"Am Schauplatz"-Reportage: "Arbeitslos sein ist purer Stress und kein Urlaub"

    Ansichtssache1. Februar 2018, 12:11
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    In "Auf dem Abstellgleis – Arbeitslos mit 50+" berichtet ORF-Redakteurin Julia Kovarik über ältere Arbeitslose, Scham und Gänsehaut

    Wien – Ältere Arbeitslose haben es besonders schwer, einen neuen Job zu finden. Im Dezember 2017 waren laut AMS rund 112.000 Menschen über 50 arbeitslos gemeldet. Vor drei Jahren haben Betroffene "Am Schauplatz" erzählt, wie es ihnen geht, wenn sie – oft trotz guter Qualifikation – nur wenig Chance auf einen neuen Job haben.

    Jetzt hat Redakteurin Julia Kovarik die Protagonisten von damals wieder besucht und nachgefragt, was sich seither getan hat. Zu sehen war "Am Schauplatz nachgefragt: Auf dem Abstellgleis – Arbeitslos mit 50+" am Donnerstagabend in ORF 2.

    foto: orf

    Interviewpartner für die Sendung zu finden sei nicht einfach gewesen, erzählt Redakteurin Julia Kovarik dem STANDARD. "Dieses Thema ist mit viel Scham verbunden." Zwei Protagonisten wollten etwa nicht, dass die mit ihnen geführten Interviews ausgestrahlt werden. "Einer davon war ein Jurist, der jetzt Stallarbeit macht." Diese Interviews sind auch nicht Teil der Sendung.

    Auffallend gewesen sei, dass sich das Problem der Unvermittelbarkeit ab einem gewissen Alter quer durch alle Berufsschichten zu ziehen scheint. Kovarik: "Ich habe mit einer Vierfachakademikerin genauso geredet wie mit einer Putzfrau."

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    Zwischen 60 und 200 Bewerbungen haben die Interviewten abgeschickt, oft ohne Reaktion. "Wenn du einmal so alt bist, bekommst nicht einmal mehr eine Antwort", sagt ein Protagonist. Kovarik: "Ich war wirklich beeindruckt, dass unsere Interviewpartner nach all den Abfuhren immer wieder Kraft und Motivation gefunden haben, neue Bewerbungen zu schreiben."

    Renate K. wollte nicht abhängig sein vom Arbeitsmarkt und hat sich selbstständig gemacht. Sie hat Schmuck und Arbeitsbekleidung verkauft und zusätzlich im Seniorenheim bei Events gemodelt, erzählt Kovarik. Eine andere Frau hat begonnen, Gästezimmer zu vermieten. Kovarik: "Auf jeden Fall haben alle wahnsinnig gekämpft. Wie ein Protagonist treffend sagt: 'Arbeitslos sein ist purer Stress und kein Urlaub.'"

    Entgegen den Statistiken gibt es aber auch Happy Ends. "Wir waren dabei, als Renate K. mit 58 noch einmal eine 40-Stunden-Anstellung angeboten bekommt." Viele andere Protagonisten der Sendung seien aber mittlerweile in Pension.

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    Thema sind auch die angekündigten Reformen der neuen Regierung rund um Arbeitslosengeld und Notstandshilfe. "Eine Protagonistin, die jetzt wieder angestellt ist, meinte, sie bekommt Gänsehaut, wenn sie daran denkt, heute in der Situation zu sein wie damals", sagt Kovarik.

    Welche Maßnahmen älteren Menschen am besten helfen würden? Kovarik: "Die Lösung ist vermutlich kompliziert und hat stark damit zu tun, dass der Lebensverdienst anders aufgeteilt werden müsste. Also als junger Mensch mehr zu verdienen und die Verdienstkurve dafür nicht so steil ansteigen zu lassen." (ae, 1.2.2018)

    Hinweis: "Am Schauplatz nachgefragt: Auf dem Abstellgleis – Arbeitslos mit 50+", Donnerstag, 21.05 Uhr, ORF 2

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