Uralte Steinklingen aus Indien geben Rätsel auf

2. Februar 2018, 17:55
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An der Ostküste Indiens entdeckte Steinwerkzeuge sind zwischen 172.000 und 385.000 Jahre alt – und mit gängigem Lehrbuchwissen nicht erklärbar

foto: sharma centre for heritage education
Diese innovativen Werkzeuge, die in Südostindien ausgegraben wurden, sind bis zu 385.000 Jahre alt. Wer aber hat sie hergestellt?

London/Wien – Bis vor kurzem schien die Evolution des modernen Menschen eine gut abgesicherte Geschichte: Er entstand vor rund 200.000 Jahren im südlichen Afrika und begann vor rund 60.000 Jahren mit der Welteroberung. Jüngste Funde bringen aber einige Verwirrung in diese Erzählung: In Israel gefundene Knochen legen nahe, dass der Auszug aus Afrika bereits viel früher stattfand, nämlich vor 185.000 Jahren. Und in Marokko entdeckte Schädel anatomisch moderner Menschen sind 315.000 Jahre alt.

Nun wirft auch ein spektakulärer Fund, der in Attirampakkam nahe der ostindischen Millionenstadt Chennai gemacht wurde, einige Fragen auf. Dort stieß man nämlich auf eine riesige Ansammlung von rund 7000 raffiniert bearbeiteten Steinwerkzeugen: Klingen, Schaber und Spitzen, die mittels der Levallois-Technik hergestellt wurden.

Innovative Klingenherstellung

Diese Bearbeitungstechnik, bei der man aus Abschlägen dünne Klingen fabriziert, kennzeichnet laut der gängigen Lehrmeinung den Übergang von der älteren zur mittleren Altsteinzeit. Die Methode wurde bis jetzt nur mit den Neandertalern in Europa und modernen Menschen in Verbindung gebracht, die diese Klingenherstellung unabhängig voneinander praktizierten.

Die indischen Steinwerkzeuge passen schlecht in dieses Bild, denn sie sind zwischen 385.000 und 172.000 Jahre alt, wie Forscher um Kumar Akhilesh (Sharma Center for Heritage Education) im Fachblatt "Nature" berichten – also nach bisherigem Wissensstand bis zu 200.000 Jahre "zu alt".

Wer waren die Urheber?

Die große Frage ist daher, wer diese Klingen herstellte. Da es keine Funde menschlicher Fossilien gibt, ist man auf Spekulationen angewiesen: Es könnten innovative Neandertaler gewesen sein, die nach Indien gelangten, oder aber die mysteriösen Denisova-Menschen. Theoretisch ist auch noch ein besonders innovativer Homo erectus denkbar, der in Indien von sich aus den kulturellen Aufstieg in die mittlere Altsteinzeit geschafft hat.

Seit den rezenten Funden in Israel ist freilich auch noch ein viertes Szenario denkbar: Der moderne Mensch erreichte Indien sehr viel früher als bisher angenommen. (tasch, 2.2.2018)

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