Wie rechte Recken das Forschungszentrum Seibersdorf zersäbelten

3. Februar 2018, 12:04
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Verfehlte Personalpolitik und Unvermögen führten fast zur Pleite

Finstere Zeiten" nennen langjährige Seibersdorf-Mitarbeiter die Jahre ab der Jahrtausendwende. Das darf nicht verwundern, hinterließ Schwarz-Blau I doch eindrückliche Spuren in Österreichs größter außeruniversitärer Forschungseinrichtung. Das von freiheitlichen Verkehrsministern wie Michael Schmid, Monika Forstinger, Matthias Reichhold und Hubert Gorbach eingesetzte Personal rund um den ehemaligen Verteidigungsminister Helmut Krünes (FPÖ) und den späteren Dritten Nationalratspräsidenten Martin Graf wirkte nachhaltig. Erst acht Jahre später waren die wirtschaftlichen Folgen (dank großzügiger staatlicher Finanzierung) verdaut. Erst 2014 konnte Aufsichtsratschef Hannes Androsch verkünden, dass die – als Zeichen des Neuanfangs – in Austrian Institute of Technology (AIT) umgetauften Seibersdorfer von Stabilisierung auf Expansion schwenken.

Der Weg dorthin war steinig. Denn die Austrian Research Centers (ARC) waren nach mehrfacher Umstrukturierung und Sparpaketen an Kopf und Gliedern ausgeblutet – finanziell wie personell – und im kaufmännischen und administrativen Bereich von Burschenschaftern durchsetzt. Man kann auch sagen, unterwandert.

Forscher Umbau

Nach der politischen "Wende" im Jahr 2000 hatten sich die FPÖ-Politiker forsch an den Umbau der ARC-Gruppe gemacht. Den Geschäftsführern Günther Koch und Wolfgang Pell, die eben die Eingliederung des Sanierungsfalles Prüfanstalt Arsenal gestemmt hatten, wurde Krünes beigestellt, ehe man beide verabschiedete. Statt Internationalisierung stand bei der, je zur Hälfte dem Staat und einer losen Gruppe aus Industriebetrieben gehörenden, ARC GmbH Regionalisierung auf der Agenda. So sah die Bilanz 2003 auch aus: 2,3 Millionen Euro Verlust konnten nur durch Auflösung von Rücklagen kaschiert werden.

Im Hinter- oder besser, im Untergrund lief Postenschacher vom Feinsten. In der Rechtsabteilung der neu geschaffenen Administrativtochter ARC Business Services, der ab Mai 2003 Martin Graf vorstand, tummelten sich Bundesbrüder der Burschenschaft Olympia und Donaustädter Freiheitliche.

In der Folge begannen Aktionäre des Industriesyndikats, sich abzusetzen. 2006 – die wissenschaftliche Öffentlichkeit beobachtete den steigenden Politdruck mit Argwohn – tauchte im Herbst ein Liquiditätsengpass auf. Eilig berufene Wirtschaftsprüfer attestierten "gravierende Mängel in Finanzen und Controlling" und eine Ertragssituation, die "nicht richtig eingeschätzt" worden war, wie es ARC-Präsident und ÖIAG-Vorstand Rainer Wieltsch formulierte. Krünes wurde gegangen, ein neuer Geschäftsführer bestellt. Der war Werkstoff-Spezialist und mit dem Umfang der Sanierungsarbeit überfordert, kam als "Alter Herr" der Olympia aber aus einschlägigem Milieu. Das Ende vom Lied ist bekannt: Die Staatsanwaltschaft ermittelte (ohne Ergebnis) wegen ungeklärter Geschäftsfälle, der Rechnungshof kritisierte Verschwendung und die fürstliche Abfindung für Graf. Der 2006 bestellte ARC-Chef wurde abgefertigt.

Die Angst geht um

Zehn Jahre später geht wieder die Angst um. Nicht nur in Seibersdorf, sondern auch in den anderen, dem Ressort nachgelagerten, Mini-Staatsbetrieben stehen zumindest Personalwechsel in den Aufsichtsräten an. "Rote" werden entfernt und Korporierte, wie der Generalsekretär und Forschungssektionschef im Verkehrsministerium, Andreas Reichhardt, neu bestellt. Nicht alle Firmen sind groß und bedeutend wie die ÖBB (mit ihren zahlreichen Konzerngesellschaften) und die Asfinag. Aber für Gewährsleute winken auch lukrative Chefsessel in der für Donau und Hochwasserschutz zuständigen Via Donau, beim Schienen-Dienstleister Schig oder bei der Bahn- und Telekomregulierungsbehörde. (Luise Ungerboeck, 3.2.2018)

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