Warum Privatunis boomen

    5. Februar 2018, 12:17
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    Seit dem Vorjahr hat die Anzahl der Studierenden an österreichischen Privatuniversitäten um fast 20 Prozent zugenommen. Die Gründe für den Boom

    Seit dem Vorjahr um ein Fünftel mehr Studierende an Privatuniversitäten: Das meldeten deren Vertreter kürzlich. Damit gibt es dort derzeit 14.580 Studenten und Studentinnen. Schon im Jahr zuvor verzeichneten die 13 Privatunis einen Zuwachs von insgesamt 20 Prozent. Was sind die Gründe für diesen Boom?

    Zunächst gibt es seit Jahren einen Trend zur Akademisierung, jedes Jahr gibt es mehr Studienanfänger, eben auch an Privatunis. Martina Gaisch, Bildungswissenschafterin an der Fachhochschule Oberösterreich, erklärt die Entwicklung: "Immer mehr einfache Jobs fallen weg, daher streben mehr einen Hochschulabschluss an, um auf dem Arbeitsmarkt interessanter zu sein." Viele erhoffen sich durch ein Studium sozialen Aufstieg – das bestätigt auch die aktuelle Studierendensozialerhebung des Instituts für Höhere Studien (IHS). Nach der Motivation gefragt, warum sie an einer Privatuni studieren, antworteten viele Befragte mit dem "Streben nach hohem Ansehen".

    Eine Studie des Instituts für Bildungsforschung der Wirtschaft (IBW) aus dem vergangenen Jahr ordnet 14 Prozent der PU-Studierenden einer "niedrigen Schicht" zu, 28 Prozent einer "mittleren Schicht". Können sich wirklich alle die Studiengebühren leisten?

    Bessere Studienbedingungen

    "Privatuni ist nicht gleich Privatuni", sagt Gaisch. "Man muss nicht bei allen tief in die Tasche greifen." Tatsächlich verlangen viele nicht mehr als die Fachhochschulen, etwa die Anton-Bruckner-Uni (300 Euro Gebühren pro Semester) oder die Katholische Privat-Uni Linz (rund 360 Euro). Privat-Unis würden längst nicht mehr als elitär gesehen, sagt Kurt Schmid, Bildungsforscher am IBW und Mitautor der Privat-Uni-Studie. "Seit fast 20 Jahren gibt es Privatunis in Österreich, sie haben sich mittlerweile etabliert, und es ist für Studieninteressierte besser abschätzbar, wie es dort abläuft und dass nicht immer das Klischee der Elite-Uni für Akademikerkinder bestätigt wird."

    Teuer sind vor allem die Medizin-Unis, da ist auch die soziale Durchmischung nicht mehr so hoch. Ein Medizinstudium an der Sigmund-Freud-Privatuniversität etwa kostet 11.000 Euro pro Semester – das muss man sich leisten können.

    Ein weiterer Grund für viele, sich für ein privates Studium zu entscheiden, ist laut Studierendensozialerhebung das gute Betreuungsverhältnis. Kommen an öffentlichen Unis rund 21 Studierende auf einen Professor, sind es an den privaten 15 pro Professor. "Die Gruppengröße ist klein, das Angebot serviceorientiert", sagt Gaisch. Daher schließen Studierende an Privatunis auch schneller ab als ihre Kommilitonen an öffentlichen Unis, vermutet Schmid – weil die Fallzahl zu klein sei, könne man hier aber keine gesicherten Aussagen treffen.

    Bezahlt, gebucht

    Schon bei der Aufnahme bieten Privatunis für manche einen Vorteil: Wer sich an einer FH oder öffentlichen Uni Aufnahmeprüfungen stellen müsste, bekommt an einer Privatuni in der Regel einen Platz.

    Außerdem bieten Privatunis Fächer an, die an öffentlichen Hochschulen stark zugangsbeschränkt sind, beispielsweise Medizin, Physiotherapie oder Ergotherapie. In einer Studie der deutschen Körber-Stiftung aus dem Jahr 2017 ist folgende Einschätzung zu lesen: Der Privat-Uni-Sektor "boomt vor allem in Ländern, in denen es nicht gelingt, die Nachfrage durch öffentliche Hochschulen und andere staatliche Bildungseinrichtungen zu decken. Private Anbieter füllen die Lücken schnell." Auch Schmid sieht dieses Problem: "Die öffentliche Finanzierung geht teilweise nicht mit der Entwicklung der Studierendenzahlen mit."

    Privatunis sind Nische

    Eine mögliche Gefahr des Trends sieht Gaisch darin, "dass viele der Privatunis unternehmerisch geführt sind" – ökonomische Interessen könnten gegenüber der Lehre und Wissenschaft überwiegen, befürchtet die Bildungsexpertin. Essenziell sei, die Qualität der Angebote zu prüfen, "wofür es einen guten Kriterienkatalog" braucht.

    Eine weitere Befürchtung ist die, dass in Österreich ein Zwei-Klassen-Bildungssystem entsteht. Kurt Schmid vom IBW beschwichtigt allerdings: "Diese Gefahr besteht derzeit nicht, zumal die Privat-Uni-Studierenden nur drei Prozent aller Studierenden in Österreich ausmachen." Die Privatunis werden hierzulande also wahrscheinlich noch länger eher ein Nischenprogramm sein. (Lisa Breit, Selina Thaler, 5.2.2018)

    • Privatunis vs. staatliche Hochschulen als Weg in eine Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft?
      foto: apa

      Privatunis vs. staatliche Hochschulen als Weg in eine Zwei-Klassen-Bildungsgesellschaft?

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