US-Politiker veröffentlicht "Judenliste" auf Twitter

    31. Jänner 2018, 13:42
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    Paul Nehlen will für Republikaner bei Kongresswahl antreten. Sein Posting sorgt für Kritik aus beiden Lagern

    Im US-Bundesstaat Wisconsin stehen in diesem Jahr Wahlen für die Vertreter im Senat und den Kongress an, die Anfang November abgehalten werden. Demokraten und Republikaner bestimmen ihre Kandidaten für die Sitze in Senat und Kongress in Vorwahlen.

    Der Vorauswahl der Republikaner wird sich unter anderem der Geschäftsmann Paul Nehlen stellen, der damit seinen zweiten Anlauf im ersten Wahlbezirk wagt. Er sieht sich selber als "konstitutionellen Konservativen", gilt als Kritiker des Parteiestablishments und unterstützt in vielen Fragen den Kurs des US-Präsidenten Donald Trump. Und er sucht offen die Unterstützung der Alt-Right.

    hatewatch
    Werbespots und Medienauftritte von Paul Nehlen.

    Anbandeln mit der Alt-Right

    Schon aus der Vergangenheit sind Kontakte mit Vertretern einer Partei weißer Nationalisten bekannt, in denen er um Unterstützung gegen die "jüdischen Medien" und "Fake-Konservative, die zufällig Juden sind" ersuchte, wie etwa Buzzfeed dokumentiert. Dem New York Post-Kolumnisten John Podhoretz empfahl er im Dezember etwa, sich zu erschießen.

    Diesen Strömungen arbeitet er vor allem auf der rechten Reddit-Alternative Gab.ai und auf Twitter aktiv zu, schreibt etwa das Southern Poverty Law Center. Dazu tritt er auch in rechtsextremen Podcasts wie "Fash the Nation" auf. Seine Aussagen haben mitunter dazu geführt, dass das nicht gerade als zimperlich geltende Onlineportal Breitbart, das er finanziell unterstützt hat, mittlerweile "sämtliche Verbindungen zu Nehlen gekappt" hat.

    foto: twitter/pnehlen

    Nun sorgt Nehlen einmal mehr für Empörung. Er hat im Rahmen einer Beitragsserie auf Twitter, wo er über 90.000 Follower hat, eine Liste seiner Kritiker veröffentlicht. "Ich habe eine Liste ‚verifizierter‘ Twitter-User zusammengestellt, die mich alleine im letzten Monat für meine #AmericaFirst-Positionen attackiert haben", so der Politiker. "Von diesen 81 Personen sind 74 Juden, während nur sieben Nicht-Juden sind."

    Kritik von beiden Seiten

    Sein Vorgehen sorgt für Kritik, wie auch für sarkastische Reaktionen. "Ich bin Nummer 1 auf der Abschussliste von Obersturmbannführer Nehlen", kommentiert etwa der konservative Medienmacher John Cardillo. "Es stimmt. Ein Haufen von uns Juden hat sich versammelt und gesagt: Hey, lass uns eine […] jüdische Front gründen, die systematisch Gegenrede gegen Leute auf Twitter betreibt", meint ein anderer Nutzer. "Unser erstes Ziel: Deine bedeutungslose Präsenz! Du hast uns entlarvt, du smarter Keks!"

    Auch CNN-Moderator Jake Tapper hat sich in die Debatte eingeklinkt. "Schon seltsam, dass Juden einen Antisemiten kritisieren", meint er ironisch. Nehlen hat in der Vergangenheit mehrfach antisemitische Memes verbreitet und auch Werbung für ein einschlägiges Buch gemacht.

    Zahlreiche weitere User bitten darum, auch in die Liste aufgenommen zu werden. Andere bedanken sich für die "exzellente Liste von Leuten, denen man folgen sollte." Zudem bleibt offen, wie er die angebliche Religionszugehörigkeit der Personen auf der Liste ermittelt hat.

    Einer der gelisteten Nutzer, der Huffington Post- und New York Post-Autor Yashar Ali, erklärt dazu etwa, praktizierender Katholik zu sein. "Ich fühle mich auf der Liste aber in guter Gesellschaft, du kannst mich also auch gern einen Juden nennen." Zudem erinnern User auch an die historische Konnotation solcher Listen im Hinblick auf den Nationalsozialismus. Der Vorfall macht mittlerweile auch in größeren US-Medien die Runde und wurde beispielsweise auch von Newsweek aufgegriffen.

    Auch Twitter drohen Probleme

    Für Twitter könnte sich die Angelegenheit ebenfalls in ein Problem verwandeln. Denn die Plattform wurde in der Vergangenheit schon öfter dafür kritisiert, zu wenig gegen Hasspostings vorzugehen. Wie der Dienst mit Äußerungen von Politikern umgeht, ist weiter unklar.

    Zuletzt stellte man neue Regeln auf, nachdem Donald Trump ein Posting verfasste, das von vielen als Atombombendrohung gegen Nordkorea aufgefasst worden war. Dort hieß es nur, dass man Konten von Regierungsstellen und militärischen Einrichtungen nicht sperre. Ob dies auch für die persönlichen Accounts von Politikern gilt, ist allerdings nicht bekannt.

    Klare Niederlage bei letztem Antritt

    Die Erfolgsaussichten für Nehlen bei der Kongresswahl lassen sich aktuell schwer beziffern. 2016 war er in der republikanischen Vorausscheidung gegen den Kongresssprecher und aktuellen Sitzinhaber Paul Ryan angetreten und hatte mit einem Stimmanteil von 16 zu 84 Prozent klar verloren. Ryan hat in den vergangenen Monaten allerdings einen möglichen Rückzug angedeutet, sich bislang aber noch nicht definitiv festgelegt. (gpi, 31.01.2018)

    • Paul Nehlens "Judenliste" sorgt für Kritik aus beiden Lagern.
      foto: ap

      Paul Nehlens "Judenliste" sorgt für Kritik aus beiden Lagern.

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