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2. Februar 2018, 18:00

Anfang dieser Woche hat am Wiener Burgtheater ein ganz besonderes Stück begonnen. Die Premiere fand freilich nicht abends und nicht auf der Bühne des größten deutschsprachigen Sprechtheaters statt, sondern tagsüber, bei einer Ensembleversammlung. Die Ensemblevertretung hatte dazu eingeladen, ein sensibles, bereits im Herbst erstmals diskutiertes Thema zu besprechen, das weltweit für Diskussionen, Auseinandersetzungen, Bekenntnisse und – im besten Fall – für Sensibilisierung sorgt.

Ausgelöst durch die #MeToo-Bewegung haben sich Ensemblemitglieder, Techniker, Mitarbeiter des kaufmännischen Personals und anderer Abteilungen im Haus am Ring zusammengetan und sich erstmals gemeinsam über Gleichstellung, sexuelle Belästigung, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch in Arbeitsverhältnissen ausgetauscht. Konkret über die Verhältnisse im Wiener Burgtheater – und noch konkreter über die Verhältnisse im Wiener Burgtheater in der Ära Matthias Hartmann, also zwischen 2009 und 2014.

foto: apa/herbert neubauer
2014 bekämpfte Hartmann seine Entlassung als Burgtheater-Direktor.

Die Ausläuferwellen von #MeToo haben nun also "die Burg" erfasst. Dabei geht es nicht um strafbaren sexuellen Missbrauch, um strafbare Übergriffe oder überhaupt um Strafbares, sondern ums Aufzeigen des "Klimas", das unter Hartmann geherrscht habe. All das haben die Theaterleute in einem "offenen Brief" festgehalten, den bis Freitag 14 Uhr 60 Burg-Mitarbeiter unterschrieben haben (siehe unten).

Nicht um der Debatte eine weitere Stimme hinzuzufügen, wollen die Schauspieler ein neues Schlaglicht auf die Ära Hartmann werfen, sagen sie, die laufende Debatte zu Sexismus, dem Ausnützen von Abhängigkeiten habe sie vielmehr "ermutigt", erstmals miteinander offen über ihre Erfahrungen und Erlebnisse mit Hartmann zu sprechen. Mit Brief und Debatte wolle man Anstoß geben zu "positiven Entwicklungen".

Machtfülle eines Intendanten

Die Belegschaft hatte oft mit Hartmann zu tun – und zwar mit Hartmann in seinen verschiedenen Rollen: Als Regisseur hat er in seiner Burg-Zeit 13-mal selbst Regie geführt und dementsprechend oft die Proben geleitet – was ihn von seinen Vorgängern unterschied. Für die Schauspieler hieß das, dass im Regiestuhl nicht etwa ein temporärer Kollege saß, sondern der Theaterchef mit all seiner Machtfülle, der Chef, der über Engagements, Arbeitsverträge und deren Beendigung bestimmt hat.

Hartmann war ab 2013 vor allem wegen des "Burgtheaterskandals" in den Schlagzeilen. Der einstige Regie-Superstar musste das Haus am Ring im März 2014 nach fünf Jahren Intendanz verlassen, nachdem ihn der damalige Kulturminister Josef Ostermayer (SPÖ) entlassen hatte. Zuvor waren finanzielle Malversationen aufgeflogen, die Ensembleversammlung sprach Hartmann 2014 das Misstrauen aus. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch wegen eines Vorwurfs gegen Hartmann, für ihn gilt die Unschuldsvermutung. Hartmanns arbeitsrechtliche Klage ist noch offen.

foto: heribert corn
Hartmann bei einem Pressetermin im Februar 2014.

Die nun erhobenen Vorwürfe hätten "mit dem Finanzskandal nichts zu tun", betonen Ensemblemitglieder im Gespräch mit dem STANDARD. Warum man so lange – immerhin fast vier Jahre – gewartet habe, wird so erklärt: Unter Hartmanns Direktion sei eine "Atmosphäre der Angst und Verunsicherung" erzeugt worden. Die Gleichbehandlungsanwaltschaft ist zwar formal nicht zuständig für die Burg-Belegschaft, hat aber einige der Initiatoren beraten – und deren Schilderungen als glaubwürdig und nachvollziehbar eingeschätzt.

DER STANDARD hat einige Erzählungen, für die eidesstattliche Erklärungen der Betroffenen vorliegen, protokolliert und den Ex-Burg-Chef damit konfrontiert.

