Neue Unifinanzierung: Drei weitere Studienfächer werden ab 2019 reguliert

    Video30. Jänner 2018, 16:34
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    Für Wissenschaftsminister Heinz Faßmann ist das künftige Budgetmodell ein "Paradigmenwechsel". Es bringt neue Zugangsregeln für Erziehungswissenschaft, Fremdsprachen und Jus

    Wien – "Es gibt keine Schlussstrichdebatte, weder an den Schulen, noch an den Universitäten." Mit diesen Worten betonte Bildungs- und Wissenschaftsminister Heinz Faßmann am Dienstag, dass angesichts der Causa um das antisemitische Liederbuch der Burschenschaft Germania zu Wiener Neustadt, deren Vizechef der niederösterreichische FPÖ-Spitzenkandidat Udo Landbauer war, nicht so einfach zur Tagesordnung übergegangen werden könne.

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    Beitrag aus der ZiB 1 am Dienstag.

    Für ihn, der auch für Schulen zuständig ist, sei das Thema besonders wichtig, weil angesichts dieses Falls zu fragen sei: "Wie erfolgreich waren wir in der Sensibilisierung? Das ist ja auch eine Frage der persönlichen Einschätzung und Entrüstung, wie man auf solche Liedtexte reagiert", sagte Faßmann. Eine Liedzeile lautete: "Gebt Gas, ihr alten Germanen, wir schaffen die siebte Million."

    Aber auch als Uniminister ist Faßmann das Thema näher gekommen, als ihm lieb ist: In einem Protestbrief fordern mehr als 160 Rektoren und Wissenschafter von Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) die Beendigung der "Zusammenarbeit mit allen, die Mitglieder rechtsextremer Burschenschaften beschäftigen". Vor allem aber steht bis 1. März die heikle Neubesetzung der Universitätsräte an. Rektoren wie etwa Gerald Bast von der Angewandten haben sich schon im November im STANDARD gegen schlagende Burschenschafter in den Uniräten verwahrt: "Das ist ein Symbol für eine antiaufklärerische Haltung."

    Uniräte werden gescreent

    Das sieht auch Minister Faßmann so: "Wir screenen so gut wir können, ob vorgeschlagene Uniräte hinsichtlich einschlägiger Meinungsäußerungen oder Auftritte nicht zu akzeptieren sind."

    Eigentlich wollte die türkis-blaue Regierungsspitze an dem Tag ja etwas anderes aus ihrem Leistungskatalog verkaufen, nämlich die neu Unifinanzierung. Die jedoch nicht wirklich neu ist, wie nicht nur STANDARD-Leserinnen und -leser wissen. Wurde sie doch schon vor einem Dreivierteljahr vom damaligen Wissenschaftsminister, Vizekanzler und ÖVP-Chef Reinhold Mitterlehner präsentiert. Für seinen Nachfolger als Parteichef, Bundeskanzler Sebastian Kurz, ist das geplante Finanzierungsmodell jedenfalls "ein klares Signal der Regierung", das den Unis neben mehr Budget für die Jahre "mehr Planbarkeit und mehr wissenschaftliches Personal" bringen werde. Es wird heute, Mittwoch, im türkis-blauen Ministerrat beschlossen. Vizekanzler Heinz-Christian Strache nannte nach einem Treffen mit der Universitätenkonferenz (Uniko) Montagabend als Ziel sinkende Dropout-Zahlen, bessere Betreuungsrelationen und einen leichteren Zugang zum Arbeitsmarkt.

    Faßmann spricht von "Paradigmenwechsel"

    Faßmann sprach in einem Hintergrundgespräch von einem "Paradigmenwechsel", der mit dem neuen Budgetmodell ab Jänner 2019 eingeläutet werde. Die 21 öffentlichen Unis bekommen für die dreijährige Budgetperiode bis 2021 1,35 Milliarden Euro mehr, das Unibudget steigt dann auf elf Milliarden Euro an und wird auf Basis von Lehre (je nach Fächergruppe gibt es unterschiedlich viel Geld pro Studienplatz), Forschung und Infrastrukturkriterien vergeben. 510 "neue" Millionen sind für die Verbesserung der Betreuungsverhältnisse vorgesehen, damit können ungefähr 500 Professuren sowie anderes Unipersonal finanziert werden.

