Der Fall Matthias Hartmann: Kein Platz für einen Burg-Caligula

    Kommentar4. Februar 2018, 19:07
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    Der offene Brief am Burgtheater stellt "Mysterien" künstlerischer Arbeit infrage

    Der offene Brief von 60 Mitarbeitern und Schauspielern des Wiener Burgtheaters ist ein besonders beherzigenswertes Dokument. Er handelt – jenseits von Schwulen-"Witzen" und Po-Klapsen – von den niederschmetternden Erfahrungen, die Beschäftigte des weit und breit größten Sprechtheaters im Umgang mit der Macht gesammelt haben.

    Man muss einräumen, dass die Vorwürfe an die Adresse von Ex-Burg-Direktor Matthias Hartmann ohne die schwelende #MeToo-Debatte nicht erhoben worden wären. Die Auswirkung dieser diskursiven Klimaschwankung auf die moralische Gesamtwetterlage ist – nicht nur mit Blick auf Hollywood – in ihren wahren Dimensionen noch kaum zu ermessen. Es hat eine Götterdämmerung eingesetzt. Deren Leidtragende sind, im Guten wie im Schlechten, ermuntert, Begriffe wie "Durchsetzungskraft" und "Charisma" völlig neu zu überdenken. Diese müssen überall dort, wo sie als Geschäftsgrundlage für Ausbeutung dienen, wohl oder übel auf dem Misthaufen der Geschichte landen. Die Götter auf den tönernen Sockeln sind meist männliche Entscheidungsträger – mit schier unbegrenzten Befugnissen.

    Das Paradoxon liegt im beispielgebenden Fall des Burg-Briefes jedoch an anderer, nicht weniger heikler Stelle. Denn die Arbeit Theaterschaffender an einer Performance oder an einem aufzuführenden Text gehört zu den mysteriöseren Formen sozialer Kooperation. Regisseure organisieren einen psychisch strapaziösen Probenprozess. An dessen Ende soll eine Aufführung stehen, die alle Beteiligten in helle Aufregung und basses Erstaunen versetzt: zuallererst das Publikum, aber auch die handelnden Beteiligten selbst.

    Theater ist in den Augen seiner zahllosen Jünger eben auch bloß deshalb so viel wert, weil es einen privilegierten Umgang mit der Wahrheit pflegt. Wer auf der Bühne "etwas" darstellt, verhält sich dabei per definitionem wahrhaftiger, freier oder innerlich gesammelter, als er es im Alltagsleben, ohne Anleitung von "oben", jemals zustande brächte. Um aber in solche Tiefen authentischen Handelns und Fühlens vorzudringen, müssen zahllose Widerstände überwunden werden. Es ist der Panzer bürgerlicher Verkrustungen, den der Spielleiter – als Künstler eine Mischung aus Gandhi und Caligula – bei den Schauspielern und Mitwirkenden wahrnimmt und den er gewaltsam aufzubrechen sich bemüht.

    Die mögliche Grobheit eines solchen Vorgehens liegt auf der Hand. Der geniale Regisseur Peter Zadek pflegte auf Proben oft wochenlang mit seinen Schauspielern kein Wort zu sprechen, bloß um sie zu besonders "wahrhaftigem" Spiel zu provozieren. Tatsächlich scheint eine Grenze dort gesetzt, wo die Würde auch derer auf dem Spiel steht, die es von Berufs wegen gewohnt sind, sich zu exponieren.

    Vor Augen halten sollten sich alle am Theatergeschehen Beteiligten die Kosten einer durchgängigen Moralisierung auch solcher Verhältnisse, denen man früher "Narrenfreiheit" zugebilligt hat. Das Zustandebringen von Kunst, die diesen Namen verdient, heischt im Kollektiv komplizierte, zum Teil auch riskante Prozesse der Selbst- und Fremdentblößung.

    Wer diese in Bausch und Bogen verdammt, läuft Gefahr, sich zum Büttel jener Wirklichkeit zu machen, von deren schnöden Einengungen uns gerade die Kunst befreien und ein Stück weit entlasten soll.(Ronald Pohl, 5.2.2018)

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