Fakten zu den Burschenschaften

    3. Februar 2018, 12:05
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    Was macht einen rechten Burschen aus, wie kommt es zu Schmissen, und warum tragen die Studenten farbige Bänder? Lesen Sie die Erklärungen

    Was einen rechten Burschen ausmacht

    Das Wort Bursch kommt von den Bursen der Universitätsstädte: Das waren Studentenheime, deren Kosten aus einem gemeinsamen Geldbeutel (lat. "bursa", der Begriff steckt auch in der "Geldbörse") getragen wurden. Bis ins 18. Jahrhundert galt jeder Student als "Bursch", und die gesamte Studentenschaft (um 1815 in ganz Deutschland nur rund 8500 Personen) wurde Burschenschaft genannt. Erst mit der Gründung der "Urburschenschaft" in Jena 1815 bekam die Bezeichnung eine politische Bedeutung. In Österreich gibt es insgesamt 506 Studentenverbindungen, davon sind 97 Pennalien (Mittelschulverbindungen) und 104 akademische Verbindungen dem freiheitlichen Lager zuzuordnen. (Conrad Seidl)

    foto: herbert pfarrhofer
    Die rechtsextreme Organisation der Identitären bedient sich in Sachen Aktionismus, Transparente, Lieder und sogar T-Shirts linker Ästhetik.

    Zwischen T-Shirts, Plakaten und Wichs

    Die rechtsextreme Organisation der Identitären stylt sich jugendlich und bedient sich in Sachen Aktionismus, Transparente, Lieder und sogar T-Shirts linker Ästhetik. Unbedarfte würden sie nicht mit anachronistischen Burschenschaften assoziieren. Dabei gibt es zwischen den Aktivisten und den Wichs-Trägern viele Überschneidungen. Martin Sellner (ehemals Olympia, jetzt Sängerschaft Barden) und Patrick Lenart (Verein Deutscher Studenten, Akademische Fliegerschaft Wieland-Staufen) aus dem Führungskader sind nicht die einzigen. Weitere Identitäre sind in der Olympia, der Sängerschaft Barden, der Tauriska Baden, der AGV Rugia Salzburg, der Austria zu Knittelfeld oder im Corps Hansea. (Colette Schmidt, Fabian Schmid)

    foto: apa/roland schlager
    Prominentestes Beispiel in hoher politischer Funktion ist Anneliese Kitzmüller, Dritte Nationalratspräsidentin für die FPÖ (ganz rechts).

    Kaum Frauen in den akademischen Verbänden

    Mädelschaften existieren in Österreich derzeit sieben, wobei drei davon erst in den vergangenen acht Jahren entstanden sind. Wie viele Mädelschafterinnen diesen Verbindungen angehören, ist unklar – es gibt keine offiziellen Zahlen. "Durch die Regierungsbeteiligung der FPÖ ist auch der gesellschaftspolitische Einfluss der Mädelschaften größer geworden, wenn auch nicht im selben Ausmaß wie bei den Burschenschaften", sagt Politikwissenschafterin Judith Goetz. Prominentestes Beispiel in hoher politischer Funktion ist Anneliese Kitzmüller, Dritte Nationalratspräsidentin für die FPÖ. Sie ist stellvertretende Obfrau der Iduna zu Linz sowie Mitglied der pennalen Mädelschaft Sigrid zu Wien. (Katharina Mittelstaedt)

    Wie Burschen zu ihren Schmissen kommen

    Wie eine Mensur abläuft, wird detailreich auf der Website der Germania Graz geschildert. Mitglied der Germania Graz ist übrigens der Abgeordnete Axel Kassegger, der in den Koalitionsverhandlungen zuständig für "Wirtschaft/Entbürokratisierung und Zukunft" war. 2015 beendete er einen Festvortrag voller Verschwörungstheorien mit "Heil! Deutsche Burschenschaft".

    Und so sehen die Burschenschafter der 1885 gegründeten Grazer akademischen Burschenschaft Germania, einer pflichtschlagenden Verbindung (das heißt, dass sich alle jungen Mitglieder dem Ritual unterziehen müssen), die Bedeutung der Mensur:

    "Der Sinn der Mensur liegt vor allem in der persönlichen Erfahrung einer Extremsituation, wobei es darauf ankommt, das in einem Jahr erlernte fechterische Können anzuwenden und sich gegen den Gegenpaukanten so gut als möglich zu behaupten.

    Als Mensur wird das traditionelle studentische Fechten mit dem Korbschläger bezeichnet. Diese Waffe ist auf beiden Seiten scharf, hat aber eine abgeflachte Spitze. Die beiden Gegner (Paukanten) sind immer Angehörige verschiedener Studentenverbindungen (also keine Bundesbrüder) und haben sich strengen Regeln zu unterwerfen. Weiters erhalten beide einen umfassenden Schutz aller Körperteile mit Ausnahme des Kopfes, wobei auch hier Augen, Hals, Ohren und die wichtigsten Nervenbahnen mit Schutzwaffen versehen werden.

    Dem Paukanten zur Seite stehen der Sekundant, der Testant und der Paukarzt, welcher allfällige Verletzungen sofort versorgen kann. Der Testant hat für die Waffe Sorge zu tragen und stützt während der Pausen den Arm des Paukanten. Er ist auch für das kommentgemäße Setzen der Schutzkrawatte und der Mensurbrille verantwortlich.

