Barbara Glück: "Raus aus der Gedenkblase"

    Interview28. Jänner 2018, 09:48
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    Die Chefin des Mauthausen Memorial hält nichts von ritualisiertem gemeinsamem Schweigen. Sie will die Gedenkroutine verlassen

    Standard: 2018 gedenkt Österreich auch des "Anschlusses". Wie viele Menschen haben den 12. März 1938 noch bewusst erlebt?

    Barbara Glück: Das müssten Menschen sein, die über 90 Jahre alt sind, da gibt es nicht mehr viele. Meine Großmutter starb im vergangenen Jahr mit 99, die hat das noch erlebt, hat aber kaum davon gesprochen. Ich glaube, was alle gemeinsam haben, ist: Bis zu ihrem Tod reden sie nicht gern über diese Zeit. Weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

    Standard: 2015 waren 20.000 Menschen bei den Befreiungsfeiern in Mauthausen, aber nur 50 Überlebende. Werden diese Gedenkfeiern zum Ritual, das langsam seinen Sinn verliert?

    Glück: Ich leite die Gedenkstätte seit bald zwölf Jahren. Meine Erfahrung sagt mir: Das ritualisierte Gedenken, bei dem Menschen – zugespitzt formuliert – zusammenkommen und miteinander schweigen, hat ein Ablaufdatum. Wir haben die Wahl, uns zu entscheiden: Kommen wir weiterhin einmal pro Jahr zusammen und legen wir einen Kranz nieder oder richten wir unser Gedenken in die Zukunft? Man kann das auch umdrehen: Ich gedenke, das Gedenken künftig anders zu gestalten – in die Zukunft gerichtet.

    Standard: Wie soll das gehen?

    Glück: Indem wir uns den Herausforderungen der Gegenwart stellen. Denken Sie an die Anschläge in Paris, an Charlie Hebdo. Am Tag darauf kam eine Gruppe junger Menschen in die Gedenkstätte Mauthausen. Sie trugen selbstgestaltete T-Shirts, auf denen stand: "Je suis Charlie", und sie wollten genau darüber mit uns reden. Wir erleben auch immer wieder ungewollte Versprecher während eines Rundgangs: Wenn Menschen statt "SS" plötzlich "IS" sagen, wenn ihnen statt "Häftlinge" plötzlich "Flüchtlinge" über die Lippen kommt – dann hat das etwas zu bedeuten. Dann sind wir gefordert, damit umzugehen. Wenn Jugendliche wieder zurückfahren in ihre Schule nach Amstetten oder nach Wien, wenn sie hinterfragen, was es bedeutet, wenn man von heute auf morgen all seine Rechte verliert, wenn wir Hellhörigkeit und Empathie erzeugen, dann werden wir dem Erbe und dem Andenken der Verstorbenen gerecht. Genau das ist für mich Gedenken.

    Standard: Nach der großen Flüchtlingsbewegung 2015: Ändert das etwas an der Gedenkarbeit?

    Glück: Wir sind gefordert, auf die sich laufend verändernden politischen und gesellschaftlichen Veränderungen zu reagieren und unsere Arbeit dahingehend anzupassen. Wir dürfen dabei nie vergessen, dass junge Menschen unsere relevanteste Zielgruppe sind. Ich muss leider davon ausgehen, dass quer durch unser Land noch immer in genug Kellern Hakenkreuzfahnen an der Wand hängen und SS-Uniformen ausgestellt sind und dass dort Gruppen Ewiggestriger sich Nazi-Grüße geben. Ehrlich: Die zu erreichen halte ich kaum für möglich – wir müssen umso mehr die jungen Menschen ansprechen.

    Standard: Studien besagen, dass ein Teil der jungen Flüchtlinge antisemitisch eingestellt ist. Sollen die im Sinne der Aufklärung alle nach Mauthausen kommen?

    Glück: Zuallererst nein. Traumatisierte Kriegsflüchtlinge sollen nicht an einen traumatisierten Ort gebracht und mit einer traumatischen Geschichte konfrontiert werden. Über Jahre schleichend und durch die Flüchtlingssituation der jüngeren Vergangenheit durchaus massiv, erleben wir, dass Österreich eine für uns bis dato neue Ausprägung des Antisemitismus importiert. Ich spreche von religiös motiviertem Antisemitismus. Israel, und damit das Judentum, sind der Feind. Das gehört über weite Teile zum Narrativ arabischer Staaten. Bloß, damit hat sich bei uns noch kaum jemand beschäftigt.

    Standard: Werden Gedenkstätten in Zukunft reine Museen sein?

    Glück: Ich habe die Befürchtung, dass viele Gedenkstätten als reine Museen enden werden. Wir arbeiten daran, dass das in Mauthausen nicht passiert.

    Standard: Innenminister Herbert Kickl will Flüchtlinge "konzentriert halten". Wie denken Sie darüber?

    Glück: Ich sehe mich als Geschichtsvermittlerin, nicht als Interpretin der aktuellen Innenpolitik, das habe ich zwölf Jahre nicht getan, und ich habe nicht vor, jetzt damit zu beginnen.

    Standard: Sie müssen sich doch fragen, ob die Gedenkarbeit just bei Innenminister Kickl versagt hat?

    Glück: Er hat seine Aussage klargestellt. Das nehme ich zur Kenntnis.

