Historiker: "Afrika war ein dynamischer Kontinent"

    Interview3. Februar 2018, 11:00
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    Lange galt der Kontinent als geschichtslos, jetzt hat François-Xavier Fauvelle ein wunderbares Buch über Afrika im Mittelalter geschrieben – als Zentrum eines blühenden Welthandels

    foto: picturedesk.com
    "Die Geschichtsschreibung über Afrika wird immer fragmentarisch bleiben. Sie wird weiterhin gekennzeichnet sein von der Einmaligkeit gewisser historischer Fundstücke und deren Verschiedenheit", sagt der französische Historiker François-Xavier Fauvelle.

    Standard: Afrika und Geschichte – das galt lange als Widerspruch. Geben Sie dem Kontinent mit Ihrer Erforschung des afrikanischen Mittelalters seine Geschichte zurück?

    François-Xavier Fauvelle: Tatsächlich fällt es vielen immer noch schwer, den Begriff Geschichte auf Afrika anzuwenden. Diese Unwissenheit wurzelt in alten abendländischen Vorurteilen. Sie wurden geschaffen, um den Sklavenhandel zu rechtfertigen. Manchmal nimmt die Unwissenheit subtilere Formen an, etwa wenn man Afrika als Wiege der Menschheit bezeichnet oder die afrikanischen Kunstwerke als primitive Kunst betrachtet. Das kann durchaus in guter Absicht geschehen. Dennoch wird damit die Vorstellung eines Afrika aufrechterhalten, das seit seinen Anfängen keine Veränderung erfuhr und dessen Bewohner in ihrer natürlichen Umgebung erstarrten. Ich möchte sowohl den Vorurteilen entgegentreten als auch all den Mythen, mit denen der Mangel an Kenntnissen aufgefüllt wurde.

    Standard: Der Historiker Jacques Le Goff wandte sich dagegen, das europäische Mittelalter als finstere Periode anzusehen. Gilt das auch für Afrika?

    Fauvelle: Heute gibt es in der Geschichtswissenschaft eine Strömung von Historikern, die in Fortsetzung von Le Goff eine weite Sicht auf das Mittelalter hat. Wenn ich vom afrikanischen Mittelalter spreche, dann nicht, um einen den Lesern bekannten Begriff zu verwenden. Vielmehr möchte ich damit deutlich machen, dass Afrika teilnahm an den Entwicklungen, die im christlichen Europa, aber auch in Byzanz und der islamischen Welt stattfanden. Der Handel über weite Entfernungen, die Netze international tätiger Kaufleute, die Bedeutung des Goldes und der Sklaven, der städtische Raum als Umschlagplatz für Waren – all das sind mittelalterliche Phänomene, und Afrika wirkte daran mit.

    Standard: Wird Afrika damit wieder Teil der Weltgeschichte, aus der es lange ausgeklammert blieb?

    Fauvelle: Wenn ich dazu beitragen kann, wäre das für mich ein großer Erfolg. Das Afrika, mit dem ich mich als Historiker und Archäologe befasse, ist weit weg vom Bild der "Stämme". Man sieht in ihm die Entwicklung von Individuen, die Akteure der Geschichte waren, Regenten, Kaufleute, Verwalter, religiöse Autoritäten. Es ist ein Afrika der Reiche, Städte und Handelsbeziehungen. Zwischen dem 8. und 15. Jahrhundert, also vor den ersten Kontakten mit europäischen Forschungsreisenden, fand in weiten Teilen Afrikas ein blühender Handel statt. Das war ein dynamischer Kontinent. Es entstanden Handelsstädte und Staaten, die mit der Welt außerhalb Afrikas Beziehungen unterhielten. Staaten wie Mali etwa genossen im 14. Jahrhundert in Europa und der islamischen Welt hohes Ansehen.

    Standard: Weshalb kam der islamischen Welt diese Bedeutung zu?

