Äthiopien und die Augenkrankheit Trachom

    Userartikel19. November 2018, 09:46
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    Eine Augenkrankheit gefährdet die Gesundheit Äthiopiens. Philipp Hamedl war vor Ort und hat sich angesehen, wie Hilfsorganisationen den Staat dabei unterstützen

    Tabach ist eine 35 Jahre alte Frau und leidet an der bakteriellen Augeninfektion Trachom. Gemeinsam mit dutzenden weiteren Frauen, Männern und Kindern ist sie deshalb an diesem Tag zur Gesundheitsstation in Merti gekommen und lässt ihre Augen untersuchen, um sie operieren zu lassen. Merti liegt weit abgelegen im Hinterland Äthiopiens, wo es Familien wie jener von Tabach am Nötigsten fehlt. Sie müssen mit dem bisschen Ernte, das die kleinen, erodierten Felder hergeben, ein Auskommen finden.

    Seit mehreren Jahren leidet die junge Frau unter der bakteriellen Augeninfektion Trachom, die ihr es zuletzt nicht mehr möglich machte ihre Arbeiten am Feld und im Haus zu verrichten – sie sah nur mehr verschwommen und hatte ständige Schmerzen. Im Endstadium der Erkrankung wölbt sich das Augenlid nach innen, die Wimpern kratzen mit jedem Zwinkern an Horn- und Bindehaut und entzünden das Auge. Unbehandelt führt die Erkrankung zur Erblindung – in den Anfangsstadien reicht die Gabe eines Antibiotikums und einer Salbe – jetzt benötigt Tabach jedoch eine Operation. Genauso wie 3,2 Millionen Menschen weltweit, wobei vier Mal so viele Frauen wie Männer betroffen sind.

    Ein weiter Weg

    Für die Errichtung der Gesundheitsstation in Merti musste die Bevölkerung noch 20 Kilometer zu Fuß zurücklegen, um Zement heranzuschaffen. Mittlerweile können Geländefahrzeuge wie jene der Hilfsorganisation "Menschen für Menschen" die Region erreichen und vor Ort Augenuntersuchungen und Operationen durchführen. Tabach und ihre Nachbarn erfahren in der Regel am Markt von dieser Möglichkeit, wo ein Mitarbeiter der Organisation die Untersuchungen ankündigt.

    foto: philipp hamedl
    Der Weg nach Merti ist weit.

    Viele, vor allem ältere Menschen, sind dem Aufruf gefolgt und haben den oft weiten und beschwerlichen Weg nach Merti auf sich genommen. Sie hoffen, an diesem Tag ebenfalls operiert zu werden. Der speziell für diese Operation trainierte und von "Menschen für Menschen" angestellte Diplomkrankenpfleger wird an diesem Tag nur rund zehn Personen behandeln können. Bereits verlorene Sehkraft könnte nur durch eine Hornhauttransplantation wiederhergestellt werden. In Ländern wie Äthiopien ist dies jedoch kaum machbar, insbesondere nicht in den ländlichen Regionen.

    Die Krankheit bekämpfen

    Die in Europa bereits ausgerottete Krankheit ist eine von 17 von der WHO deklarierten "vernachlässigten Tropenkrankheiten". Das heißt, dass sie im Gegensatz zu Malaria, Aids oder Tuberkulose nur wenig Aufmerksamkeit auf sich zieht und ihr wenige Forschungsgelder gewidmet sind. Eine Allianz, bestehend aus Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und dem Privatsektor, hat sich, unterstützt von der WHO, das Ziel gesetzt, Trachom bis 2020 als gesellschaftliches Gesundheitsproblem zu beseitigen. Schätzungsweise eine Milliarde US-Dollar werden dafür benötigt, 200 bis 300 Millionen Dollar sind bereits zugesagt. Im Gegensatz wird der jährliche Produktivitätsverlust aufgrund von Trachomerkrankungen von der "Internationalen Agentur für die Verhütung von Blindheit" auf acht Milliarden Dollar geschätzt.

    Mit 75 Millionen Menschen sind zwei Drittel der Gesamtbevölkerung Äthiopiens gefährdet, an der bakteriellen Augeninfektionskrankheit Trachom zu erkranken und in Folge zu erblinden. Knapp 700.000 Menschen brauchen bereits eine dringende Operation, damit ihr Augenlicht erhalten bleibt. Das ostafrikanische Land ist das am stärksten von dieser Erkrankung betroffene Land. Statistisch gesehen muss sich in Äthiopien ein Augenarzt um rund 1,2 Millionen Menschen kümmern. Der Großteil der Augenärzte ist jedoch in der Hauptstadt Addis Abeba tätig – in den ländlichen Gebieten fehlt diese medizinische Versorgung oft zur Gänze.

