Pentagon will "Mini-Sprengkörper" in Atomwaffenarsenal

    3. Februar 2018, 14:12
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    Neue Waffen "Mini-Nukes" sollen vor allem Russland in Schach halten – Sind mit Atombomben von Hiroshima vergleichbar – Kritiker fürchten erneutes Wettrüsten

    Washington – Die US-Streitkräfte wollen ihr Atomwaffenarsenal modernisieren: Neue Nuklearwaffen von kleinerer Größe sollen entwickelt werden und in erster Linie der Abschreckung gegenüber Russland dienen. Mittels dieser sogenannten taktischen Atomwaffen solle auf die Ausweitung der russischen Nuklearwaffenkapazitäten geantwortet werden, heißt es in einem Pentagon-Papier, das am Freitag vorgestellt wurde.

    Durch die neuen Bomben soll das US-Atomwaffenarsenal zwar nicht ausgeweitet werden – sie sollen bisherige Sprengkörper ersetzen. Dennoch bricht die Regierung von Präsident Donald Trump durch die neue Atomwaffendoktrin mit dem Kurs von Vorgänger Barack Obama, der die weltweite Abschaffung von Atomwaffen zum Ziel erklärt hatte.

    Trump: Abschreckung vergrößert

    "Die Strategie entwickelt Fähigkeiten mit dem Ziel, den Einsatz von Atomwaffen weniger wahrscheinlich zu machen", erklärte Trump am Freitag. Zugleich werde die Abschreckung vor Angriffen gegen die USA und ihre "Verbündeten und Partner" vergrößert. In dem Bericht schreibt Verteidigungsminister James Mattis: "Wir müssen der Wirklichkeit ins Auge sehen und die Welt so sehen, wie sie ist, nicht so, wie wir es uns wünschen." Darauf nehme man mit den Änderungen an der Strategie Bezug.

    Das Pentagon argumentiert in dem 75-seitigen Papier, dass die strategischen Atomwaffen mit ihrem gigantischen Zerstörungspotenzial zur Abschreckung nicht reichten. Russland setzt demnach womöglich darauf, dass die USA diese Waffen niemals einsetzen würden – da das Risiko wegen eines zu befürchtenden atomaren Gegenangriffs von ähnlicher Dimension und der damit drohenden Vernichtung von großen Teilen der Menschheit zu hoch sei.

    Die neuen kleinformatigen Atomwaffen – allgemein als "Mini-Nukes" bezeichnet – sollen das Abschreckungspotenzial des US-Atomwaffenarsenals erhöhen. Rivalisierenden Staaten wie Russland werde dadurch ihr "irregeleitetes Vertrauen" genommen, dass sie bei einem Einsatz ihrer eigenen kleinen Atomwaffen nicht mit einem atomaren Gegeneinsatz der USA rechnen müssten.

    Schwelle für Einsatz nicht niedriger

    Der Experte Greg Weaver vom Generalstab der US-Streitkräfte trat jedoch Berichten entgegen, dass das Pentagon mit den neuen Atomwaffen die Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen absenken wolle. Der Zweck dieser Waffen sei es, eine US-Antwort auf den Nuklearwaffeneinsatz durch andere Staaten "glaubhafter zu machen". Es gehe jedoch nicht darum, den Ersteinsatz von Atomwaffen durch die USA wahrscheinlicher zu machen.

    In dem Pentagon-Dokument werden zwar auch die Sorgen der US-Regierung hinsichtlich der Atomprogramme in Nordkorea, dem Iran wie auch China unterstrichen. Doch der Schwerpunkt liegt klar auf Russland. Die russische Annexion der Krim-Halbinsel und "nukleare Drohungen" gegen Verbündete der USA stellten Moskaus "Rückkehr zum Wettlauf der Großmächte" dar, schreibt Verteidigungsminister Jim Mattis.

