1:1 in einem Wiener Derby am Rand des Abbruchs

    4. Februar 2018, 18:49
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    Wurfgeschoße aus dem Sektor der Rapid-Anhänger führten zu zwei Unterbrechungen – Monschein und Ljubicic treffen

    Wien – Aufgrund des 325. Wiener Derbys hat das Land doch noch mitbekommen, dass wieder Fußball gespielt wird. Die vier Partien am Samstag wurden insgesamt von nicht einmal 14.000 Zuschauern besucht, der Sonntag war somit eine Art Rettung für die rührende österreichische Bundesliga. Und auch eine Art Untergang, denn das Spiel stand kurz vor dem Abbruch, Rapid-Fans hatten sich danebenbenommen. Ein Beleg für die Tradition der Dummheit.

    Das Allianz-Stadion war fast ausverkauft (25.600), Rapid und die Austria fühlten sich gut vorbereitet, obwohl die Testspiele nicht berauschend waren. Weder Goran Djuricin noch Thorsten Fink hat das offiziell irritiert, abgesehen davon sagen Trainer nur ganz selten "Wir sind nicht in Form". Rapids Djuricin: "Kreativität und Schwung sind da." Austrias Fink: "Wir sind guter Dinge."

    Der leicht angeschlagene Louis Schaub zierte nur Rapids Bank, die Austria musste Neuerwerbung Michael Madl vorgeben, er ist verletzt. Ex-Rapidler Stefan Stangl debütierte links in Austrias Verteidigung, bei allem Respekt vor Stangl (er ist von Salzburg ausgeliehen), diese Personalie reichte nicht für zusätzlichen Zündstoff. Das Allianz-Stadion hat mit der Karibik wenig gemein, den Fluch ausgenommen. Denn die Austria ist hier noch ungeschlagen, zwei Siege, eine Niederlage, das wurmt die Rapidler, sie wären gerne eine Heimmacht.

    Beinahe ein Anfang mit Ende

    Und die Partie begann fast schon wieder mit dem Ende. 5. Minute: Corner Austria, Kapitän Raphael Holzhauser schnappt sich den Ball, ein von jeglicher Intelligenz befreiter Rapid-Anhänger aus dem Block West wirft ein Feuerzeug, es trifft Holzhauer am Schlüsselbein, er geht kurz zu Boden. Schiedsrichter Rene Eisner lässt via Platzsprecher Andy Marek ausrichten, beim nächsten Vorfall zu unterbrechen. Im vergangenen Oktober hatte sich Holzhauser mit einem Ordner und Ersatzspieler Steffen Hofmann ein Scharmützel geliefert, das dürfte nun die an Blödheit kaum überbietbare Rache gewesen sein.

    Es wurde natürlich auch Fußball gespielt, gar nicht so schlecht, Tempo, Einstellung und Einsatz passten, die Teams agierten auf Augenhöhe. Holzhauser wurde bei weiteren Eckbällen zwar mit einem überdimensionalen Schirm geschützt, es flogen aber weiter Gegenstände aufs Feld. 27. Minute: Eisner reicht es, er schickt die Spieler in die Kabine. Marek appelliert an die Restvernunft, beim dritten Mal wären Abbruch und eine 0:3-Strafverifizierung die Folgen. Nach rund zehn Minuten Zwangspause ging es weiter. Nicht für Stefan Schwab, Rapids Kapitän musste passen (Innenband). Und die Austria erspielte sich ein leichtes Chancenplus.

    Nach der Pause Rasse und zwei Eindringlinge

    Der Seitenwechsel machte insofern Sinn, als der 24-jährige Holzhauser nun etwaige Corner nicht mehr vor der Fantribüne treten musste, also aus dem Gefahrenbereich war. Und so wurde es rassig, die Partie nahm Fahrt auf. 62. Minute: Christoph Monschein erzielt nach Zuspiel von Lucas Venuto das 1:0 für die Austria, Rapids Dejan Ljubicic hatte den Pass abgelenkt. 64. Minute: Ljubicic köpfelt nach Corner von Philipp Schobesberger das 1:1. 74. Minute: Schobesberger vergibt nach Vorlage von Joelinton den Matchball, Austrias Tormann Patrick Pentz reagiert famos.

    Doch die Partie wollte nicht enden, ohne mit noch einem Tiefpunkt aufzuwarten. In der Schlussminute liefen zwei Zuschauer auf das Spielfeld, umarmten Rapid-Spieler und gingen in eher gemächlichem Tempo wieder ab. Bitter für die Austria: Ein aussichtsreicher Konter war damit unterbunden. (Christian Hackl, 4.2.2018)

    Fußball-Bundesliga – 21. Runde:

    SK Rapid Wien – FK Austria Wien 1:1 (0:0). Wien, Allianz Stadion, 25.600, SR Eisner

    Tore: 0:1 (62.) Monschein, 1:1 (64.) Ljubicic

    Rapid: Strebinger – Auer, M. Hofmann, Galvao, Bolingoli – Ljubicic, Schwab (36. Petsos) – Ve. Berisha (71. Schaub), Murg (87. Kvilitaia), Schobesberger – Joelinton