    Das zielt vor allem darauf, extrem belastete Studien zu entlasten. In Erziehungswissenschaft etwa muss ein Professor im Schnitt 123 Studierende betreuen, in Fremdsprachen beträgt das Verhältnis 1 zu 73, in Jus kommt eine Professorin auf 70 Studierende. Es sind auch diese drei Fächer, für die es neue Zugangsregeln geben wird – zusätzlich zu fünf schon bisher regulierten Fächergruppen und weiteren Beschränkungen. Zielgröße ist 1 zu 40. (siehe Grafik links und WISSEN unten)

    SPÖ warnt vor weniger Studienplätzen

    Während die Rektoren von einem "großen Schritt", dessen Details aber wichtig seien, sprachen, warnte SPÖ-Wissenschaftssprecherin Andrea Kuntzl vor einer Kürzung von bis zu 15.000 Studienplätzen binnen drei Jahren. Faßmann erwartet das nicht. Man wolle ja vor allem "prüfungsinaktive" Studierende aktivieren: "Jetzt geht die Institution, die Uni, in Vorleistung und wird liefern", sagte er. "Und ich erwarte schon, dass die Studierenden das nützen." Die ÖH kritisierte ein "wirkungsloses Placebo". Die Neos reagierten "vorsichtig positiv", die Liste Pilz versteht das "Dilemma", will aber keine "Selektion nach Geldbörse der Eltern", die Grünen kritisieren "höhere Mauern für den Unizugang". (Lisa Nimmervoll, 30.1.2018)

    WISSEN

    Wie der Unizugang beschränkt ist

    Zugangsbeschränkungen mit Quotenregelung: In Human- und Zahnmedizin an den Med-Unis in Wien, Graz und Innsbruck sowie an der Uni Linz. Für die insgesamt 1620 Anfängerplätze pro Jahr stellen sich achtmal so viele Bewerber einem Aufnahmetest. 75 Prozent der Plätze sind für Personen mit österreichischer Matura reserviert, 20 Prozent für Bewerber aus EU-Staaten, fünf Prozent für Kandidaten aus Drittstaaten. Ab 2019 soll die Quotenregelung in Zahnmedizin wegfallen.

    Zugangsbeschränkung ohne Quotenregelung: In Psychologie und Veterinärmedizin sind die Platzzahlen ebenfalls beschränkt – aber ohne Quotenregelung für Österreicher. In der Veterinärmedizin gibt es rund 200 Anfängerstudienplätze (dazu kommen noch insgesamt 65 für Pferdewissenschaften und Biomedizin/Biotechnologie). Die Auswahl erfolgt über ein mehrstufiges Verfahren, das neben dem Testergebnis auch Zeugnisnoten einbezieht. In der Psychologie gibt es österreichweit rund 1250 Plätze, für deren Vergabe nur das Ergebnis beim Aufnahmetest maßgeblich ist.

    Zugangsbeschränkung "im Kontext einer zukünftigen kapazitätsorientierten, studierendenbezogenen Universitätsfinanzierung": In diese Gruppe fallen die Beschränkungen in den Studienfeldern Architektur und Städteplanung (2020 Plätze), Biologie und Biochemie (3700), Informatik (2500), Wirtschaftswissenschaften/Management und Verwaltung (10.630), Pharmazie (1370) und Publizistik/Kommunikationswissenschaften (1529). Aufnahmeverfahren dürfen nur dann durchgeführt werden, wenn die Zahl der Studienwerber an der jeweiligen Uni die Zahl der Plätze übersteigt. Die ab 2019 neu geplanten Beschränkungen in Jus, Fremdsprachen und Erziehungswissenschaften fallen künftig in diese Gruppe.

    Eignungsprüfungen für Sport, künstlerische Studien und Lehramtsstudien: Dabei gibt es – zumindest offiziell – keine Platzbegrenzungen. Jeder Studienwerber, der die geforderte "körperlich-motorische" oder "künstlerische" Eignung bzw. für Lehramtsstudien die "leistungsbezogenen, persönlichen, fachlichen und pädagogischen Kompetenzen" nachweist, wird aufgenommen – nach einer Aufnahmeprüfung.

    Standortspezifische Regelungen: Ab 2019 neu geplant ist die Ermöglichung rein standortbezogener Beschränkungen: Sie würden dann zum Tragen kommen, wenn ein Studium nur an einer bestimmten Uni überlaufen ist bzw. überlaufen zu sein droht. Als Beispiel gilt Chemie an der Uni Wien.

    Eignungsfeedback: Ab 2019 sollen durch Verordnung des Rektorats vor Beginn aller Bachelor- und Diplomstudien "Eignungsfeedbacks" möglich sein – wobei es sich um keine eigentliche Zugangsbeschränkung handelt: Online-Assessments oder Motivationsschreiben dürfen zwar verlangt werden, haben aber keine Auswirkungen auf die Aufnahme. (APA, nim)

    Kommentar von Lisa Nimmervoll: Neue Unifinanzierung: Guter Kulturbruch für Unis

    • Für viele Studierende sind Aufnahmeverfahren und beschränkte Fächer schon jetzt Realität – etwa für Medizin (hier im Austria Center).
      foto: apa / herbert pfarrhofer

      Für viele Studierende sind Aufnahmeverfahren und beschränkte Fächer schon jetzt Realität – etwa für Medizin (hier im Austria Center).

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