Roald Dahls Briefe an die Mutter: "Entschuldige die schlechte Handschrift ..."

31. Jänner 2018, 16:58
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Soeben sind unter dem Titel "Love from Boy" Briefe des britischen Autors an seine Mutter erschienen. Sie sind fantastisch zu lesen, aber mit Vorsicht zu genießen

Wien – Ein Zeugnis für die Konsequenz von Mutterliebe bietet das Schicksal des Briefwechsels von Roald Dahl mit der seinen. Die hat alle 600 Briefe des Sohnes aufbewahrt. Von ihr an Roald ist hingegen keiner erhalten geblieben. Trotzdem soll man nicht an seiner Zuwendung zweifeln, 40 Jahre lang hat er ihr immerhin beständig postalisch berichtet. Eine Auswahl dieser Briefe wurde jetzt als Love from Boy publiziert.

Mit dieser Formel unterzeichnete der Autor (1916-1990) von Kinderbuchklassikern wie Charlie und die Schokoladenfabrik die frühesten aus dem Internat nach Hause, in denen er von Unterricht und Freizeit und häufigem Kränkeln berichtet. Dann bestellt er bei der Mutter Medikamente.

Heiter aufgeregt ersteht Dahls Schulzeit auf. Doch ist seinen Auskünften – warnt Herausgeber Donald Sturrock in kundigen Kommentaren – mit Vorsicht zu begegnen. Zwar sind sie nicht nur biografisch, sondern zudem sozial und historisch interessant, doch ihr Zeitkolorit ist künstliches Technicolor. Bücher wie Matilda mit der strengen Rektorin Knüppelkuh oder das autobiografische Boy, in dem Dahl aus dem Abstand von über 50 Jahren die Zeit im Internat bearbeitet, geben das Leben dort mit Prügelstrafen und Schikanen wieder.

"Wirklich teuer kommt der Whisky"

Dahl flunkert aber nicht aus böser Absicht, er wollte wohl die Mutter schonen. Als Roald vier war, wurde seine Mutter Alleinerzieherin des Buben und dreier Schwestern. "Unerschütterlich" und an allem interessiert wird er sie einst nennen. Dank Treuhandkonten blieb die Familie versorgt, hatte Bedienstete, kaufte bei Harrods Spielzeug. Es fehlte weder an Rollschuhen noch an Schokolade.

Jedenfalls ist seine spätere Fabulierlust schon angelegt. "Entschuldige für die schlechte Handschrift", bittet er mit 13 Jahren einmal, "weil unten einer singt, was klingt wie die Kniescheibe von einer Fliege, die in einer billiösen Butterblume rasselt, die gleichzeitig Hexenschuss und einen Nierenschaden hat!"

Als er ab 1935 in seinem Bürojob bei einer Ölfirma nach Daressalam versetzt wird, bescheren ihm Afrikas koloniale Annehmlichkeiten Treibstoff: exotische Tiere, Strand, Drinks. "Das Leben ist so verflucht teuer. Eigentlich müsste es das nicht sein, aber man hat hier so zu leben. Wenn man wollte, käme man bestimmt mit wenig aus", resümiert er 22-jährig seine Ausgaben, denn das Essen sei billig. "Aber wirklich teuer kommt uns der Whisky".

Frauen sind nie Thema. Stets wahrt Dahl eine Intimsphäre, auch indem er sich in Geplänkel einnistet: "Ich bin ein bisschen betrunken, das wird also kein besonders toller Brief (...) aber andernfalls müsste ich warten, bis ich nüchtern bin & die verfluchte Post verpassen & du würdest wahrscheinlich denken, ich wäre vom Nashorn gefressen worden".

Pilotenleben statt Party

Erst als er mit dem Kriegseintritt Großbritanniens Pilot der Royal Air Force wird, gewinnt Dahls Leben an Seriosität. Nun muss er sein Geschirr selbst spülen. "Kurz", fasst er zusammen, "man führt ein Leben, das mich bestimmt bestens in Form bringen und durch und durch gut für die Seele sein wird". Er beendet Briefe nicht mehr, weil er auf eine Party, sondern ins Bett muss.

Doch auch sie flirren und schillern. Jeder Satz ist lebhaft. Dienstorte bis 1941 sind Nairobi, der Irak, Ägypten. Leidenschaftlich fotografiert Dahl deren Kulturstätten. Fotos davon und von Dahl in allen Altersstufen sind im Buch abgedruckt. Trotz Strapazen florieren sein feiner Humor und das Talent anzudeuten, auszumalen und die Fantasie anzuregen. Wieder werden in späteren Texten Details ganz nach dem Gegenteil klingen. Das Lebhafte dient einstweilen weiterhin der Ablenkung und Aufheiterung der Empfänger: neben der Mutter auch seine Schwestern und Großeltern. Denn Luftangriffe stehen in England inzwischen auf der Tagesordnung. Dahl seinerseits steigt in der Fliegerhierarchie auf, dann stürzt er mit einer Maschine ab.

Nicht mehr für den aktiven Kriegsdienst tauglich, geht er 1942 in die USA, um für Unterstützung im Kampf gegen Hitler zu werben. Die Menschen seien schön, alles drehe sich nur um Publicity und Geld, stellt er fest. Seiner Familie schickt er aus dem US-Überfluss Hilfspakete. Selbst lernt er Prominenz aus Wirtschaft, Politik, Show kennen.

Ein "Naturtalent"

Eine Niederschrift seines Absturzes, die ursprünglich nur einem Journalisten als Material für einen Artikel dienen sollte, wird von einer der namhaftesten Zeitungen unverändert abgedruckt. Er sei ein "Naturtalent", heißt es. Alle reißen sich nun um Texte von ihm, selbst Walt Disney. Dahl verdient viel Geld. Kokett berichtet er so bescheiden davon, als hätte er bloß Glück. "Wir verkehren also in ausgesprochen hohen Kreisen – so verflucht hoch, dass man manchmal kaum den Boden sieht...", kommentiert er eines der Treffen mit Präsident Roosevelt.

Mit 29 kehrt Dahl heim nach England, fällt mit neuen Geschichten aber durch, zieht wieder in die USA, es glückt der große Erfolg. Wegen Schicksalsschlägen sind die Briefe jener Jahre ernster. Im Buch nehmen sie nur mehr wenig Raum ein. 1967 stirbt Sofie Magdalene Dahl. Man hat ihr für ihre Sammellust zu danken. (Michael Wurmitzer, 1.2.2018)

Roald Dahl, "Love from Boy". Hrsg. von Donald Sturrock Aus dem Englischen von Jan Schönherr.. € 23,60 / 352 S., Rowohlt 2018

  • Die gebrochene Nase hat Roald Dahl vom Flugzeugabsturz 1940.
    foto: random house

    Die gebrochene Nase hat Roald Dahl vom Flugzeugabsturz 1940.

  • Roald Dahl mit seinen Schwestern Alfhild, Else und Asta im Urlaub in Norwegen, woher ihre Mutter stammte, vermutlich 1925.
    foto: dahl estate

    Roald Dahl mit seinen Schwestern Alfhild, Else und Asta im Urlaub in Norwegen, woher ihre Mutter stammte, vermutlich 1925.

  • Roald Dahls Mutter Sofie Magdalene, noch vor der Heirat.
    foto: dahl estate

    Roald Dahls Mutter Sofie Magdalene, noch vor der Heirat.

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