Akademikerball: Demo ohne Zwischenfälle, Strache: "Wir sind keine Opfer, keine Täter"

    Video27. Jänner 2018, 00:04
    1032 Postings

    Mit bis zu 10.000 Teilnehmern kamen viel mehr als erwartet zur Demo gegen den von der FPÖ veranstalteten Akademikerball in der Hofburg. Vizekanzler Heinz-Christian Strache will den umstrittenen Ball zur "Bühne gegen Antisemitismus" machen

    Wien – Der Beginn bei der Universität war eher mau, doch als die Demo dann das Volkstheater passierte, dauerte es gut 20 Minuten, bis die Letzten vorbei waren. Geschätzte 8.000 bis 10.000 Teilnehmer protestierten am Freitagabend gegen den umstrittenen Akademikerball der Wiener FPÖ, der auch heuer wieder in der Hofburg stattfand.

    orf

    In einer Bilanz am Abend erhielt die Demo das vorläufige Prädikat "friedlich", laut Polizei gab es "einzelne Identitäsfeststellungen, aber keine Zwischenfälle oder Festnahmen", sagte Polizeisprecherin Michaela Rossmann. 2.870 Polizisten sicherten die bisher größte Sperrzone, die je rund um den Burschenschafterball gezogen wurde. Polizeipräsident Pürstl hatte im Vorfeld mit Gewalt gerechnet und angekündigt, "Busse aus dem Ausland umdrehen und nach Hause schicken" zu lassen.

    Von den Bussen mit Randalierern aus Hamburg war keine Spur. "Diese Hinweise haben sich nicht konkretisiert", sagte Polizeisprecherin Daniela Tunst zum STANDARD. Quasi als Demo in der Demo machte die Polizei aber eine Gruppe italienischer Autonomer aus, die eine Extrabewachung erhielt. Ein kurzes, aber doch üppiges Feuerwerk dürfte im eigentlich zugesperrten Volksgarten gezündet worden sein.

    "Nicht bei uns erwünscht"

    Schon vor Ball und Demo hatte Vizekanzler Heinz-Christian Strache (FPÖ) aufhorchen lassen: Er wolle den Akademikerball, der von Kritikern immer wieder als Treffpunkt Rechtsextremer bezeichnet wird, "zu einer Bühne gegen Antisemitismus" machen. "Die Verantwortung und das Gedenken an die Opfer des Holocaust sind uns Verpflichtung und Verantwortung in der Gegenwart und für kommende Generationen. Wer das anders sieht, soll aufstehen und gehen. Er ist bei uns nicht erwünscht", teilte Strache mit.

    Seine Eröffnungsrede auf dem Ball nahm Strache zum Anlass, um Antisemitismus in den eigenen Reihen "scharf zu verurteilen". Das freiheitliche Lager habe seit jeher totalitäre Systeme bekämpft: "Das ist unser Verständnis. Und wer dieses Verständnis nicht trägt, der ist bei uns nicht willkommen", sagte er vor den rund 3.000 Ballgästen – laut Organisatoren eine Rekordzahl.

    der standard

    Auch die Demonstrationen gegen den Ball – solange diese friedlich verliefen – seien kein Grund, in die Opferrolle zu verfallen, betonte Strache. "Wir sind keine Opfer, wir sind keine Täter", meinte er. Darum sei es umso wichtiger, Stellung zu beziehen. "Wir haben eine klare Position: Antisemitismus, Totalitarismus, Rassismus, das ist ein Widerspruch zum burschenschafterlichen Gedanken", betonte er.

    Gerade das Gedenkjahr 2018 sei für Strache ein willkommener Anlass, die Geschichte des freiheitlichen Lagers durch Historiker aufzuarbeiten – manche Anschuldigungen seien auch berechtigt. Dennoch seien manche Diffamierungen "unredlich", spielte er auch auf die Demonstrationen gegen den Ball und manche Medienberichte an. Strache: "Wir sind Demokraten in jeder Hinsicht."

    Straches Tochter und Krauss ein Eröffnungspaar

    Im Gegensatz dazu bemühte sich der geschäftsführende FPÖ-Klubobmann Johann Gudenus nicht um eine Abrüstung der Worte. Er hatte schon vor seinem Ballbesuch zu Mittag im Zusammenhang mit den Kundgebungen von einer "Angst vor Zerstörung, Brandschatzung und Plünderung der Auslagen" gesprochen. Das habe nichts mit dem Akademikerball zu tun, sondern "einzig und allein mit den angesagten Demonstrationen gegen diesen Traditionsball". Man müsse "genau beobachten, von wem der 'Schwarze Block' mit seinen randalierenden Horden unterstützt" werde.

    orf

    Neben Strache und Gudenus waren auch FPÖ-Generalsekretärin Marlene Svazek, Identitären-Führungsmitglied Martin Sellner und die FPÖ-Nationalratsabgeordneten Martin Graf, Walter Rosenkranz und Christian Höbart sowie Ex-Minister Herbert Haupt und der burgenländische Landeshauptmannstellvertreter Johann Tschürtz am Ball anwesend. Auf der Ehrenbühne saß neben Gudenus und Rosenkranz auch Landtagsabgeordnete Ursula Stenzel. Straches Tochter bildete mit dem RFJ-Vorsitzenden Maximilian Krauss eines der Eröffnungspaare.

    Der umstrittene russische Rechtsaußendenker Alexander Dugin, der sich in Wien aufhält und schon einmal beim Ball war, sagte der "Presse", dass er nicht eingeladen worden sei.

    Ausschreitungen zuletzt 2014

    Größere Ausschreitungen bei den Kundgebungen hatte es zuletzt 2014 gegen den Akademikerball gegeben. Ein paar Dutzend Demonstranten hatten sich damals eine regelrechte Straßenschlacht mit der Polizei geliefert. Der Sachschaden – vor allem eingeschlagene Geschäftsauslagen und Autofenster – betrug damals laut Polizei mehr als eine Million Euro. Rund 20 Personen wurden festgenommen, die Veranstalter der Demos distanzierten sich klar von den Randalierern. (lhag, ook, simo, mcmt, van, Videos: Raoul Kopacka, Maria von Usslar & Oona Kroisleitner, APA, 27.1.2018)

    • der standard

      Eindrücke von dem großen Demomarsch am Ring

    • der standard

      Eindrücke von der Demonstration bevor sie sich friedlich auflöst

    • der standard

      KZ-Überlebender Rudolf Gelbart: "Liederbuch ist Mordaufruf"

    • der standard

      OGR-Demo: Omas und Opas singen gegen den rechten Ball in der Hofburg

    • der standard

      Johann Gudenus über Demo und Strafrecht: "Lassen Sie den Ball Ball sein"

    • der standard

      Andreas Mölzer zur Causa Landbauer und zum Akademikerball

    • der standard

      Ballorganisator Udo Guggenbichler zur Burschenschaft Germania

    • der standard

      Rechtsextremismusforscher Weidinger zu Burschenschaften und was das Problem mit einem völkischen Verständnis ist.

    • tagesschau

      ARD Tagesthemen-Bericht: "FPÖ-Skandal um antisemitisches Liederbuch und Protest gegen Akademikerball in Wien."

    • der standard

      Bei dieser kleinen Demo am Wallensteinplatz war die Polizeipräsenz überproportional.

    • der standard

      Keine Busse aus Deutschland – Die Landespolizeidirektion zur Strategie bei den Demonstrationen.

    Share if you care.