43.000 Flüchtlinge: Kamerun-Konflikt droht zu eskalieren

    1. Februar 2018, 17:40
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    Französischsprachige Regierung geht gegen englischsprachige "Separatisten" vor

    Seit 35 Jahren ist Paul Biya Präsident von Kamerun, und jetzt steht er vor einer der größten Krisen seiner langen Zeit als Staatschef des zentralafrikanischen Landes: Truppen seiner Armee sind ins benachbarte Nigeria eingedrungen, um "separatistische Rebellen" aufzuspüren, wie ein Sprecher der nigerianischen paramilitärischen Verteidigungsagentur Nigeria Security and Civil Defence Corps (NSCDC) am Mittwoch verlautbarte. Die kamerunische Seite will dazu nichts sagen, außer: "Die Regierung kommentiert Gerüchte nicht."

    Die Aussage von nigerianischer Seite deckt sich aber mit Augenzeugenberichten. "Die Gendarmen sind kurz hereingekommen, haben die Leute schikaniert und sind sofort wieder gegangen. Sie machen das schon, seitdem die Krise über die Unabhängigkeitsbewegungen ausgebrochen ist und die Flüchtlinge gezwungen hat, nach Nigeria zu fliehen", sagte Solomon Eremi, Sprecher der NSCDC.

    Postkoloniale Konflikte

    Die Krise ist also nicht neu, aber das Level an Eskalation schon. Im Kern der Krise steckt ein Konflikt zwischen der anglophonen, also der englischsprachigen, und der frankophonen, also der französischsprachigen Bevölkerung von Kamerun, der weit zurückreicht. Die ursprünglich deutsche Kolonie wurde nach dem Ersten Weltkrieg in britisches und französisches Gebiet aufgeteilt. Erst 1960 erlangte Kamerun die Unabhängigkeit von Frankreich. Damals beschlossen auch die britischen Provinzen, sich dem neuen Staat anzuschließen.

    Die Dekolonisierung brachte wie so oft auch in Kamerun Konflikte. Die neue Unabhängigkeit führte nicht zu einer gleichberechtigten Koexistenz der zwei Sprachgruppen, sondern die französischsprachigen Gruppierungen dominierten den neuen Staat. Über die Jahrzehnte wurde die englischsprachige Minderheit, die etwa 20 Prozent der Bevölkerung ausmacht und im Westen des Landes lebt, immer mehr zu Kamerunern zweiter Klasse.

    Härte gegen Anglophone

    Langzeitpräsident Biya spricht dementsprechend Französisch. Der Westen des Landes wurde wirtschaftlich kaum bedacht, während etwa Biyas Heimatprovinz im Süden die meisten Infrastrukturgelder erhielt, wie Analyst Ayo Awokoya auf dem Nachrichtenportal "Eurasia Review" analysiert. Die Regionen der anglophonen Bevölkerung werfen der Regierung außerdem zunehmend eine "Französisierung" vor.

    Weil die Regierung auf diesen wachsenden Unmut zumeist mit Ignoranz reagierte, organisierten Anglophone immer öfter Demonstrationen, die zum Teil in Gewalt eskalierten. Eine eigene Unabhängigkeitsbewegung hat sich formiert, die einen eigenen Staat "Ambasonia" fordert. Die Regierung schickte im vergangenen Jahr das Militär und schnitt die Westregionen teils monatelang vom Internet ab.

    foto: der standard
    "Ambasonia" soll der neue Staat im englischen Original heißen.

    Zehntausende Flüchtlinge

    43.000 Menschen sollen in den vergangenen Monaten bereits ins benachbarte Nigeria geflohen sein. Sie verweilen zumeist in den Grenzregionen, etwa in Danare oder Boki. Unten ihnen befinden sich auch politisch Aktive, die Guerilla-Attacken organisieren. Die große Mehrheit sucht aber einfach nur Schutz vor der Regierungsgewalt – Verhaftungen stehen an der Tagesordnung.

    Den Schutz, den sie suchen, finden sie in Nigeria nur bedingt, denn der Regierungscrackdown holt sie auch dort ein. Wenn Nigeria "Separatisten" aufspürt, liefert das Land sie an Kamerun aus – Amnesty International hat dies bereits kritisiert, denn in Kamerun werden sie als Terroristen behandelt. Doch der gemeinsame Kampf gegen die Terrormiliz Boko Haram im Norden zwingt die zwei Länder zur Zusammenarbeit. Außerdem will Nigeria verhindern, Separatisten im eigenen Land zu inspirieren.

    Schwere Ausschreitungen seit Oktober

    Als Anfang Oktober schließlich "Präsident" Sisiku Ayuk die Unabhängigkeit Ambasoniens ausrief, löste er eine schwere Krise aus. 17 Menschen kamen bei Demonstrationen ums Leben. Seitdem dringen die kamerunischen Truppen immer wieder in Nigeria ein, um die Flüchtlinge dort zu schikanieren, wie der Sprecher der nigerianischen NSCDC sagte. Ayuk floh wie so viele andere nach Nigeria, wo er in der Hauptstadt Abuja aufgespürt wurde. Vor wenigen Tagen wurde er nach Kamerun ausgeliefert.

    Entspannung ist also nicht in Sicht. Kameruns Bevölkerung soll dieses Jahr zu den Urnen, um ihren Langzeitpräsidenten Biya wiederzuwählen. Analysten überlegen schon, ob ihn die Krise in ähnliche Turbulenzen wie etwa Robert Mugabe in Simbabwe bringen könnte. (saw, 1.2.2018)

    • Flüchtlinge aus Kamerun sitzen in einem Camp in Boki im Cross River State in Nigeria.
      foto: apa/afp/pius utomi ekpei

      Flüchtlinge aus Kamerun sitzen in einem Camp in Boki im Cross River State in Nigeria.

    • 43.000 Menschen sind in den vergangenen Monaten von Kamerun nach Nigeria geflohen.
      foto: apa/afp/pius utomi ekpei

      43.000 Menschen sind in den vergangenen Monaten von Kamerun nach Nigeria geflohen.

    • Paul Biya ist seit 35 Jahren Präsident von Kamerun.
      foto: reuters/philippe wojazer

      Paul Biya ist seit 35 Jahren Präsident von Kamerun.

    • Bei schweren Ausschreitungen im vergangenen Oktober kamen 17 Menschen ums Leben. Die Demonstranten forderten ein unabhängiges "Ambasonia", dessen Flagge zu sehen ist.
      foto: reuters tv

      Bei schweren Ausschreitungen im vergangenen Oktober kamen 17 Menschen ums Leben. Die Demonstranten forderten ein unabhängiges "Ambasonia", dessen Flagge zu sehen ist.

    • Die englischsprachige Bevölkerung fühlt sich von der französischsprechenden unterdrückt und protestiert regelmäßig.
      foto: ap/bebeto matthews

      Die englischsprachige Bevölkerung fühlt sich von der französischsprechenden unterdrückt und protestiert regelmäßig.

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