Gleichzeitig sieht man aber auch, wie noch viel mehr gebraucht wird. Die Menschen sind wirklich innerhalb von Minuten ohne jegliches Hab und Gut geflohen und sind jetzt in den Camps von Hilfsleistungen abhängig. Organisationen sind zwar vor Ort, aber die Masse an Flüchtlingen und die Hilfe, die erforderlich ist, sprengt alle Maßstäbe.

STANDARD: Wie hoch ist das Risiko von Krankheitsausbrüchen?

Bose: Sehr hoch, besonders jetzt kurz vor der Regenzeit, wo wir von hunderttausenden Betroffenen ausgehen. Als ich im Oktober hier war, hat es fürchterlich geregnet, die Menschen standen knietief im Matsch – das kann natürlich sehr schnell zum Ausbruch von Krankheiten führen, gerade wenn es nicht genügend Toiletten in den Camps gibt.

STANDARD: Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat eine Cholera-Impfaktion durchgeführt – ist damit die Gefahr zumindest etwas eingedämmt?

Bose: Bei Cholera auf jeden Fall, aber das ist nicht die einzige Krankheit. In den vergangenen Wochen sind etwa viele Menschen an Diphtherie verstorben. Auch Krankheiten wie Durchfall betreffen gerade mangelernährte Kinder sehr stark, die sowieso schon sehr schwach sind. Es ist unglaublich wichtig, dass wir das eingrenzen, gerade vor dem Monsun, der wahrscheinlich im März beginnt, damit die Menschen gewappnet sind.

STANDARD: Wie sieht der Alltag der Flüchtlinge aus?

Bose: Sehr trist. Viele Frauen halten sich bis zu 23 Stunden am Tag in den Zelten auf – das liegt auch an den Normen, die ihnen verbieten, zu einer Zeit rauszugehen, wo sie andere Männer sehen könnten. Die Kinder spielen zwar, vielen sieht man das Leid dann nicht wirklich an, aber sie gehen nicht zur Schule. Es gibt kaum Arbeitsmöglichkeiten, was natürlich dazu führt, dass die meisten Flüchtlinge sich hier eigentlich kein neues Leben aufbauen können.

STANDARD: Wollen die Menschen nach Myanmar zurück?

Bose: Es ist unterschiedlich. Einige nicht, weil sie dort erlebt haben, wie ihre Häuser niedergebrannt, wie Frauen vergewaltigt, wie Familienmitglieder vor ihren Augen erschossen wurden. Es gibt aber auch einige Flüchtlinge, die zurückwollen – allerdings nur, wenn sie wissen, dass sie in Sicherheit sein und als Rohingya auch anerkannt werden.

STANDARD: Bangladesch und Myanmar haben sich Mitte Jänner darauf verständigt, die Flüchtlinge innerhalb der nächsten zwei Jahre zurückzuführen. Halten Sie diesen Zeitplan für eine Rückkehr bzw. eine Rückkehr insgesamt für realistisch?

Bose: Die meisten Menschen haben furchtbare Angst davor, nach Myanmar zurückgeschickt zu werden, weil es für sie dort keine Heimat mehr gibt. Eine Rückkehr – wenn sie stattfindet – muss freiwillig, sicher und in Würde geschehen. Es ist absolut notwendig, dass wir als internationale Gemeinschaft zusammenarbeiten: Das beinhaltet die Regierungen von Myanmar und Bangladesch, aber eben auch nationale und internationale Hilfsorganisationen, damit eine sichere Rückkehr gewährleistet werden kann.

STANDARD: Die "New York Times" berichtete, dass die Ressourcen in Bangladesch für die Flüchtlinge so knapp seien, dass manche ihre Fluchtgeschichten tragischer erzählen, als sie tatsächlich gewesen seien. Haben Sie so etwas auch erlebt?

Bose: Man muss sich vorstellen, dass die Menschen leiden – sie sind jetzt schon seit sechs Monaten in Bangladesch. Es kristallisiert sich natürlich immer mehr heraus, was am meisten hilft, damit sie mehr Hilfsleistungen bekommen – manchmal werden etwa Kinder vorgeschickt oder Geschichten verändert. Das ist ein Verlauf, dem viele Menschen nachgehen würden, wenn sie am Abgrund stehen und einfach nichts mehr haben.

STANDARD: Was sind Ihre Befürchtungen?

Bose: Die Krise dauert jetzt schon sechs Monate an. Obwohl Hilfsleistungen ankommen, habe ich das Gefühl, dass die Krise an jedem weiteren Tag dazu tendiert, vergessen zu werden. Die Menschen haben auch selbst unglaubliche Angst davor, vergessen zu werden. Bereits in Myanmar haben sie gelitten, seit Jahrzehnten keine Identität und nur sehr wenige Hilfsleistungen bekommen. Die internationale Gemeinschaft hat ihnen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt. (Noura Maan, 8.2.2018)

foto: care
Zur Person:
Jennifer Bose (30) arbeitet seit April 2017 als Emergency Communications Officer bei der Hilfsorganisation Care und ist größtenteils in humanitären Krisen und Katastrophengebieten unterwegs, etwa in Somalia. In Bangladesch war sie in der vergangenen zwei Wochen sowie auch im Oktober 2017.


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