Bei einer Probe zu Elfriede Jelineks Stück Schatten, an der fast nur Frauen teilnahmen, habe er die Schauspielerinnen gefragt, ob "sie beim Oralverkehr das Sperma schlucken würden und ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspricht".

Hartmann dazu in seinem Antwortbrief:

"Ja ... ich habe auch den Witz mit der kalorienbewussten Eiweißdiät im Zusammenhang mit Spermaschlucken erzählt. Dieser stammt übrigens von einer Kollegin, von der ich ihn auch erstmals gehört habe. Es war bei der Mittsommernachtssexkomödie ein Thema, welches aus den Proben entstand und als Witz im Ensemble weiterkursierte. Sollte ich jemanden damit verletzt haben, möchte ich mich auch dafür entschuldigen, doch ist die Behauptung falsch, dass ich beim Erzählen jemanden persönlich angesprochen habe."

Auch den Vorwurf, Hartmann habe einen dunkelhäutigen Choreografen in dessen Abwesenheit wiederholt "Tanzneger" genannt (um die Leidensfähigkeit bzgl. "Political Correctness" von Schauspielerinnen, die dies als Provokation empfanden, auszutesten), bestreitet der Regisseur gar nicht.

Hartmann meint dazu Folgendes:

"Ich bin kein Rassist. Der Choreograf, den ich in höchstem Maße schätze, hat sich uns lachend als 'Tanzneger' vorgestellt und mich als 'großen weißen Mann mit Glatze' bezeichnet. Wir haben viele gemeinsame Arbeiten gemacht und hervorragend zusammengearbeitet. Sollte er das im Nachhinein anders bewerten, werde ich persönlich die Aussprache suchen."
foto: apa/georg hochmuth
Hartmann am Wiener Arbeits- und Sozialgericht.

Als homophob empfundene Äußerungen, die Hartmann im Beisein eines Homosexuellen bei Proben zu Schatten getätigt habe, fanden Unterzeichnerinnen des Briefes wenig amüsant. "Man wusste nie, wie man sich in solchen peinlichen Situationen verhalten sollte. Aufstehen und gehen? Schweigen? Konter geben?", fragen sie und sprechen damit das Thema der Doppelrolle Hartmanns an: hie Regisseur, da Chef über ihre Verträge. Hartmann erklärt dazu:

"Ich habe bestimmt auch schon einen Witz über Homosexuelle erzählt. (...) Mir Homophobie zu unterstellen ist völlig aus der Luft gegriffen. Ich habe (...) viele homosexuelle Freunde, und alle werden bestätigen, dass ich der Letzte bin, der damit ein Problem hat."

Auffassungsunterschiede gab es auch zum berühmten "toi, toi, toi", mit dem man am Theater Glück für die Premiere wünscht. Eine Schauspielerin, die seit 2001 im Ensemble ist, berichtet, dass das übliche Prozedere, bei dem man einander symbolisch über die Schulter spuckt, bei Hartmann eine Umarmung mit Schlag auf den Hintern gewesen sei. Etliche Schauspielerinnen bestätigten das, sie hätten das als Übergriff empfunden. Hartmann interpretiert diesen "Klaps" aber ganz anders:

"Ich habe dies niemals in chauvinistischer oder sexistischer Absicht getan. (...) Wir, alle Mitglieder einer Theater-Produktion, haben ein sogenanntes Toi-toi-toi-Ritual. Wir nehmen uns in den Arm, spucken uns über die Schulter und beim letzten 'Toi' gibt man sich einen Klaps auf den Hintern. Dies geschieht bei allen Kollegen, gleich welchen Geschlechtes oder Alters. Viele machen das auch bei mir. (...) Ich habe diese Tradition von einem großen, ehrenhaften Intendanten übernommen. (...) Ein einziges Mal in 25 Jahren hat mir eine Frau mitgeteilt, dass sie das nicht möchte, und dann habe ich es bei ihr eben unterlassen."

Auch Hartmanns Umgang mit technischem Personal dürfte nicht gerade sanft gewesen sein, er habe die Leute regelmäßig als "Vidioten", "Trottel", "Schwachmaten" oder "Scheiß-Technik" abgekanzelt. Zum Teil könne das stimmen, sei aber den Emotionen geschuldet, sagt er:

"(...) Wenn die Nerven blank liegen und dadurch Emotionen zutage treten, wird der Ton von allen Seiten ruppiger . ... Fakt ist, dass ich mich, im Falle einer verbalen Verfehlung, anschließend IMMER bei den Anwesenden entschuldigt habe."

