Inbusschlüssel zum Erfolg: Wofür Ikea steht

    5. Februar 2018, 07:00
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    Längst ist Ikea nicht mehr aus Wohnungen und Häusern wegzudenken. Doch was steckt hinter den vier Buchstaben? Eine Betrachtung anlässlich des Todes von Unternehmensgründer Ingvar Kamprad

    Ingvar, Kamprad, Elmtaryd, Agunnaryd: Was klingt wie Wikingerkauderwelsch, versteht in seiner Kurzform jedes Kind von New York bis Tokio und Saudi-Arabien. Die ersten beiden Wörter sind der Name des Mannes, der das Unternehmen Ikea gegründet hat und am 27. Jänner 91-jährig verstorben ist. Das dritte Wort steht für den Hof, auf dem er aufwuchs, das vierte für das dazugehörige Dorf in Schweden.

    Als Kamprad 1943 mit 17 Jahren seine Firma ins Leben rief, sollte eine Wohnungseinrichtung in der Regel ein Leben lang halten. Tisch, Bett, Stuhl, kurz die ganze Stube. Und was sonst noch dazugehört. Dafür, dass sich diese Einstellung ändern sollte, sind diese vier Buchstaben aus Schweden maßgeblich mitverantwortlich.

    foto: ikea

    Es war der 1. September 1977, als der erste Ikea in Österreich in der Shopping-City Süd aufsperrte und auch die heimische Wohnwelt gehörig auf den Kopf stellte. Kamprad hatte den Schlüssel zum Welterfolg gefunden. Und für diesen steht bis heute sinnbildlich ein Inbusschlüssel, mit dem man weite Teile der Möbelwelt von Ikea zusammenbaut. Das Geheimnis lautete, alles so klein zu zerlegen, dass es in flache Pakete passt und der Kunde es selbst zusammenbauen kann. Das spart eine Menge Kosten und angeblich verleiht es der Kundschaft Befriedigung, ein Möbel selbst endzufertigen (die Interpretationshoheit liegt im Auge des Zusammenbauers). Wohnlösungen gab's obendrauf, wenn auch von der Stange. Den zweiten Teil des Geheimnisses formulierte Kamprad, der als Geizhals mit Nazivergangenheit galt, folgendermaßen: "Es ist besser, 600 Stühle billig zu verkaufen als 60 teuer." Kamprad verkaufte viele Stühle. Und nicht nur die. Der Einzelhandelsumsatz im Geschäftsjahr 2017 wird mit 34,1 Milliarden Euro beziffert.

    Demokratisierung des Designs

    Ikea hat schon früh einen Nerv der westlichen Welt getroffen. Salopp formuliert fand das Unternehmen eine Antwort auf eine immer lauter werdende Frage des Zeitgeists: Warum in der alten vererbten Bettkiste des Großvaters nächtigen, wenn es leistbares, wohlgeformtes, skandinavisch angehauchtes Design zuhauf gibt? Was Ikea mit seinen Wohnfühlwelten vorantrieb, wurde in der Folge Demokratisierung des Designs genannt. Ein anderer Schwede, bekannt unter den Buchstaben H&M, spann diesen Gedanken in der Modewelt nicht weniger erfolgreich weiter.

    Gesellschaftliche Veränderungen trugen den Rest dazu bei. Den Menschen stand der Sinn mehr und mehr nach Abwechslung. Die Frequenzen der Veränderungen stiegen stetig. Irgendwann konnte man chinesisch essen, japanisch, indisch, italienisch sowieso. Auch die Zeiten des Sonntagsanzugs gingen vorüber. Kleidung ward zum täglich wechselnden und leistbaren Lifestyle. Das Tempo der Veränderungen wirkte sich letztlich sogar auf die Scheidungszahlen aus.

    foto: ikea
    Sitzen vor "Kungens Kurva", dem Flagshipstore, der 1965 in Stockholm eröffnete.

