"Töchter der Revolution" sorgen für neue Proteste im Iran

    2. Februar 2018, 16:37
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    Zahlreiche Frauen wehren sich auch in konservativen Städten gegen den Kopftuchzwang

    Teheran/Wien – Als die 31-jährige Vida Movahed vor fast einem Monat im Zentrum Teherans auf einen Stromkasten stieg, ihr weißes Kopftuch abnahm und an einen Stock hängte, hätte niemand gedacht, dass es der Anfang einer neuen Welle sein würde. Und doch: Die Proteste gegen die Kopfbedeckung setzten sich fort und gewannen an Kraft.

    Auch nachdem Movahed eine Woche später verhaftet wurde, setzte sich der zivile Ungehorsam fort, mutige Frauen in mehreren Städten, sogar in der heiligen Stadt Mashhad, schlossen sich dieser Bewegung an. Die Wurzeln liegen im Jahr 1979: Fast ein Jahr nach der Revolution wurde nach Anordnung Ayatollah Ruhollah Khomeinis eine Volksbefragung durchgeführt. In den chaotischen Zeiten der Nachrevolutionsära stimmte die Mehrheit der Bevölkerung für die Pflicht zur Kopfbedeckung für Frauen.

    Auch ältere Frauen setzen sich gegen den Kopftuchzwang zur Wehr.

    Dies blieb nicht ohne Reaktion. Tausende Frauen demonstrierten damals dagegen. Doch ihre Stimme wurde nicht gehört, das Gesetz vom Parlament ratifiziert. Der acht Jahre dauernde Krieg zwischen Iran und Irak unterdrückte jeden Widerstand. Demokratiebestrebungen wurden unter Vorwand des Kriegszustandes ignoriert.

    Gebildete Demonstrantinnen

    Erst durch die junge Generation bekamen sie immer mehr Aufschwung. Diese ist inzwischen erwachsen geworden, gebildet und studiert zu einem großen Teil an den zahlreichen Universitäten des Iran. Darunter sind viele Frauen. Ihr Anteil unter den Studierenden liegt nun bei rund 60 Prozent.

    Das sorgt für Ansprüche. Sogar in den Basaren, einst Domäne der Männer, fassten die Frauen Fuß. Als vor fast neun Jahren mit der grünen Bewegung im Iran Millionen Menschen mehr Demokratie verlangten, war der Anteil der Frauen groß. Mit Amtsantritt Präsident Hassan Rohanis wuchs die Hoffnung auf mehr Demokratie, die sich nicht erfüllte.

    Als vor einem Monat die Proteste gegen wirtschaftliche Engpässe im Iran begannen, rechnete am Anfang niemand damit, dass sich diese zur Demonstration gegen das System entwickeln würden. Aber Internet und Mobiltelefone ermöglichen es den Menschen, besser miteinander zu kommunizieren. Fast jeder Haushalt in den Städten verfügt über einen Internetanschluss, und fast jeder Bewohner besitzt ein Handy.

    Breite Unterstützung

    Als Vida Movahed vor einem Monat ihr Kopftuch abnahm, ging ihr Bild durch das ganze Land und löste eine neue Art des zivilen Ungehorsams unter dem Namen "Töchter der Revolution" im Iran aus. Sie bekam aus allen Schichten Unterstützung.

    Vida Movahed legte ihr Kopftuch ab und stieß Proteste an.

    Mehrere Parlamentarier haben Verständnis gezeigt, aber keine Alternativen vorgeschlagen. Während konservative Medien und Staatsanwaltschaft eine von außen organisierte Welle orten, meinten unabhängige Medien, man solle Verständnis zeigen – und sie deuten mit vorsichtigen Formulierungen an, dass der Zwang nicht mehr zeitgemäß sei.

    Inzwischen wurde Movahed freigelassen, aber mehrere Frauen, die ihrem Beispiel gefolgt waren, wurden zu hohen Geldstrafen verurteilt. Trotzdem nehmen immer mehr Frauen Kopftücher ab. Eine Welle, die trotz der Verhaftungen kaum zu kontrollieren ist – kurz vor dem Jahrestag der Revolution in einer Woche. (Amir Loghmany, 2.2.2018)

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