    Austria: Pentz – Blauensteiner, Kadiri, Stronati, Stangl – Serbest, Holzhauser – Venuto (87. De Paula), Prokop, Pires – Monschein (90. Friesenbichler)

    Gelbe Karten: Galvao, Ljubicic, Joelinton bzw. Serbest

    Bilanzen nach dem 325. Wiener Derby:

    325 Spiele – 134 Rapid-Siege, 74 Unentschieden, 117 Austria-Siege (Torverhältnis 606:517)

    Stimmen

    Goran Djuricin (Rapid-Trainer): "Bis zum Abbruch waren wir die bessere Mannschaft. Wir haben den Ball gut laufen gelassen. Der Abbruch hat uns leider geschadet, dann war die Austria besser. Insgesamt waren wir über weite Strecken besser, konnten das aber leider nicht auf das Ergebnis ummünzen. Aber wir sind nach einem Rückstand zurückgekommen, das macht mich stolz. Die eine oder andere Chance hätten wir noch machen müssen. Unsere Leistung heute war richtig gut. Für uns waren es zwei verlorene Punkte."

    Zu den Ausschreitungen: "Als Fan sollte man sich von niemandem provozieren lassen. Unsere Fans sind toll, es gibt aber immer einzelne, die auszucken und einen Schwachsinn machen wie heute. Vielleicht können die Fans das untereinander bereinigen und diejenigen zur Verantwortung ziehen. Ich verurteile die Vorfälle enorm, aber nicht alle Fans. Es waren wahrscheinlich ein oder zwei oder drei Leute. Deshalb appelliere ich an die Fans: Sie sollen es selbst regeln. Es sind Einzelne, und die gehören weg."

    Thorsten Fink (Austria-Trainer): "Vom Fußballerischen her war es ein gutes Derby. Wir waren bis zum 1:1 sehr gut, der Ausgleich ist aber zu schnell gefallen. Dann war Rapid besser und hätte gewinnen können. Aber ich denke, das 1:1 war in Ordnung. Man hat gesehen, wenn wir genügend Personal haben, sind wir mit den Top-3 konkurrenzfähig. Für meine junge Mannschaft war es nicht einfach, vor so einer Kulisse zu spielen. Wir hätten lieber gewonnen, aber für einen Platz in der Europa League war es ein wichtiger Punkt. Wir haben heute beim selbsternannten Favoriten einen Punkt mitgenommen."

    Zu den Ausschreitungen: "Holzhauser hat sich vorbildlich verhalten. Es ist schade, dass die Fans so reagieren, dass es in Österreich noch so ist, dass man mit Schirmen geschützt werden muss. Ich hoffe, dass das einmal sanktioniert wird. Die Fans, die auf den Platz gelaufen sind, haben eine gute Kontersituation für uns unterbunden. Von unserer Seite waren keine Provokationen da."

    Dejan Ljubicic (Rapid-Torschütze): "Am Anfang haben wir sehr gut gespielt, aber nach dem Abbruch hatten wir eine Phase, in der es nicht so gut gelaufen ist." Zu den Wurfgeschoßen auf Austria-Spieler: "Klar ist so etwas nicht in Ordnung, aber wenn Holzhauser den Eckball schnell ausführt, passiert nichts."

    Raphael Holzhauser (Austria-Kapitän): "Die können sich erlauben, was sie wollen, aber ich muss aufpassen, was ich sage. Vielleicht muss der Schiedsrichter so ein Spiel auch einmal abbrechen. Für mich ist das nicht normal. Aber dass ich abtrete, war kein Thema."

    Rene Eisner (Schiedsrichter): "Hätte Holzhauser mir gesagt, dass er nicht weiterspielen kann, hätte ich das Spiel abgebrochen. Bei den Zuschauern, die am Schluss auf den Rasen gelaufen sind, war keine Gefahr da, deshalb musste nicht abgebrochen werden."

    Rapid-Mediendirektor Peter Klinglmüller: "Die Vorkommnisse verurteilen wir auf das Allerschärfste. Das gefährdet die Gesundheit der Akteure auf dem Rasen und schadet am meisten dem eigenen Verein. Die Videoaufnahmen werden wir sehr genau studieren und dementsprechende Konsequenzen gegenüber Übeltätern ziehen."

    • Raphael Holzhauser musste mit Sonnenschirmen vor fliegenden Gegenständen aus dem Rapid-Fanblock geschützt werden.
      foto: apa/expa/haumer

      Raphael Holzhauser musste mit Sonnenschirmen vor fliegenden Gegenständen aus dem Rapid-Fanblock geschützt werden.

    • Die modischen Flitzer von Hütteldorf.
      foto: apa/expa/thomas haumer

      Die modischen Flitzer von Hütteldorf.

    • Erstes Derby-Tor für Christoph Monschein.
      foto: apa/expa/thomas haumer

      Erstes Derby-Tor für Christoph Monschein.

    • viola tv

      Zusammenfassung im Video.

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