    Fauvelle: Die zentrale Stellung der islamischen Welt war eine Besonderheit des Mittelalters. Dieser zivilisatorische Raum, der sich von Spanien und Marokko im Westen bis zu Afghanistan im Osten erstreckte, stellte weder politisch, noch religiös oder sprachlich eine Einheit dar. Er wurde geeint durch den Handel. In alle Richtungen erschloss diese muslimische Zivilisation neue Handelswege, durch die Sahara in Richtung der Länder der Sahelzone und quer über den Indischen Ozean nach Kenia, Tansania, Mosambik und Madagaskar. Aber auch wenn es die muslimischen Kaufleute waren, die in "die Länder der Schwarzen" reisten, beruhte die Entdeckung auf Gegenseitigkeit. Es fand in den Regionen Afrikas ein reger kultureller Austausch statt. Die afrikanischen Regenten und Kaufleute verkauften Sklaven und Gold an ausländische Kaufleute. Zugleich aber stellten sie ihre eigenen Forderungen nach Stoffen, Metallen, die selten waren in Afrika, wie etwa Kupfer, oder nach Porzellan, das die muslimischen Kaufleute aus dem Nahen Osten und China importieren mussten.

    Standard: Um den Goldhandel wurde ein großes Geheimnis gesponnen ...

    Fauvelle: Weder die muslimischen Kaufleute im Mittelalter noch später die portugiesischen Kaufleute wussten, wo das Gold herkam, das sie kauften. Die Goldrouten waren so lang, dass sie in mehrere Abschnitte unterteilt waren und die einzelnen Zwischenhändler auch nur eine teilweise Vorstellung von ihnen hatten.

    Standard: Aber welchen Sinn hatten Geschichten wie die, dass Gold wie Karotten wachse?

    Fauvelle: Sie bildeten einen Schutzschirm. Die afrikanischen Kaufleute, die das Gold in die nordafrikanischen Städte brachten, waren daran interessiert, ihr Geheimnis über die Orte, an denen es gewonnen wurde, zu hüten. Sie fürchteten, dass ihre Handelspartner sich sonst selbst an den Minen bedienen würden. Die afrikanischen Regenten, die das Gold an Ausländer verkauften, wollten das Geheimnis seiner Herkunft ebenfalls bewahren, um ihr Monopol zu sichern. So hatten die ausländischen Kaufleute, die bei den lokalen Regenten in Mali oder Kilwa, einem autonomen Sultanat an der westafrikanischen Küste, das Gold kauften, nur eine vage Vorstellung, wo es herkam. Das gilt noch mehr für jene, die das Gold in der islamischen Welt oder in Europa verarbeiteten.

    Standard: Kann man sich vorstellen, wie Afrika heute aussähe, wenn seine Entwicklung nicht vom gewaltsamen Einbruch der Portugiesen beendet worden wäre?

    Fauvelle: Geschichtsfiktion ist immer schwierig. Zweifellos befanden sich weite Gebiete Afrikas im Mittelalter auf einem wirtschaftlichen und politischen Entwicklungsniveau, das dem Europas vergleichbar war. Die Ankunft der europäischen Mächte an den Küsten Afrikas und der massive Sklavenhandel in Richtung Amerika erklären zum Teil, warum dem afrikanischen Kontinent der Start in die Moderne versagt blieb. Hinzu kamen innerafrikanische Faktoren wie etwa die im Vergleich zu Europa, Indien oder China große demografische Schwäche.

    Standard: Am Ende Ihres Buches berichten Sie von Vasco da Gamas Afrika-Umsegelung und seinem freundlichen Empfang an den ostafrikanischen Küsten. Hätte zu diesem Zeitpunkt die Geschichte noch einen anderen Verlauf nehmen können?