    Mit Strategie zum Ziel

    Hauptursache für die weite Verbreitung der Erkrankung sind einerseits schlechte hygienische Bedingungen in ländlichen Regionen ärmerer Länder und andererseits fehlendes Wissen der Bevölkerung, wie eine Infektion mit dem für die Augenerkrankung verantwortlichen Bakterium, Chamydiatrachomatis, verhindert werden kann. Die von der WHO eigens dafür entwickelte "SAFE-Strategie" soll Abhilfe schaffen. S wie Surgery für die Operation des Augenlides, A wie Antibiotics für die Verabreichtung von Antibiotika zur Vorsorge und Salben zur Behandlung, F wie Facial Cleanliness, Bewusstseinsbildung für die Wichtigkeit des Gesichtswaschens und E wie Environmental Improvement, also die Verbesserung der Umweltbedingungen – sauberes Wasser, Errichtung von Latrinen und Abfallgruben, da das Bakterium vor allem durch Fliegen übertragen werden kann. Gerade zum Welttoilettentag ist das ein nicht unwichtiger Punkt, dem mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte.

    Hier setzt wiederum die Arbeit von "Menschen für Menschen" an. Beispielhaft ist die Region Abune Ginde Beret, etwa vier Autostunden von der Hauptstadt Addis Abeba entfernt. 2011 war noch jedes zweite Kind unter zehn Jahren von der Augenentzündung betroffen. 2017 sind es nur noch 3,2 Prozent. Dies konnte durch eine Studie, bei der fast 7.000 Frauen, Kinder und Männer untersucht wurden, evaluiert werden. Grund für das Ergebnis ist eine Schwerpunktaktion zur Eliminierung der Krankheit. Über die letzten fünf Jahre konnten in jedem Jahr um die 98 Prozent der Bevölkerung mit dem entzündungshemmenden Antibiotikum Zithromax, das kostenfrei von der International Trachoma Initiative zur Verfügung gestellt wird, behandelt werden. Nur wenn mindestens 85 Prozent der Bevölkerung einmal jährlich für die Dauer von fünf Jahre behandelt werden, kann die Krankheit dauerhaft bekämpft werden.

    Schon simple Maßnahmen helfen

    Zusätzlich wurde die Hygienesituation durch Wohnraumtrennung von Tier und Mensch, persönliche Hygiene, durch die Hilfestellung bei der Errichtung von Latrinen sowie kostenfreie Vergabe von Latrinendeckeln verbessert. Seit 2011 wurden viele offene Wasserstellen durch Quellfassungen und Brunnen, die sauberes Wasser führen, ersetzt. Heute haben sechs von zehn Personen Zugang zu sauberem Wasser. 2012 waren es lediglich zwei von zehn Personen.

    Weltweit leben in 42 Ländern ungefähr 200 Millionen Menschen in Regionen, in denen die "Ägyptische Körnerkrankheit" verbreitet ist und immense Auswirkung auf die Gesundheit, wirtschaftliche Produktivität und das Gesundheitswesen hat.

    Augengesundheit ist nicht selbstverständlich

    Auch in Tabachs Heimatregion haben die Menschen erkannt, dass alles zusammenhängt: Die Schmerzen im Auge mit schmutzigem Wasser und schlechten Hygieneverhältnissen. Die jahrelange Abholzung mit der Unfruchtbarkeit der Felder. Dieses Verständnis ist wichtig, dennoch wird es ein weiter Weg für Tabach und ihre Nachbarn, um diese einschneidenden Probleme langfristig zu verändern. Deshalb sind die kleinen Erfolge auch so wichtig. (Philipp Hamedl, 19.11.2018)

    Philipp Hamedl arbeitet als Diplomsozialarbeiter in einer Justizanstalt in Österreich und hat ein Master’s Degree in Human Rights and Democratisation. Er ist Obmann von Zikomo, einem Verein zur Förderung von Universitätsstudentinnen und -studenten in Afrika.

    Hinweis: Im Rahmen einer Kooperation mit dem Humanitarian Congress fuhr User-Reporter Philipp Hamedl auf Einladung der von "Menschen für Menschen" nach Afrika, um für den STANDARD über das Projekt zu berichten.

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    • Tabach wird operiert.
      foto: philipp hamedl

      Tabach wird operiert.

    • Das Dorf Merti.
      foto: philipp hamedl

      Das Dorf Merti.

    • Ein Junge namens Simachew in der Region Ginde Beret, der Zugang zu einer Latrine hat.
      foto: menschen für menschen

      Ein Junge namens Simachew in der Region Ginde Beret, der Zugang zu einer Latrine hat.

    • Wasser ist nicht selbstverständlich.
      foto: philipp hamedl

      Wasser ist nicht selbstverständlich.

    • Bereits eine einzige Fliege kann die Augenkrankheit Trachom übertragen.
      foto: philipp hamedl

      Bereits eine einzige Fliege kann die Augenkrankheit Trachom übertragen.

    • Ein Mitarbeiter von "Menschen für Menschen" mit einigen Patienten.
      foto: philipp hamedl

      Ein Mitarbeiter von "Menschen für Menschen" mit einigen Patienten.

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