Leonid Breschnew: Vom Glanz und Niedergang des Sowjetimperiums

    2. Februar 2018, 15:28
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    Dem "goldenen" Zeitalter folgte das Ende: Historikerin Susanne Schattenberg wirft höchst erhellende Blicke auf den Menschen Leonid Breschnew

    Selbst unter Zar Wladimir, mit bürgerlichem Namen Putin, der Russlands Glanz und Glorie wiederherstellen möchte, sehnen sich viele Menschen des Riesenreiches nach der Sowjetunion zurück, in nostalgischer Verklärung vor allem der 1970er- und frühen 1980er-Jahre.

    Für dieses angeblich goldene Zeitalter ebenso wie für die Erstarrung, die das Ende des großen sozialistischen Experiments am lebenden Menschen einläutete, steht ein Name: Breschnew. Glück und Ende des Parteichefs, der fast zwei Jahrzehnte die Entwicklung des Landes prägte und zuletzt mit seinem körperlichen und geistigen Verfall blockierte, markieren die Phasen eines Schicksals, das zugleich Weltgeschichte schrieb.

    Jetzt liegt die erste wissenschaftlich fundierte Breschnew-Biografie vor. Mit dem Untertitel – "Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins" – deutet die deutsche Osteuropa-Historikerin Susanne Schattenberg bereits an, worum es ihr neben Quellentreue und wissenschaftlicher Redlichkeit geht: um den Menschen Breschnew mit seinen Talenten, Schwächen und Prägungen innerhalb der sozialen und politischen Koordinaten der Epoche, einen "Menschen in seiner Zeit".

    Glauben an die gute Sache

    Leonid Iljitsch Breschnew wurde 1906 in eine Arbeiterfamilie im ukrainischen Kamenskoje (von 1936 bis 2016 Dneprodschersinsk) geboren. Als Gymnasiast erlebte er Februar- und Oktoberrevolution 1917, Bürgerkrieg und Hungersnot mit. 1923 begann er ein Landwirtschaftsstudium und trat in die kommunistische Jugendorganisation Komsomol ein. Damit begann seine Karriere im System, die am 14. Oktober 1964 in der Wahl zum Ersten Sekretär (Parteichef) der KPdSU gipfelte.

    Den Putsch gegen Nikita Chruschtschow führte Breschnew selber an – sieben Jahre zuvor hatte er noch geholfen, den Sturz des Stalin-Nachfolgers zu vereiteln. Diese Zwiespältigkeit, in der sich ein Streben nach Ausgleich und Balance erkennen lässt, ist ein typischer Wesenszug Breschnews. Glauben an die gute Sache

    Was war prägend für den jungen Bolschewiken, der offensichtlich an die gute Sache des Sozialismus glaubte? Zunächst ganz sicher seine Erfahrungen bei der Zwangskollektivierung der Landwirtschaft. Der heftige Widerstand vieler Bauern und die meist nicht zu erfüllenden Planvorgaben aus Moskau stärkten Breschnew in der Überzeugung, dass Gewalt kein taugliches Mittel zur Durchsetzung des Systems sei. Besser würde es mit Überzeugungskraft und gutem Vorbild gehen. Damit distanzierte sich der Jungfunktionär klar vom Stalinismus, ohne dies freilich offen auszusprechen. Stattdessen versuchte er, die Verantwortung, zumindest nach außen, auf möglichst viele Schultern zu verteilen und sich damit selbst abzusichern.

    Prekäre Gratwanderungen

    Hier wie auch in späteren Krisensituationen gelang Breschnew oft eine prekäre Gratwanderung. Bei der Inszenierung der kollektiven Führung kam ihm auch sein mimisches Talent zugute, das er als junger Laienschauspieler unter Beweis gestellt hatte.

    Gestützt auf die Erfahrungen als Provinzfunktionär, perfektionierte er nach seiner Machtübernahme das Netzwerk persönlicher Beziehungen und Abhängigkeiten, die berühmt-berüchtigte "Dnepropetrowsker Mafia". Sie funktionierte bis zuletzt – und war zugleich eine Hauptursache für Erstarrung und Reformunfähigkeit.

    Obwohl er den Zweiten Weltkrieg nicht als Frontsoldat, sondern als politischer Offizier erlebt hatte, bestimmten die Erfahrungen menschlichen Leids ganz entscheidend die Motive seiner Politik als Parteichef, innen- wie außenpolitisch: Die Sowjetmenschen sollten ein sorgenfreies Leben in bescheidenem Wohlstand und einem friedlichen internationalen Umfeld haben.

    Es macht die Tragik Breschnews aus, dass er diesen Zielen nahekam und sie wieder in weite Ferne rückte, weil er sich letztlich weder der inneren Logik des Machtsystems noch den Gesetzmäßigkeiten der Großmachtpolitik entziehen konnte – oder wollte. Exemplarisch wird dies im Fall der CSSR-Invasion 1968 deutlich.

    Enttäuschte Hoffnung auf den Friedensnobelpreis

    Den tschechoslowakischen Reformparteichef Alexander Dubcek behandelte Breschnew erst als Protegé, der mit den Altstalinisten aufräumen würde. Als Dubcek aber auf der Souveränität seines Landes beharrte, fühlte Breschnew sich hintergangen und erwirkte den Einmarschbeschluss der Warschauer-Pakt-Staaten. Mit der "Breschnew-Doktrin" ging der Kreml-Führer in die Geschichte ein, nicht mit der von ihm dann eingeleiteten Entspannungspolitik, mit der er sich laut Schattenberg als Staatsmann westlichen Zuschnitts profilieren wollte.

    Endgültig vertan wurde diese Chance mit dem Einmarsch in Afghanistan 1979. Der Beschluss dazu wird allerdings der sogenannten Troika im Politbüro zugeschrieben: Außenminister Andrej Gromyko, KGB-Chef Juri Andropow und Verteidigungsminister Dmitri Ustinow. Breschnew war zu diesem Zeitpunkt aufgrund seiner Tablettensucht praktisch handlungsunfähig. Nach seinem Tod 1982 zog sich die Agonie des Sowjetstaates noch neun Jahre hin. Der Friedensnobelpreis, den sich Breschnew auf dem Höhepunkt seines Entspannungskurses in Richtung Westen erhofft hatte, ging 1990 an Michail Gorbatschow – den Mann, in dem viele Russen den Totengräber der Sowjetunion sehen.

    Dass es das System Breschnew war, das in den Zusammenbruch des Imperiums mündete, wollen die Nostalgiker nicht wahrhaben. Warum das bis heute so ist, dafür liefert Schattenbergs brillantes Werk einiges an Erklärung. (Josef Kirchengast, 2.2.2018)


    Susanne Schattenberg, "Leonid Breschnew. Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins". € 41,- / 661 Seiten. Böhlau, Wien/Köln/ Weimar 2017

    • Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins: Leonid Breschnew.
      foto: imago / sven simon

      Staatsmann und Schauspieler im Schatten Stalins: Leonid Breschnew.

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