Hartmanns Doppelfunktion als Regisseur und Direktor in Personalunion hat den Erzählungen Betroffener zufolge zu besonders konfliktbehafteten Situationen geführt. In seiner Ära wurden Einjahresverträge zur Regel, was Unsicherheiten und Ungewissheiten fürs weitere Engagement zur Folge hatte. Etliche Ensemblemitglieder berichten, dass ihr Chef Kündigungen bzw. die Nichtverlängerung von Verträgen nicht nur angedroht, sondern auch ausgesprochen habe – die er dann aber oft in Form eines "Gnadenakts" wieder zurückgenommen habe. Die Schauspieler empfanden das als Disziplinierungsmaßnahme und beklagen, dass sie so in monatelange extreme Unsicherheit versetzt worden seien. Was Hartmann nicht auf sich sitzen lässt:

"Das ist eine völlig verzerrte Darstellung. Ich musste im Interesse des Burgtheaters Schauspieler rechtzeitig die Nichtverlängerung ihres Vertrages mitteilen, um sie nicht weiterbeschäftigen zu müssen, ohne eine Rolle für sie zu haben. Ich habe ihnen aber stets gesagt, ich würde mich bemühen, eine Rolle für die nächste Spielzeit zu finden. Dafür sollten sie mir Zeit geben. Damit ich fristgerecht handeln konnte, sollten sie akzeptieren, dass die Nicht-Verlängerung von mir zwar ausgesprochen würde, ich diese aber, sobald eine Rolle zur Verfügung stünde, wieder zurückzöge. (...) Das sind alltägliche Vorgänge in der Theaterwelt."
foto: apa/robert jaeger
Noch-Direktor Hartmann bei der Präsentation des Programms der Saison 2013/2014.

So ganz alltäglich seien die Zustände in Hartmanns Wiener Theaterwelt aber nicht gewesen, meinen seine Kritiker. Auch vier Jahre nach seinem Abgang klaffen noch offene Wunden. Exmitarbeiter bezeichnen ihn als "narzisstisch", er sei "ein präpotenter, chauvinistischer Macho in einer Machtposition gewesen", meint eine, die jahrelang unter Hartmann gespielt hat. Allerdings hätten auch die "ganz Großen an der Burg" den Umgang des heute 55-jährigen Regisseurs mit seinen Schauspielern toleriert und akzeptiert, "sie konnten sich seinem Mechanismus nicht entziehen". Theater sei "totalitär und keine Demokratie", sagt sie, "an den daraus entstehenden Reibungen schärfen wir Schauspieler uns". Eine Exkollegin von ihr sieht es genau umgekehrt: Auf der Bühne sei die Zusammenarbeit immens persönlich und körperlich. "Das macht uns auch so angreifbar. Daher brauchen wir Vertrauen ineinander."

"Ich bin groß, durchsetzungsstark und ungeduldig. Ich habe schon immer polarisiert. Leider. Ich habe es stets versucht zu vermeiden, mit der Macht zu spielen, die mir zu Gebote war. Das ist mir vielleicht nicht immer gelungen. Jetzt hat die Macht mit mir gespielt, und ich werde diese Erfahrungen für die Zukunft sehr beherzigen. (...) Ich habe niemanden bewusst gedemütigt. (...) Falls ich dennoch jemanden verletzt oder beleidigt haben sollte, möchte ich mich in aller Form dafür entschuldigen."

Die Polarisierung, von der Hartmann da spricht, stellt sich auch jetzt wieder ein an der Burg. Der 0ffene Brief nämlich ruft auch Kritik in der Belegschaft der Burg und bei Exmitarbeitern des Deutschen hervor. Da werde die #MeToo-Debatte als Vorwand genommen, um den Ruf des Unbequemen weiter zu beschädigen, sagen die einen. Andere meinen, die Veröffentlichung solle die rechtliche Position des Regisseurs in seinem Kampf gegen die Entlassung und um Geld schwächen.

Karin Bergmann, die Hartmann 2014 an Burg beerbt hat, kann alle Seiten nachvollziehen. Die Unterzeichner des Briefs "bringen strukturellen und verbalen Missbrauch an Theatern zur Sprache, aber auch konkrete Vorwürfe an die vergangene Direktion", sagt die Burg-Chefin. Sie respektiere diesen Schritt, verstehe aber auch die Entscheidung derer, die nicht unterschreiben und die Debatte nicht in die Medien bringen wollen. (Renate Graber, Petra Stuiber, Stefan Weiss, 2.2.2018)

Der offene Brief im Wortlaut

Liebe Kunst- und Kulturschaffende, liebe TheaterbesucherInnen, liebe Kulturinteressierte,

es ist uns, den Unterzeichnenden, 60 MitarbeiterInnen und ehemaligen MitarbeiterInnen des Burgtheaters, ein Anliegen, hier und heute mit Ihnen einige Überlegungen zum Thema der aktuellen Debatte um Gleichstellung, sexuelle Belästigung, Nötigung, Grenzüberschreitungen und Machtmissbrauch in Arbeitsverhältnissen zu teilen.

