Neue Post-Punk-Anthologie: Allmähliche Verstimmung von Saiten und Seele

    1. Februar 2018, 07:00
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    Mit "To The Outside Of Everything" wirft das rührige Londoner Spezialistenlabel Cherry Red Records einen umfassenden Blick auf jenes Zeitfenster, als in der britischen Musik beinahe alles möglich schien

    Wien – Mit der Frage nach den Wurzeln von Post Punk erntet man selbst unter Kennern Ratlosigkeit. Punk, die postindustrielle Musikrevolte, war in Großbritannien 1978 erstmals in die Defensive geraten. Selbst Bannerträger wie The Clash wurden damals des Ausverkaufs verdächtigt. Die großen Labels rissen sich den Output der Schmuddelkinder unter den Nagel. Punk? Auch nur ein Trick der Regierenden, um die vernachlässigten Kinder der Arbeiterklasse von der Straße zu holen!

    Dabei enthielt die ursprüngliche Idee des Punk wunderbare Aufforderungen zur Teilhabe, zum "I don't care!" der rotzfrechen Aneignung von Kunstmitteln. Das zugrunde liegende Prinzip war im Fanzine Sideburns 1977 publiziert worden. Unter der Abbildung eines Gitarrenakkords stand da zu lesen: "Das ist ein Akkord. Daneben siehst du noch einen Akkord. Jetzt geh' und gründe eine Band!"

    cherry red records
    Promo-Video für die CD-Box "To The Outside of Everything"

    Wenige Wochen später erschien die EP Spiral Scratch der Buzz-cocks. Sie klang, als hätte man Beatles-Songs in einen Betonmischer gesteckt. In Wahrheit existierte Post Punk bereits, als an Punk noch gar niemand dachte. Elektroniker wie Cabaret Voltaire arbeiteten seit den frühen 1970ern mit Tape-Recordern. Sie bastelten einen unbehaglichen Soundtrack für anonyme Bewohner zerfallender Städte, in denen dicker Smog an den Backsteinen leckte. Bands wie die Swell Maps (mit Nikki Sudden) konfrontierten lange vor 1976 schroffen Lärm mit Folk.

    "Post Punk", so schreibt jetzt auch Neil Taylor in den Liner-Notes der essenziellen Post-Punk-Anthologie To The Outside Of Everything (fünf CDs), ist ob seiner verwirrenden Stimmenvielfalt kaum als "Bewegung" zu begreifen. Eher schon lässt sich nachträglich ein Zeitfenster bestimmen, als vier Jahre lang, bis 1981, im Vereinigten Königreich buchstäblich alles möglich schien. Es schlug die Stunde der Kunststudenten, die sich mit der simplen Aneinanderreihung von zwei Akkorden nicht mehr zufriedengeben wollten.

    "Repetition, repetition, repetition"

    Es entstanden hunderte Bands, und zwar beinahe gleichzeitig. Während die Gitarren verstimmte Riffs schabten, übernahm häufig der Bass die Liedstimme. Baritonstimmen beklagten den bejammernswerten Zustand der Welt, die Synthesizer entließen Schwaden, als würde ungesundes Licht aus flackernden Röhren gegossen. Und mittendrin: notorische Nörgler wie der jüngst verstorbene Mark E. Smith (The Fall), die mit süffisanter Agitatorenstimme die drei "R" hochhielten: "repetition, repetition, repetition."

    Wiederholungszwängen hat man sich auf To The Outside Of Everything (Cherry Red Records) eher nicht gebeugt. Entgegen dem Klischee dominiert kaum ein Anflug von Coolness die 111 Songs von ebenso vielen Künstlern. Mit Ultravox! und Magazine ("Shot by Both Sides") starten Großkaliber – und deren Epigonen – eine Reise in die Zukunft, die letztlich in offenes Gelände, aber zu keinerlei Nachhaltigkeit geführt hat.

    Im Zeichen des Nihilismus

    Der Retrofuturismus stand 1980 klar im Zeichen des Kalten Krieges. Sein Nihilismus speiste sich aus der Avantgarde. Das Überhandnehmen von Bands, die Singles aufnahmen, um daraufhin von John Peel zur BBC-Session eingeladen zu werden, mag mit einer Tendenz zur Ablehnung von geregelter Lohnarbeit zusammenhängen. In Summe sah man Legionen von Gitarristen aus der englischen Provinz, die Vogelnester auf dem Kopf trugen (Echo & The Bunnymen), wie die Jünglinge im Feuerofen sangen oder sich als Huren des Unterhaltungsbetriebs geißelten.

    Famose Funkbretter lieferten Gruppen wie Medium Medium oder Boots For Dancing. Und ja: Weibliche Post-Punker gaben häufig den Ton an, entweder in Frauenkollektiven wie The Raincoats oder in gemischten Gruppen wie Au Pairs oder Ludus. Die besten Joy-Division-Epigonen? Waren die grenzgenialen Crispy Ambulance oder In Camera. Beinahe unentschuldbar, ob der Fülle des Materials dennoch egal: das Fehlen von Siouxsie and the Banshees und And Also The Trees. (Ronald Pohl, 1.2.2018)

    • Mit Vogelnestern auf dem Kopf und Anarchie im Herzen: Echo & the Bunnymen aus Liverpool, hier in den frühen 1980ern bei der Arbeit (li. Will Sergeant, Sänger Ian McCulloch).
      foto: paul slattery / camera press / picturedesk.com

      Mit Vogelnestern auf dem Kopf und Anarchie im Herzen: Echo & the Bunnymen aus Liverpool, hier in den frühen 1980ern bei der Arbeit (li. Will Sergeant, Sänger Ian McCulloch).

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