    Im Weiteren kann leistbares Design auf gute Karten zurückgreifen, wenn es darum geht, die Möbelindustrie den Zyklen der Modebranche anzugleichen, was auf den großen Möbelmessen von Köln und Mailand immer mehr gang und gäbe ist. Die erstarkende Do-it-yourself-Bewegung oder die Besinnung auf Nachhaltigkeit und die wachsende Nachfrage nach dem guten alten Handwerk dürften den Umsätzen der Massenware kaum Einbußen bescheren und weitgehend ein Nischenprogramm bleiben.

    Man mag zu den Produkten von Ikea stehen, wie man will – das Unternehmen hat auch viel zum lange Zeit sehr wenig ausgeprägten Bewusstsein von Design beigetragen. Davon profitierten auch Händler und Produzenten von exklusiven Designstücken, denn es war Ikea, das die Neugierde der Menschen auf Design wachrüttelte und den Markt reif für neue Möbel und Accessoires machte. Das wachsende Bedürfnis, im Wohnraum verschiedene Dinge und Stile nebeneinander bestehen zu lassen, machte die Palette von Ikea ebenso möglich. So gelang es durch die große Auswahl auch, sich ein Stück weit vom Diktat der Trends zu befreien und Neues mit Altem zu mischen – ebenfalls ein Zeichen für ein erstarkendes Designbewusstsein.

    foto: ikea

    Ein nicht wegzudenkendes Werkzeug von Ikea war und ist neben der gefinkelten Namensgebung der Produkte der seit 1951 jährlich erscheinende Katalog. Für manche Menschen sind die in Österreich in Umlauf gebrachten 2.976.583 Exemplare so etwas wie die Neuerscheinung des Jahres, die in freudiger Erwartung dem Briefkasten oder den Händen eines Ikea-Kolporteurs auf der Straße entnommen werden. Darin kann jährlich beinahe ritualhaft auf 320 Seiten studiert werden, was die Firma mit ihrem raffinierten, wenn auch nicht sonderlich sinnreichen Spruch "Wohnst du noch oder lebst du schon" sagen will. Mehr noch aber, was uns Ikea verkaufen will, nämlich 9.500 Produkte vom Schneebesen bis zur fixfertigen Küche.

    foto: ikea
    Ikea-Kataloge aus dem Jahr 1951 ...
    foto: ikea
    ... und aus dem Jahr 1970.

    Fluchen und Schnoferl ziehen

    817 Millionen Menschen besuchten 2017 ein Ikea-Einrichtungshaus, und es wird nicht leicht sein, einen Zeitgenossen darunter zu finden, der kein Stück von Ikea zu Hause stehen hat, und sei es bloß ein Teelicht, eine Yucca-Palme oder ein Lämplig. So wird ein Schneidebrett genannt. Da ist auch kaum einer, der nicht schon einmal fluchend an einem Ikea-Teil herumschraubte oder mit seinem Lebensabschnittspartner ob der Anschaffung des einen oder anderen Möbels ein Schnoferl zog. Oder Schlimmeres.

    Dabei hat Ikea – man kann das ebenfalls zum Konzern gehörende Fleischbällchen drehen, wie man will – immer auch polarisiert, denn zu den Besuchermassen zählen, um es mit zwei Ausdrücken aus der Psychotherapie zu sagen, immer "Schlepper" und "Geschleppte". Solche, für die Ikea ein Wohnschlaraffenland ist, in dem man mit beiden Händen aus dem Vollen schöpfen kann, und solche, für die der Auszug in ein Ikea-Haus zur stressigen, aber halt doch irgendwie mitunter nötigen Tortur wird. Auch der inzwischen verstorbene Literaturkritiker Hellmuth Karasek, der 2015 einen Ikea-Katalog rezensierte, macht einem die Sache nicht leichter. Unter anderem sagt er über die Publikation: "Es erzählt viel, ist aber vollgemüllt. Es ist ein möblierter Roman." (Michael Hausenblas, 5.2.2018)

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    Viele Kerzen ...
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    ... und Warteschlangen gehörten schon anno dazumal dazu.
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    Das Billy-Regal im Katalog von 1979/80.

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    Wie Ikea dank niedriger Kosten die Kunden bei der Stange hielt

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