Dies nicht um der Wortmeldung selbst willen – im Sinne von "es ist zwar schon alles gesagt, aber nicht von allen"- , sondern um klarzumachen, dass auch die Kulturinstitutionen dieses Landes nicht vor diesen Problemen gefeit sind und dass wir hier zukünftig etwas ändern müssen. Zudem möchten wir klar aussprechen, dass jeder Mensch mit seinem Verhalten entweder dazu beiträgt, dass diese Missstände sich fortsetzen oder dass sie aufhören. Wir haben auch in unserem eigenen Haus durch unser Stillhalten und unser Schweigen das Problem wachsen lassen. Wir möchten nun mit diesem Brief einen Anstoß zu einer positiven Entwicklung geben.

Es hat in den letzten Monaten, nicht zuletzt durch die öffentliche Debatte ermutigt, in unserem Haus Gespräche untereinander gegeben, in denen zum ersten Mal ein offener Austausch über Erfahrungen, vor allem während der Direktionszeit von Matthias Hartmann in den Jahren 2009-2014 stattgefunden hat. Für uns ist das ein Startpunkt im Bemühen, ein Klima im Ensemble, im ganzen Burgtheater zu schaffen, das sich auf Respekt und fairen Umgang gründet.

Das Burgtheater hat von 2009 bis 2014 eine Direktion erlebt, die unter Matthias Hartmanns Leitung und mit ihm als hauptsächlichem Regisseur am Haus Abhängigkeiten und Betriebshierarchien nicht durch einen verantwortungsvollen Umgang aufgefangen, sondern eine Atmosphäre der Angst und Verunsicherung erzeugt hat.

Es ist nicht im Interesse dieses Briefes, auf Einzelfälle einzugehen, doch um das Klima zu beschreiben ist es nötig, einige Erfahrungen zu teilen. Es ist dennoch nicht die Absicht, Matthias Hartmann als einzigen Missetäter inmitten von lauteren und fairen Theaterkünstlern zu brandmarken. Immer wieder wird von vielen RegisseurInnen in künstlerischen Prozessen Machtmissbrauch, Demütigung und Herabwürdigung als probates Mittel in der Arbeit angesehen und durch das "eigene künstlerische Genie" entschuldigt. Auch möchten wir die an Matthias Hartmann gerichteten Vorwürfe in keiner Weise auf die Stufe derer stellen, die gegen Dieter Wedel, Harvey Weinstein und andere erhoben worden sind, wir reden von einem Klima, nicht von schweren Straftaten.

Doch zur Kreativität des Probenprozesses und einem gesunden Arbeitsklima gehören sicherlich nicht Fragen zu sexuellen Praktiken,Rassismen und eine Diffamierung von Homosexualität. Eine Probe konnte dadurch unterbrochen werden, dass eine fast ausschließlich weibliche Besetzung von Matthias Hartmann gefragt wurde, ob sie beim Oralsex das Sperma schlucken würde und ob das einer kalorienbewussten Ernährung widerspräche. Ein dunkelhäutiger Mitarbeiter wurde in seiner Abwesenheit als "Tanzneger" bezeichnet. Ungewollte Berührungen, wie ein Schlag auf den Hintern oder Umarmungen, wurden zahlreichen Mitarbeiterinnen zuteil. KollegenInnen der Technik und der Multimedia-Abteilung wurden von ihm regelmäßig als "Vidioten", "Trottel", "Schwachmaten", "Scheiß-Technik" bezeichnet. Es kam immer wieder vor- und dieses Verhalten ist leider auch bei anderen RegisseurInnen anzutreffen – , dass einzelne Personen, teilweise über den Probenzeitraum einer Produktion, also über Wochen und Monate hinweg, "herausgepickt" und vor den anderen Mitarbeitern der Produktion kontinuierlich gedemütigt wurden.

Allen Personen, die diesen Gepflogenheiten widersprachen, haftete schnell der Nimbus von Dauerempörten an, diese Wenigen wurden entsprechend als verklemmt, prüde und humorlos dargestellt.

