Als die Spinnen noch Schwänze hatten

    6. Februar 2018, 07:30
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    100 Millionen Jahre alte Spinnentiere wurden in Bernstein aus Myanmar entdeckt. Womöglich gibt es noch unentdeckte Nachfahren

    foto: bo wang
    Rückenansicht des ersten entdeckten Exemplars von Chimerarachne yingi. Unübersehbar: der auffällige geißelartige Schwanz.

    London – Ihre ersten Vorfahren tauchten vermutlich schon vor 450 Millionen Jahren auf: Achtbeinige Spinnentiere (Arachnida), zu denen neben den Spinnen auch noch Skorpione, Weberknechte oder Zecken gehören, waren mit die ersten Kreaturen, die das Land eroberten. Die ersten Webspinnen (Araneae) traten dann vor rund 300 Millionen Jahren auf und sind eine der Erfolgsgeschichten der Spinnentiere.

    Es gibt heute rund 47.000 lebende Arten, die einige gemeinsame Kennzeichen besitzen – etwa Spinnwarzen, um Seide für Netze zu produzieren oder um ihre Eier darin einzuwickeln. Männliche Tiere haben allesamt ein Tastorgan, mit dem die Spermien während der Paarung in das Weibchen übertragen werden. Außerdem verwenden sie Gift, um ihre Beute zu lähmen.

    Erste Spinnen(tier)art mit Schwanz

    Nun berichten gleich zwei internationale Forscherteams unabhängig voneinander von einer neu entdeckten Protospinne namens Chimerarachne yingi, die vor 100 Millionen Jahren lebte und einen geißelartigen Schwanz besaß. Damit ist das in Bernstein konservierte Wesen entweder die primitivste bekannte Webspinne, oder es zählt zu einer Gruppe ausgestorbener Spinnentiere, die sehr nah am Ursprung der Spinnen lag.

    Fest steht nur eines: Es gab eine Zeit, in der Spinnen Schwänze besaßen. Das könnte womöglich auch damit in Zusammenhang stehen, dass die Vorfahren der Spinnentiere wahrscheinlich so eine Extremität besaßen, ähnlich den noch lebenden Geißelskorpionen.

    illustration: university of kansas / ku news service
    Eine Rekonstruktion, wie die Protospinne vermutlich ausgesehen hat.

    Nachfahren bis heute?

    Entdeckt wurde Chimerarachne, deren Name vom Mischwesen "Chimära" aus der griechischen Mythologie abgeleitet ist, in 100 Millionen Jahre altem Burmesischem Bernstein (Burmit). Aufgrund der abgeschiedenen Region des Fundortes könnte es den Forschern zufolge möglich sein, dass heute noch Verwandte der Spinne leben.

    foto: bo wang
    Und hier auch noch die zweite von insgesamt vier der in Bernstein eingeschlossenen Protospinnen.

    Über die Lebensweise der Spinne ist wenig bekannt. Die Forscher spekulieren, dass sie auf Bäumen oder in deren Nähe lebte – schließlich sei das Tier im Bernstein gefangen, der aus Baumharz entsteht. Möglicherweise lebte die Protospinne aber unter Baumrinden oder im Moos. Obwohl das Tier Seidenfäden herstellen konnte, ist laut den Publikationen im Fachblatt "Nature Ecology & Evolution" unklar, ob es auch Netze gebaut habe.

    Nur zwei Paar entwickelter Spinnwarzen

    Chimerarachne yingi schaut auf den ersten Blick aus wie ein Vertreter der Gliederspinnen – das sind die primitivsten bekannten lebenden Webspinnen. Diese besitzen immer noch einen segmentierten Hinterleib. Aufgrund der Anatomie der Gliederspinnen erwarteten die Forscher bei der Untersuchung des Objektes vier Paare Spinnwarzen zentral an der Bauchseite des Hinterleibs. Chimerarachne hat aber nur zwei Paare gut entwickelter Spinnwarzen am hinteren Bereich des Hinterleibs, jedoch zusätzlich noch ein kleines Paar, welches möglicherweise noch im Entwicklungsprozess war.

    Das Tastorgan der Protospinne ist einfach und ähnelt eher dem einer Langkieferspinne (z.B. Vogelspinne) als einer Gliederspinne. Ob Chimerarachne auch giftig war, konnte noch nicht geklärt werden. (tasch, 6.2.2018)

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