TV-Doku über Prostitution in Schweden: "Voller Scheinheiligkeit"

    6. Februar 2018, 07:52
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    "Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben" – Reportage der französischen Regisseurin Ovide am Dienstag um 23.15 Uhr auf Arte

    Stockholm/Wien – Der Tod von Eva-Maree Kullander ist in den schwedischen Lokalnachrichten zunächst nicht mehr als eine Meldung: Am 11. Juli 2013 wurden zwei Frauen in Västeras Opfer eines Messerangriffs. "Eines der Opfer, eine Frau um die 30, erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen. Das Opfer und der Täter begegneten sich in einem Heim des Sozialamtes." Punkt aus.

    foto: arte

    Eine "Welt voller Scheinheiligkeiten" sieht dahinter die französische Schauspielerin, Regisseurin, Schriftstellerin und Filmproduzentin Ovide. Im Film Wo Sexarbeiterinnen keine Rechte haben, schildert sie heute Dienstag um 23.15 Uhr auf Arte einen Mord, an dem ihrer Meinung nach der Staat Schweden Mitverantwortung trägt.

    Kinder weggenommen

    "Die Tat hätte verhindert werden können", ist die Mutter Kullanders überzeugt. Es beginnt 2009: Kullander, Mutter einer acht Monate alten Tochter, ist zum zweiten Mal schwanger. Nach wiederholten Gewaltausbrüchen des Vaters geht sie zum Sozialamt. Dort wird sie ermutigt, den Partner zu verlassen, doch das Geld reicht nicht. Wenige Monate nach der Geburt der zweiten Tochter beschließt Kullander deshalb als Escort-Girl in Stockholm zu arbeiten. Sie nennt sich "Petite Jasmine" und arbeitet nur zwei Wochen, weil das Sozialamt davon erfährt und ihr sofort die Kinder wegnimmt und dem gewalttätigen Vater mit Vorstrafe das Sorgerecht erteilt. "Sie werden Ihre Kinder nie wieder sehen", sagen die Polizisten zu Kullander.

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    In Schweden ist Prostitution seit 1999 nicht mehr legal. Freier müssen mit bis zu sechs Monaten Freiheitsstrafe rechnen. Die Praxis sieht jedoch anders aus: In Wirklichkeit sei in Schweden noch kein einziger Freier verurteilt worden, heißt es im Film. Die Situation der Prostituierten habe sich verschlechtert.

    Das Gesetz sieht in Prostituierten Opfer sexueller Gewalt, egal, ob sie sich selbst als solche sehen oder nicht. Diese Regelung gebe nur vor Frauen zu schützen, sagen Kritiker. In Wahrheit gehe es darum, die Sexualität von Frauen zu kontrollieren und herabzusetzen.

    Der Inhalt der Dokumentation ist politisch brisant. 2014 sprach das EU-Parlament eine Empfehlung für ihre Mitgliedsstaaten aus, Prostitution zu kriminalisieren, wie das in Schweden, Norwegen und Island geregelt ist. Frankreich folgte 2016. Das Gesetz ist umstritten, der illegale Status fördere Frauenhandel und Zwangsprostitution, die Arbeitsbedingungen für Sexarbeiterinnen würde durch die Kriminalisierung der Freier nur noch verschlimmert, lauten die Vorwürfe. In Österreich ist Prostitution mit Einschränkungen erlaubt.

    Gute Mutter

    Kullander wollte die Entscheidung des Sozialamts nicht hinnehmen und klagte. "Sie hatten eine vorgefasste Meinung und wollten mir die Kinder wegnehmen", sagt sie in einer Videoaufnahme. Das Gericht bescheinigte ihr schriftlich, eine "gute Mutter" zu sein. Kullunder trat in der Öffentlichkeit als "Petite Jasmine" auf um sich gegen Stigmatisierung zur Wehr zu setzen.

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    Zwei Wochen arbeitete Eva-Maree Smith Kullander bei einem Escort-Service, dann kam das schwedische Sozialamt und nahm ihr die Kinder weg. Prostitution ist in Schweden verboten

    "Das Sexkauf-Gesetz verstärkt die Stigmatisierung noch", sagte sie bei einer Veranstaltung. Das Sozialamt war anderer Meinung und schützte den Täter. Die Mutter kämpft heute für Gerechtigkeit. Die Filmemacherin Ovide erzählt Kullanders Geschichte mit Interviews und Archivaufnahmen, bezieht Stellung: sachlich, berührend und überzeugend. (Doris Priesching, 6.2.2018)

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