Der Chef, die Chefin trägt allerdings, anders als angestellte KünstlerInnen oder RegisseurInnen, die Verantwortung für den gesamten Betrieb und für alle MitarbeiterInnen. Systemimmanente Strukturen an den meisten deutschsprachigen Theatern führen dazu, dass IntendantInnen häufig in Personalunion auch RegisseurInnen sind. Übersetzt in andere Berufsbereiche bedeutet das, dass sowohl die Position des/der direkten Vorgesetzten als auch die Position des Chefs/der Chefin des Gesamtbetriebs von ein und derselben Person bekleidet wird. Das bedeutet, dass eine Person, mit der man in den Proben auf Augenhöhe arbeiten, streiten, sich auseinandersetzen und sich gegenseitig in einem künstlerischen Prozess vertrauen soll, zugleich diejenige ist, die Kündigungen aussprechen oder dafür sorgen kann, dass MitarbeiterInnen keine Rollen mehr bekommen. Die Abhängigkeit wird verschärft durch die auf ein bis zwei Jahre befristeten Arbeitsverträge, die aus rein künstlerischen – d.h. subjektiven und nicht überprüfbaren – Gründen gekündigt bzw. nicht verlängert werden können.

Diese Konstellation führt zu einem besonders problematischen Abhängigkeitsverhältnis, das ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl und eine besondere Sorgfaltspflicht der Leitung erfordert. Eine Praxis, in der Kündigungen angedroht und in "Gnadenakten" wieder zurückgenommen werden, widerspricht dieser Sorgfaltspflicht. Auch eine Weiterbeschäftigung in Aussicht zu stellen, wenn man bereit wäre, auf die vereinbarte Kündigungsfrist zu verzichten, ist sicherlich nicht im Sinne einer guten Leitung.

Für die Unterzeichnenden ist es erschreckend und beschämend, dass wir einige Jahre und eine gesamtgesellschaftliche Debatte benötigt haben, um die seit damals nachwirkende Erstarrung und Vereinzelung zu überwinden und überhaupt miteinander über diese Vorkommnisse zu reden. Und dass wir – teilweise durch Rückzug auf die eigene Arbeit, durch Passivität oder durch Wegducken – mit dazu beigetragen haben, dass sich dieses Klima verfestigen und ausbreiten konnte. Bezeichnend ist, dass, obwohl sich unter der neuen Direktorin Karin Bergmann die Atmosphäre änderte, die negativen Konsequenzen in Bezug auf das gegenseitige Vertrauen immer noch spürbar sind.

Es ist unser klares Interesse und unsere Aufgabe, in Zukunft dafür Sorge zu tragen, dass solche Bedingungen unseren Arbeitsplatz nicht wieder dominieren können. Gerade in gruppendynamischen Prozessen wie bei Proben und bei künstlerischen Produktionen sind persönliche Grenzziehungen zum Teil fragil und oft schwer zu fassen. Aus diesem Grund erfordern gerade diese Prozesse besonderes Vertrauen und Respekt. Wir begreifen Theater als gesellschaftliches, unterhaltendes und bildendes Reflexionsmedium. Diesem Auftrag sollten auch die Produktionspraxis und die rechtlichen und politischen Rahmenbedingungen gerecht werden. Wir möchten mit unserem Brief dazu aufrufen, die Debatte um sexuelle Belästigung und das Ausnutzen von Hierarchiestrukturen nicht im medialen Durchlauferhitzer versickern zu lassen, sondern in unserem Theater, in anderen Theatern und in der Kulturbranche generell, personelle Machtballungen genauer zu betrachten und möglicherweise Strukturen zu überdenken. Unser zentrales Anliegen aber ist es, gemeinsam für eine rücksichtsvolle, respektvolle und faire Arbeitsatmosphäre zu sorgen, mit dem eigenen Verhalten dazu beizutragen und den Mut zum Einschreiten zu kultivieren. Emotionalität und Leidenschaft gilt es zu wahren und sexistische, rassistische und psychische Gewalt, auch in ihren Ansätzen, aus unserem Arbeitsalltag zu verbannen.

Der Schritt, an die Öffentlichkeit zu gehen, fällt nicht leicht. Wir sind uns der Gefahr einer auf Sensationen und pikante Details zielenden Berichterstattung bewusst, hoffen aber, dass unsere Auseinandersetzung eher der Differenzierung dient und nicht der Komplexitätsreduzierung. Wir möchten dem Burgtheater nicht schaden, sondern es als Ort der Debatte zeigen. Die Veröffentlichung dieses Briefes birgt eine Gefahr und eine Chance. Wir haben beschlossen, auf die Chance zu vertrauen.

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