PPD-Allergie: Wenn der Kopf nach dem Haarefärben juckt

    Interview5. Februar 2018, 11:00
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    Viele Menschen färben sich ihre Haare, ohne an mögliche Nebenwirkungen zu denken. Hautarzt Stefan Wöhrl klärt über allergische Reaktionen auf

    STANDARD: 72 Prozent der Frauen und zehn Prozent der Männer färben sich regelmäßig ihre Haare. Wie oft sehen Sie allergische Reaktionen?

    Wöhrl: Eine genaue Zahl lässt sich hier nicht bestimmen. Prinzipiell wird man nicht gleich beim ersten Mal Haarefärben allergisch reagieren, sondern erst ab dem zweiten oder nachfolgenden Mal. Dies ist von Mensch zu Mensch unterschiedlich, doch bei Erstkontakt kann es zur Sensibilisierung des Körpers kommen. Eine Allergie ist eine erlernte Immunreaktion, das heißt je öfter das Immunsystem dem Allergen aussetzt wird, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit einer allergischen Reaktion. Unser Abwehrsystem entscheidet jedes Mal aufs Neue, ob es auf das Allergen reagiert oder nicht. Diese Phase der Immunantwort nennt man Sensibilisierung. Wenn man sich danach die Haare noch einmal färbt, kommt es im Rahmen der sogenannten Auslösephase zu einer allergischen Reaktion.

    STANDARD: Was genau löst diese Allergie aus?

    Wöhrl: Bei einer Allergie nach der Haarfärbung handelt es sich um eine Typ-4-Allergie, besser gesagt eine Kontaktallergie. In Haarfärbemitteln sind viele Stoffe enthalten, es gibt aber zwei dominante Allergengruppen: Einerseits die Duft- und Parfümstoffe und andererseits – und noch wichtiger – die dunklen Farbstoffe P-Phenylendiamin (PPD) und Toluylendiamin.

    STANDARD: Was sind die ersten Allergiesymptome?

    Wöhrl: Wie bei jeder anderen Ekzemreaktion auch, fängt 24 bis 36 Stunden nach der Färbung die Kopfhaut stark zu jucken an und verfärbt sich rot. Durch das angesammelte Entzündungswasser im Gewebe können die Augen und die Kopfschwarte stark anschwellen. Ein bis zwei Tage später bildet die Haut kleine Bläschen, die mit Flüssigkeit gefüllt sind. Diese brechen in den nächsten Tagen auf, die Flüssigkeit tritt aus, und die Haut verkrustet sich. Bei typischem Verlauf heilen nach sieben bis zehn Tagen die entzündeten Stellen unter Schuppenbildung ab. Langfristig kann das zu einer Über- oder Unterpigmentierung der Haut führen, die dunkle oder helle Flecken hinterlässt.

    STANDARD: Wie wird die Allergie behandelt, wenn die Symptome auftreten?

    Wöhrl: Eine mehrmalige Haarwäsche bewirkt nicht sehr viel, da es bei einem temporären Haarfärbemittel circa sechs bis acht Wochen andauert, bis dieses endgültig ausgewaschen ist. Die Haare abzuschneiden oder die Wimpern nach einer Färbung abzurasieren wäre hier die beste Lösung. Das ist zwar die radikalste, jedoch wirksamste Methode. In Extremfällen, wenn die Schwellung stark ist und nicht von selbst besser wird, muss man auf Cortison zurückgreifen. Das Immunsystem ist wie ein Elefant und vergisst sehr lange nicht. Wer einmal allergisch reagiert, wird die Allergie jahrzehntelang haben.

    STANDARD: Wie können Juckreiz und Schwellungen vermieden werden, wenn man seine Haare nicht abschneiden möchte?

    Wöhrl: Man sollte auf jeden Fall den Kontakt zwischen Haut und Haar vermeiden, da die Allergene durch die zusätzliche Irritation der Haarspitzen am stärksten störend wirken. Die Halsregion ist hier besonders sensibel, da die Spitzen immer wieder an der Haut ankommen und diese verletzen. Auch Rollkragenpullover aus Baumwolle zu tragen oder die Haare in einen Zopf zu binden kann sehr wirksam sein. Die einzige Behandlung für die Zukunft ist hier jedoch, sich nie wieder die Haare zu färben und damit mit dem Allergen nicht mehr in Berührung zu kommen.

    STANDARD: Und wenn man seine Haare trotzdem färben möchte? Welche Haarfärbemittel sind unproblematisch?

    Wöhrl: Naturfärbemittel wie Henna sind unbedenklich, solange es der originale Farbstoff in der hellbraunen Ausführung ist. Achtung, es gibt aber auch Hennafarben mit PPD. P-Phenylendiamin oder Toluylendiamin sind teilweise kreuzreaktiv. Wenn man Glück hat und nicht auf die andere Farbe auch allergisch ist, kann man auf Henna ausweichen. Allergologen sind immer wieder erstaunt, wie bereit die Menschen sind, ihre Haare mit Chemikalien zu behandeln. Besonders beim jetzigen Unicorn-Trend ist es extrem beliebt, seine Haare in Regenbogenfarben zu färben. Welche Giftstoffe in den verkauften Haarfarben enthalten sind und wie gefährlich diese sein können, kümmert nur wenige.

    STANDARD: Gibt es einen Test gegen eine PPD- oder Toluylendiamin-Allergie?

    Wöhrl: Ja, es wird ein Epikutantest empfohlen. Dabei wird ein Pflaster mit verschiedenen Wirkstoffen auf die Haut aufgelegt und getragen. Dabei wird ein kleines, künstliches Ekzem ausgelöst. Im Anschluss wird ein Allergiepass mit allen unverträglichen Stoffen ausgestellt, den der Patient immer mittragen sollte. Besonders beim Frisör oder beim Besuch im Drogeriemarkt ist das ganz nützlich, um weitere allergische Reaktionen zu verhindern. (Selma Tahirovic, 5.2.2018)

    P-Phenylendiamin (PPD) ist eine chemische Verbindung aus der Gruppe der Phenylendiamine. 1888 entdeckte Ernst Erdmann die Anwendungsmöglichkeit von PPD als Haarfärbemittel. Auch in der Foto-, Leder- und Textilbranche kommt es zum Einsatz.

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    • Stefan Wöhrl ist Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und arbeitet hauptberuflich im Floridsdorfer Allergiezentrum.
      foto: richard schuster/www.fotoschuster.com

      Stefan Wöhrl ist Facharzt für Haut- und Geschlechtskrankheiten und arbeitet hauptberuflich im Floridsdorfer Allergiezentrum.

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