Germania-Lied: Ein burschenschaftlicher Infight

    Userkommentar2. Februar 2018, 13:15
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    Die Auflösung der Verbindung ist zweifellos ein Gebot der Stunde. Ein Lied und seine Geschichte

    "Wer ist fasziniert von den 'alten Germanen'"? Susanne Plietzsch stellt im Userkommentar eine interessante Frage, die sie meines Erachtens nur unzureichend beantwortet. Ich denke nicht, dass die "Faszination", die von Liedern wie "Es lagen die alten Germanen" im heutigen Österreich noch ausgeht, weit verbreitet ist, und auch "autoritäre Erziehung" erklärt das Liedgeschehen nicht. In der berechtigten Aufregung, die die Strophe über Ben-Gurion und die "siebte Million" ausgelöst hat, wurde vergessen, das Lied und seine Geschichte sachlich zu analysieren. Was also ist hier überhaupt los?

    Um es etwas kompliziert zu formulieren: Das Lied von den "alten Germanen" mit der bekannt gewordenen Textzeile ist eine rechtsextreme Persiflage einer subversiven Travestie eines ursprünglich harmlosen Trinklieds aus dem 19. Jahrhundert. Das ursprüngliche Lied hat einen nur wenig politischen Inhalt: Die trinkfreudigen "alten Germanen" treffen auf den römischen Historiker Tacitus, bekehren diesen zum Alkohol und bewirken so eine entsprechende Notiz in seiner ethnografischen Schrift "Germania". Gesungen wurden die Strophen auf die Melodie eines Studentenlieds von 1814 mit dem Titel "Wenn alle untreu werden".

    Unrühmliche Wendung

    Die weitere Geschichte von "Wenn alle untreu werden" nimmt in der NS-Zeit eine unrühmliche Wendung: Das Lied wird zum "Treuelied" der SS (und wird in jüngerer Zeit gelegentlich von FPÖ-Parteifunktionären zitiert). Die Textgestalt des Germania-Lieds stammt aber nur mittelbar vom ursprünglichen Lied aus dem 19. Jahrhundert, sondern nimmt den Umweg über eine katholisch-burschenschaftliche Parodie, die in der NS-Zeit entstand. Textzeilen mit "Heil Hitler", die sich auch im Lied der Germania finden, sind hier ironisch zu verstehen. Statt de Gaulle, Molotow und Ben-Gurion, die in der Version der Germania auftreten, macht hier der "Bock von Babelsberg" seine Aufwartung: "Er hatte ne große Klappe, von Wuchs war er ein Zwerg. Er sprach zu den alten Germanen und grüßte sie mit 'Sieg Heil'. Da wurden die alten Germanen mit einem Male so ... lustig."

    Hinter dem "Bock von Babelsberg" verbirgt sich Goebbels, die parodistische Version stammt von katholischen Studenten, deren Verbindungen auf Druck der Nationalsozialisten aufgelöst wurden, und ist als subversiver Akt zu verstehen. Pikant daran ist auch die Verwendung des SS-"Treuelieds". Mit NS-Gedankengut, wie etwa der "Kurier" (31. Jänner) angesichts der Textzeile "Heil Hitler, ihr alten Germanen, ich bin der Tacitus" andeutete, hat das Lied nichts zu schaffen.

    Nun tritt die Germania auf den Plan, die das Lied offenbar in einer neuerlichen Umdichtung aus der österreichischen Nachkriegszeit präsentiert. Doch hier werden nun de Gaulle, Molotow und auf besonders perfide Weise Ben-Gurion verhöhnt, Letzterer in der bekannt gewordenen Textzeile: "Da trat in ihre Mitte der Jude Ben Gurion: Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million." Die Germania gibt hier aus regimetreu-nostalgischer österreichischer Nachkriegssicht ihre Antwort auf die regimekritische Version der NS-Zeit: Wird in der katholisch-burschenschaftlichen Version ein Aushängeschild des Regimes zur Zielscheibe gemacht, so sind es hier die Gegner des "Dritten Reichs": Frankreich, Russland und – stellvertretend für die Juden überhaupt – Israel. Die katholisch-burschenschaftliche Version ist das "Spottlied auf die NS-Volksgemeinschaft", von dem Andreas Mölzer spricht. Doch mit dem Lied der Germania hat es nicht eben rasend viel zu tun.

    Interner Gesinnungskonflikt

    So weit, so unerfreulich. Doch worum handelt es sich hier überhaupt? Wir haben es im Kern mit einem burschenschaftlichen Infight zu tun: Gemäßigte – nichtschlagende – regimekritische (deutsche) Burschenschafter gegen radikale schlagende regimetreue (österreichische) Burschenschafter (die der Auflösung der Korporationen und der darauffolgenden Gleichschaltung im NS-Studentenbund in der Regel nicht eben kritisch gegenüberstanden). Das regimekritische Lied stammt aus einer Verbindung, die sich ebenfalls von einer Burschenschaft namens Germania abspaltete; ihrem österreichischen Pendant war deren Gesinnung offenbar zuwider. So gesehen ist das Lied der österreichischen Germania ein Bekenntnislied der übelsten Sorte (das, obendrein bemerkt, mit der angedeuteten Gleichsetzung von "alten Germanen" und "Germanen" im Sinn von Verbindungsbrüdern der Germania auch die Zeitebenen auf geschickte Weise vermengt).

    Die Auflösung der Verbindung ist damit zweifellos ein Gebot der Stunde – es würde mich allerdings wundern, wenn ähnliche Lieder nicht auch in anderen (schlagenden) Burschenschaften auftauchen. Dass das Lied der Germania abseits von engen rechtsextremen Kreisen noch eine tatsächliche "Faszination" auf weite Teile der österreichischen Bevölkerung ausübt, scheint mir dagegen wenig wahrscheinlich. Hier wird ein interner Gesinnungskonflikt ausgetragen, der mit dem Österreich des Jahres 2018 wenig bis gar nichts zu tun hat. (Christoph Landerer, 2.2.2018)

    • Das Lied der österreichischen Germania ist ein Bekenntnislied der übelsten Sorte.
      foto: apa/robert jaeger

      Das Lied der österreichischen Germania ist ein Bekenntnislied der übelsten Sorte.

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