Im Schatten der NS-Affäre: Mehr als die Hälfte der FPÖ-Wähler von 2017 blieben zu Hause

28. Jänner 2018, 22:56
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Meinungsforscher Ogris sieht Folgen der Debatte um NS-Liedgut bei Burschenschaftern. ÖVP und Grüne schnitten in Niederösterreich viel besser als bei der Nationalratswahl ab

Wien / St. Pölten – Viele Freiheitlichen sind davon fest überzeugt: Die Affäre um das NS-verherrlichende Liederbuch der Burschenschaft Germania, deren Vizeobmann FPÖ-Spitzenkandidat Udo Landbauer bis vor kurzem war, habe der Partei massiv geschadet. Um die fünf Prozent der Stimmen habe die Debatte – laut blauem Wording eine "Medienkampagne" – gekostet, mutmaßten Funktionäre am Wahlabend. "Das hat sich absolut ausgewirkt", glaubt Landesparteichef Walter Rosenkranz.

Daten der Wahlanalyse des Meinungsforschungsinstituts Sora im Auftrag des ORF untermauern diese Vermutung. 147.000 Wähler, die bei der Nationalratswahl 2017 in Niederösterreich ihre Stimme der FPÖ gegeben hatten, blieben bei der Landtagswahl zu Hause – das ist mehr als jeder zweite von rund 280.000 blauen Wählern aus dem Vorjahr. Gerade bei jenen, die sich erst sehr spät entschieden, habe die FPÖ schlecht abgeschnitten, analysiert Sora-Experte Günther Ogris: Diese "Mobilisierungsprobleme" seien ein Hinweis darauf, dass sich die NS-Debatte "erheblich" ausgewirkt habe.

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Allerdings zeigen die Daten auch, dass es schon 2013 einen großen Spalt zwischen den blauen Ergebnissen auf Bundes- und Landesebene gab: Bei der Nationalratswahl errang die FPÖ damals fast 191.000 Stimmen beziehungsweise 18,8 Prozent, bei der Landtagswahl nur gut 80.000 Stimmen beziehungsweise 8,2 Prozent.

Bei der ÖVP ist es damals wie heute umgekehrt. Mit gut 450.000 Stimmen zog die Partei am Sonntag fast 66.000 Wähler mehr zu sich als im Oktober des Vorjahrs. Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner und ihr Team konnten zwar Stimmen aller Parteien holen, den größten Brocken machten aber 36.000 Personen aus, die bei der Nationalratswahl im Land nicht wahlberechtigt waren: Es handelt sich um Menschen mit Zweitwohnsitz in Niederösterreich – diesen verdankt die ÖVP in erster Linie, dass sie mit 49,6 Prozent der Stimmen die absolute Mehrheit der Mandate halten konnte.

Viel besser als bei der Nationalratswahl schnitten auch die Grünen ab: Im Oktober 2017, als die Partei aus dem Parlament flog, waren es nur knapp 30.000 Stimmen in Niederösterreich, nun betrug die Ausbeute 58.000. Ein Grund war natürlich, dass die Liste Pilz im Land nicht angetreten ist: 21.000 Wähler der im Vorjahr gegründeten Gruppierung stimmten nun für Grün. Zwar hätten die Grünen die Vierprozenthürde am Sonntag auch ohne Pilz-Wähler genommen, aber wesentlich knapper. Maßgeblich zum Wiedereinzug beigetragen hat auch, dass die Partei 5.000 Nichtwähler und 4.000 Zweitwohnsitzer von sich überzeugen konnte.

Ein guter Teil der Pilz-Wähler vom Oktober – 14.000 – blieb bei der Landtagswahl zu Hause. Die neue Nationalratspartei lässt alle vier Landtagswahlen dieses Jahres aus.

ÖVP hielt Großteil der Wähler von 2013

Im Vergleich zur Landtagswahl 2013 zeigt die Wählerstromanalyse: Die ÖVP hat einen Großteil ihrer Wähler behalten. 85 Prozent davon gaben ihr auch heuer ihre Stimme, wie aus den Sora-Daten hervorgeht. Die größten Abgänge verzeichnete die Partei in Richtung FPÖ und Nichtwähler. Die SPÖ verlor stark an die Nichtwähler, die FPÖ schöpfte bei ÖVP- und Ex-Team-Stronach-Wählern.

Mit rund 29.000 Stimmen erlitt die ÖVP, die insgesamt ein Minus von 1,15 Prozentpunkten verzeichnete, ihren größten Verlust an die FPÖ, knapp gefolgt von den Abgängen ins Nichtwähler-Lager (28.000 Stimmen). An die Neos gingen 12.000 ÖVP-Stimmen der letzten Wahl. Die meisten Zugewinne erzielte die Volkspartei aus dem Lager des nicht mehr angetretenen Teams Stronach mit 15.000 Stimmen. 8.000 kamen von den Grünen, 4.000 von der FPÖ und 3.000 von der SPÖ.

SPÖ nahm Stronach Stimmen ab

Die SPÖ legte insgesamt etwas zu, nämlich um 2,35 Prozentpunkte. Sie behielt wie die ÖVP mit 83 Prozent den Großteil ihrer Wähler aus dem Jahr 2013. Aus dem ehemaligen Lager des Teams Stronach konnte die SPÖ rund 14.000 Stimmen für sich gewinnen, von den Grünen 11.000. Aus dem Nichtwähler-Lager holte sie etwa 8.000 Stimmen. Die größten Verluste erlitt die SPÖ mit 24.000 in Richtung Nichtwähler, rund 7.000 wählten diesmal FPÖ.

Die Freiheitlichen legten mit plus 6,55 Prozentpunkten stark zu. Ihr Zugewinn resultiert vor allem aus einem Zustrom von der ÖVP (plus 29.000) sowie vom Team Stronach (plus 21.000). Etwas geringer als bei ÖVP und SPÖ war die "Behaltequote" der Wähler von 2013, sie lag bei 71 Prozent. Abgänge gab es vor allem an die Nichtwähler (15.000) und an die ÖVP (4.000).

Die Grünen, die trotz Verlusten von 1,64 Prozentpunkten und damit einem Viertel ihrer Stimmen aus dem Jahr 2013 den Verbleib im Landtag schafften, konnten rund 51 Prozent ihrer Wähler behalten. Verluste erlitten sie vor allem an Neos (17.000), die SPÖ (11.000) und die ÖVP (8.000 Stimmen). Stimmen gewinnen konnten die Grünen vor allem bei Nichtwählern und der ÖVP (jeweils rund 6.000).

Bei den Neos, die bei ihrem ersten Antreten den Sprung in den Landtag schafften, kam die größte Wählergruppe von den Grünen (17.000). Auch von ÖVP (12.000) und Team Stronach (11.000) konnten die Neos Stimmen holen. (APA, red, 28.1.2018)

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  • Die ÖVP behält einen Großteil ihrer Stimmen.
    foto: apa/robert jaeger

    Die ÖVP behält einen Großteil ihrer Stimmen.

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