    Nordkorea stelle demnach eine "dringliche und unberechenbare" Bedrohung für die Vereinigten Staaten und seine Verbündeten dar. Das international isolierte Land sei möglicherweise nur noch Monate davon entfernt, die Fähigkeit zu entwickeln, die USA mit einer atombestückten Rakete zu treffen. Man habe deutlich gemacht, dass jeder nukleare Angriff gegen die USA oder verbündete inakzeptabel sei und zum "Ende des Regimes" führen würde, heißt es in dem Strategiepapier weiter. "Es gibt kein Szenario, in dem das Kim-Regime Atomwaffen einsetzen und überleben könnte."

    Angst vor Wettrüsten

    Kritiker befürchten allerdings, dass die US-Pläne einen neuen atomaren Rüstungswettlauf in Gang setzen. Zudem weisen Experten darauf hin, dass die USA bereits Atomwaffen mit vergleichsweise begrenzter Sprengkraft in ihrem Arsenal haben. Dabei handelt es sich um die 150 B-61-Bomben, die in Europa gelagert sind.

    Auch die kleinformatigen Atomwaffen haben immer noch eine enorme Sprengkraft, insofern ist die Bezeichnung "Mini-Nukes" verharmlosend. Die Atombomben von Hiroshima und Nagasaki würden nach heutiger Definition als "Mini-Nukes" eingestuft werden. Sie hatten eine Sprengkraft von etwa 15 und 20 Kilotonnen. Als kleine Atomwaffen gelten heute solche mit einer Sprengkraft von bis zu 20 Kilotonnen.

    Die Vereinigten Staaten haben derzeit geschätzte rund 7.000 Atomsprengköpfe in ihrem Arsenal, Russland einige hundert mehr.

    Stichtag für "New START" am Montag

    Am Donnerstag hatte das US-Außenministerium erklärt, die USA und Russland erfüllten beide ihre Verpflichtungen zur atomaren Abrüstung im Zuge des Vertrages New START. Dieser war am 5. Februar 2011 in Kraft getreten. Darin verpflichten sich die beiden größten Atommächte der Welt, ihre Kapazitäten binnen sieben Jahren deutlich zu verringern. Der Stichtag ist am kommenden Montag.

    Trump hatte das Pentagon nach seinem Amtsantritt vor einem Jahr angewiesen, die nukleare Strategie der USA zu überprüfen. Seit 1994 ist es in den USA üblich, dass Präsidenten einen solchen "Nuclear Posture Review" vorlegen. Der nun vom Pentagon vorgelegte Bericht ist aber nur eine Zusammenfassung; das eigentliche Dokument wird als geheim eingestuft.

    Kritik aus Russland

    Moskauer Politiker und Ex-Militärs kritisieren die gegen Russland gerichteten Passagen der neuen US-Nuklear-Doktrin von Präsident Donald Trump. Die neue Nuklearstrategie sei "unangemessen, kontraproduktiv, destruktiv und aggressiv gegenüber Russland und China", sagte der Sicherheitspolitiker Franz Klinzewitsch, Senator im russischen Föderationsrat, am Samstag.

    Washington provoziere einen neuen Rüstungswettlauf, sagte der Chef im Außenausschuss des russischen Parlaments, Leonid Sluzki, in Moskau der Agentur Interfax zufolge. Das US-Verteidigungsministerium stuft Russland in dem am Freitag veröffentlichten Bericht als größte Bedrohung für die Vereinigten Staaten ein. Dem Bericht zufolge wollen die USA zur Abschreckung die Entwicklung "kleinerer", flexiblerer Atomwaffen vorantreiben.

    An den US-Überlegungen zum Einsatz von Atomwaffen habe sich nicht viel verändert, sagte der frühere General Leonid Iwaschow. "Wir waren immer Hauptziel eines möglichen US-Atomschlags und werden das bleiben." Er schlug aber vor, dass Russland sich enger mit China gegen die USA abstimmen sollte. Iwaschow kritisierte den Plan, neue taktische Nuklearwaffen auf U-Booten zu stationieren. Dies schaffe die Unsicherheit, ob ein Raketenabschuss einen begrenzten oder einen großen Atomschlag bedeute (APA, 3.2.2018)

    • Im Pentagon denkt man über neue Atomwaffen nach.
      foto: ap photo/charles dharapak, file)

      Im Pentagon denkt man über neue Atomwaffen nach.

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