    Die Sekundanten stehen den Paukanten zur Seite und sorgen für einen geregelten Ablauf der Mensur. Sie haben das Recht, in die Mensur einzufallen, wenn sich der Paukant verschlägt, und schützen ihn dadurch. Der Unparteiische überwacht die gesamte Mensur und sorgt für deren würdigen Verlauf. Er protokolliert auch eventuelle Regelwidrigkeiten und spricht gegebenenfalls Ermahnungen aus."

    Die "Paukanten" fechten "deutsch hoch", das heißt die "Schläger" (Säbel) werden über den Köpfen gehalten und mehr aus dem Handgelenk als mit dem ganzen Arm geschlagen.

    Ein "Gang" dauert meist nur kurz. Die Schläge werden so gut wie möglich pariert, Ziel ist es aber, die Wange oder den Kopf oben zu treffen und dem Gegner mit einem Schlenker der scharf geschliffenen Waffe ("Durchzieher") eine klaffende Wunde beizubringen. Diese heilt dann zu einer sichtbaren Narbe ("Schmiss") aus, die als Ehrenzeichen gilt. Früher legte man Rosshaare in die Wunde, um einen Entzündungsprozess zu erzeugen, der die Narbe noch imposanter machte.

    foto: christian fischer
    Als Mensur wird das traditionelle studentische Fechten mit dem Korbschläger bezeichnet.

    Eine Mensur ist kein "Duell", es gibt keine Gewinner und Verlierer, es kommt darauf an, die Sache durchzustehen.

    Der berühmte Roman von Heinrich Mann, "Der Untertan", der den Kadavergehorsam im wilhelminischen Deutschland karikiert, beschreibt das Gefühl seiner Hauptfigur bei der Mensur: "Er musste. Aber gleich die ersten Erfahrungen beruhigten ihn. Er war so sorgsam eingewickelt, behelmt und bebrillt worden, dass ihm unmöglich viel geschehen konnte. […] Beim ersten Durchzieher ward ihm schwach: Über die Wange fühlte er es rinnen. Als er dann genäht war, hätte er am liebsten getanzt vor Glück. Er warf es sich vor, dass er diesen gutmütigen Menschen gefährliche Absichten zugetraut hatte."

    Es gab allerdings gelegentlich schwere Verletzungen oder sogar tödliche Unfälle, etwa wenn die Waffe durch die Nase ins Gehirn eindrang. Durch den erhöhten Schutz ist das seit Jahrzehnten nicht mehr vorgekommen.

    Auffällig ist, dass etliche bekannte FPÖ-Politiker, die Mitglieder von schlagenden Verbindungen sind, keine sichtbaren "Schmisse" im Gesicht tragen. Das liegt zum einen daran, dass nur Mitglieder von akademischen Verbindungen Mensuren mit scharfen Waffen fechten. Es gibt aber auch "Pennälerverbindungen", die aus Mittelschülern bestehen. Die fechten mit stumpfen Waffen. Auf der Website des Pennalen-Corps Austria heißt es: "Wir fechten mit stumpfen Säbeln, wobei nur der Oberkörper Trefferfläche ist. Die meisten Körperstellen sind jedoch mit einem entsprechenden Schutz ausgestattet. Beim Säbelfechten ist der Kopf, genauso wie der Arm, geschützt, um gröbere Verletzungen auszuschließen."

    Heinz-Christian Strache ist kein Akademiker, daher "nur" Mitglied der Pennälerverbindung Vandalia. Im Jahr 2004 forderte Strache einen korporierten Arzt, der eine Rede von ihm kritisiert hatte, zu einer "Kontrahage", einer Art Zweikampf, bei der mit stumpfen Säbeln gefochten wird, um der Ehre Genüge zu tun. (Hans Rauscher)

    foto: christian fischer
    Schwarz-Rot-Gold gibt es bei etlichen Burschenschaften.

    Warum Studenten farbige Bänder tragen

    Die Farben, die auf dem Band einer Verbindung zu sehen sind, sind ein Erkennungszeichen – die wie eine Schärpe getragenen Farben, die sich auch auf dem kleineren "Bierzipf" finden, symbolisieren Gemeinschaft. Bei etlichen Burschenschaften sind diese Farben Schwarz-Rot-Gold wie die deutsche Flagge. Burschenschafter, die an der Gründung der Ersten Republik mitgewirkt haben, haben dafür gesorgt, dass diese Farben auch im österreichischen Wappen durch den schwarzen Adler, dessen rote Zunge und die goldene Mauerkrone, repräsentiert sind. Es sind – sowohl bei katholischen wie freiheitlichen – Verbindungen auch andere Farbkombinationen üblich, oft repräsentieren auch sie Farben eines Landes. (Conrad Seidl)

    foto: christian fischer
    Zu festlichen Anlässen werden Band und Kappe noch durch Jacke, Hose und Stiefel, die "volle Wichs", ergänzt.

    Was es heißt, in voller Wichs aufzutreten

    Sowohl katholische Verbindungen als auch Burschenschaften und Corps schreiben ihren Mitgliedern als minimale Adjustierung das Tragen von Band und Kappe vor. Diese Kappen sind oft Tellermützen (die typischerweise etwas kleiner sind als amtliche Uniformkappen), bei inoffiziellen Anlässen wird oft die kleine, dafür aber gelegentlich reich bestickte "Biertonne", eine Kappe ohne Schirm, getragen. Heinz-Christian Strache fand es 2010 passend, eine solche "Biertonne" seiner Pennälerverbindung Vandalia bei einem Besuch der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem zu tragen. Zu festlichen Anlässen werden Band und Kappe noch durch Jacke, Hose und Stiefel, die "volle Wichs", ergänzt. (Conrad Seidl, 3.2.2018)

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