    Standard: Der FPÖ-Spitzenkandidat von Niederösterreich, Udo Landbauer, hat aber, nachdem der antisemitische Liedtext seiner Burschenschaft aufgedeckt wurde, nichts klargestellt. Im Gegenteil: Er wirbt jetzt mit dem Waldheim-Slogan "Jetzt erst recht" um Stimmen für die Landtagswahl. Wie beurteilen Sie das? *

    Glück: Die Diskussion darüber, wie neo- bzw. altnazistisch diverse Österreichische Burschenschaften tatsächlich sind, verfolgt mich seit meinem Geschichtestudium. Für mich ist klar, alles was den Anschein hat, gegen das Verbotsgesetz zu verstoßen, gehört rasch und ohne irgendwelche Rücksichtnahmen verfolgt und aufgeklärt.

    Standard: Die grundsätzliche Frage dahinter lautet: Erreicht man mit Gedenkarbeit nicht ohnehin nur jene, die gedenken wollen – und nicht jene, die sollen?

    Glück: Genau das war bis jetzt immer unser Problem: die sprichwörtliche Gedenkblase. Nur die Debatte darüber, was richtig und falsch ist und wie wir eine tolerante und freie Gesellschaft erreichen und stärken können, gehört aus dieser allzu oft auch politisch motivierten Blase hinausgetragen. Dabei meine ich insbesondere die schon eingangs erwähnte wichtigste Zielgruppe der Jugendlichen. Diese Debatte müssen wir letztlich alle gemeinsam führen, daran arbeiten wir. Wir haben uns in der gesamten Bildungsarbeit immer auf die Geschichtsaufarbeitung konzentriert und meist den Konnex zur Gegenwart übersehen. Ich weiß auch, dass genau dieser Konnex in der Ausbildung von Pädagoginnen und Pädagogen fehlt, der Antisemitismus nur als europäisches Thema, als Holocaust angesprochen wird und etwa der Antisemitismus im Nahen Osten ignoriert wird – dabei ist genau das unsere aktuelle Herausforderung.

    Standard: In Deutschland gibt es eine sehr lebendige Gedenkkultur, dennoch hinderte das viele Deutsche nicht, die AfD zu wählen – eine Partei, die keine Berührungsängste mit Nazi-Diktionen kennt. Was lernen Sie daraus?

    Glück: Die gleichen Studien, die den neuen Antisemitismus belegen, zeigen auch, dass es sehr rasch von Vorurteilen zu Abneigung bis hin zur Radikalisierung kommen kann. Ein Großteil der Jugendlichen sucht Stabilität und Sicherheit im Leben. Leider glauben nicht wenige, dass ihnen dies nur eine autoritäre Führung bieten kann. Werte wie Demokratie und Freiheit verlieren an Bedeutung. Das ist eine Entwicklung, die nicht nur Deutschland, sondern auch Österreich betrifft. Uns zeigt diese Entwicklung, dass wir unsere Anstrengungen in der Bildungsarbeit verstärken müssen.

    Standard: Müssen die Lehrer besser ausgebildet werden?

    Glück: Die Regierung hat ein Bekenntnis gegen den Antisemitismus abgegeben, jetzt gilt es auch endlich in die Gänge zu kommen. Es geht um eine bessere Aus- und Weiterbildung aller Pädagoginnen und Pädagogen. Es geht um Präventionsarbeit und ein verstärktes Auftreten im Internet und in den sozialen Netzen. Wir und alle Bildungseinrichtungen brauchen die politische und vor allem finanzielle Unterstützung für ein starkes "Gemeinsam" statt engagierter Einzelprojekte, die nicht ineinandergreifen.

    Standard: Soll es in zehn Jahren noch Gedenkfeiern mit Kranzniederlegungen geben?

    Glück: Wenn das Menschen weiterhin wichtig ist, soll es das auch weiter geben. Aber ich möchte hinterfragen, ob es für junge Leute eine Bedeutung hat. Sie sollen sich das Gedenken künftig selbst gestalten. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Als Schülerin war ich nie in Mauthausen, erst als Studienanfängerin fuhr ich einmal alleine hin. Als ich das Krematorium betrat, saßen dort junge Besucher auf dem Boden, hielten sich an den Händen und sangen laut. Das hatte, dem Ort des Todes zum Trotz, eine Kraft und eine Lebensfreude, die ich nie vergessen werde. Das möchte ich anregen und zulassen.

    Standard: Der "Standard" hat eine "Liste der Einzelfälle" von einschlägigen "Ausrutschern" der FPÖ angelegt, die sich allein in den vergangenen Wochen gehäuft haben. Nun handelt es sich um Vorfälle bei einer Regierungspartei. Werden Sie im Ausland darauf angesprochen, tangiert Sie das bei Ihrer Arbeit? *

    Glück: Das werden wir sehen. Ich fliege kommende Woche zur UNO nach New York und nehme an den Feierlichkeiten anlässlich des Internationalen Holocaust Gedenktages teil. Ich gehe allerdings fix davon aus, dass ich mit diesen Entwicklungen konfrontiert sein werde.
    (Petra Stuiber, 27.1.2018)

    Barbara Glück (39) ist Geschäftsführerin der Bundesanstalt Mauthausen Memorial. Glück promovierte an der Uni Wien in Geschichte und Politikwissenschaft.

    Die mit einem * versehenen Fragen wurden am 26. Jänner nachträglich gestellt und in das Interview eingefügt, dessen Printversion im "Album" bereits in Druck gegangen war. Anlass für die Aktualisierung war die "Liederbuch-Affäre" um den niederösterreichischen FPÖ-Spitzenkanditaten Udo Landbauer.

    • Barbara Glück leitet seit nunmehr bald zwölf Jahren die Gedenkstätte Mauthausen:  "Ich gedenke, das Gedenken künftig anders zu gestalten – in die Zukunft gerichtet."
      foto: christian fischer

      Barbara Glück leitet seit nunmehr bald zwölf Jahren die Gedenkstätte Mauthausen: "Ich gedenke, das Gedenken künftig anders zu gestalten – in die Zukunft gerichtet."

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