    Fauvelle: Vermutlich wäre es den international tätigen Handelsleuten des Indischen Ozeans damals noch möglich gewesen, sich die Eindringlinge vom Halse zu schaffen. Bei ihrer Abreise aus Lissabon 1497 waren die Portugiesen eine kleine Bande schmutziger, kranker und brutaler Europäer. Ihre Ankunft an der ostafrikanischen Küste wurde durch ein Missverständnis erleichtert. Der indische Historiker Sanjay Subrahmanyam, der eine Biografie über Vasco da Gama schrieb, erfasste das. Bevor die Portugiesen sich in Afrika gewaltsam ein Reich verschafften, wurden sie in der zivilisierten Welt des Indischen Ozeans mit relativem Wohlwollen aufgenommen, weil man sie für hinduistische Kaufleute hielt. Muslimische Kaufleute, die mit dem Mittelmeer vertraut waren und den Portugiesen in Indien wiederbegegneten, erkannten, welche Barbaren diese waren, und wünschten sie zum Teufel. Aber die Geschichte verlief anders. Dem Machtaufstieg der Portugiesen folgte jener der Niederländer sowie weiterer europäischer Nationen.

    Standard: Das kleine goldene Nashorn von Mapungubwe, das Ihrem Buch den Titel gibt, stellen Sie als ein gestohlenes und wiedergefundenes Objekt vor, das dennoch für immer verloren ist ...

    Fauvelle: Für Archäologen ist es wichtig, wie Fundgegenstände zu uns gelangen. Wir brauchen den Zusammenhang, in dem ein Objekt gefunden wird. Der Fundort kann Aufschluss über ein Objekt geben. Die koloniale Archäologie war oft nichts weiter als eine Plünderung, was sich leider in zahlreichen Regionen bis heute fortsetzt. Wer davon profitiert, ist der internationale Kunstmarkt. Afrikanischen Ländern fehlt es an Mitteln, um ihrem archäologischen Erbe Respekt zu verschaffen.

    Standard: Wie beurteilen Sie die archäologische Situation in Afrika? Müsste mehr gegraben werden?

    Fauvelle: Viele Fundstätten warten auf Entdeckung. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Mit meinen französischen und äthiopischen Kollegen habe ich mehrere mittelalterliche äthiopische Städte ausgeforscht. Und wenn man Berichte islamischer Reisender liest, die zahlreiche Städte und Hauptstädte erwähnen, bleibt auf diesem Gebiet noch eine Menge zu entdecken.

    Standard: Besteht eine Chance, all die noch offenen Fragen über die afrikanische Vergangenheit zu beantworten?

    Fauvelle: Die Geschichtsschreibung über Afrika wird immer fragmentarisch bleiben. Sie wird weiterhin gekennzeichnet sein von der Einmaligkeit gewisser historischer Fundstücke und deren Verschiedenartigkeit. Die Mehrzahl der afrikanischen Gesellschaften hat nichts Geschriebenes hervorgebracht. Wir sind daher auf schriftliche Funde von außerhalb angewiesen. Die erzählen aber nicht dieselbe Geschichte. Die Beschreibung einer Stadt durch einen Geografen oder einen Reisenden stimmt nicht mit dem überein, was man bei archäologischen Ausgrabungen von dieser Stadt entdeckt. In dieser Geschichte der "Lücken" besteht die große Herausforderung. (Interview: Ruth Renée Reif, 3.2.2018)


    François-Xavier Fauvelle, geb. 1968, spezialisierte sich nach dem Studium auf Archäologie und die Geschichte Afrikas. Er ist Professor für Afrikanische Geschichte an der Uni Toulouse, wo er das Team "Pôle Afrique" leitet, und Direktor mehrerer archäologischer Forschungsprogramme in Afrika. Sein Buch "Das goldene Rhinozeros" wurde mit dem Großen Preis des Geschichtsfestivals "Rendezvous de l'histoire" ausgezeichnet.

    • Eine Geschichte der "Lücken": François-Xavier Fauvelle.
      foto: costa c.

      Eine Geschichte der "Lücken": François-Xavier Fauvelle.

    • "Das goldene  Rhinozeros".  € 30,80 /  320 Seiten.  C. H. Beck, München 2017
      foto: c. h. beck

      "Das goldene Rhinozeros". € 30,80 / 320 Seiten. C. H. Beck, München 2017

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