Studie: Alterung senkt Risikobereitschaft ganzer Gesellschaft

26. Jänner 2018, 06:00
260 Postings

Unternehmertum würde dadurch negativ beeinflusst. Die Risikoaversion verschiebt auch das politische Spektrum

Wien – Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen, lautet ein geflügeltes Wort. Bisherige Vorhersagen zum demografischen Wandel in entwickelten Volkswirtschaften gelten hingegen als ziemlich treffsicher: Mitteleuropäische Volkswirtschaften wie Österreich und Deutschland sind besonders in den vergangenen zwei Jahrzehnten schnell älter geworden und werden bis zur Mitte des Jahrhunderts zwar langsamer, aber dennoch weiter altern. Im Jahr 2035 soll jeder zweite Österreicher über 47 Jahre alt sein.

Dieser Wandel hat potenziell weitreichende Folgen für die Wirtschaft. Ökonomen wie Uwe Sunde von der Ludwig-Maximilians-Universität München sehen in dem demografischen Übergang eine klare Wachstumsbremse: Auch konstante Produktivitätsgewinne aus technologischem Fortschritt würden in Ländern wie Deutschland den "Ausfall" der flächendeckend gut ausgebildeten Babyboomer nicht kompensieren. Der demografische Wandel wirke aber auch über andere Kanäle. Zusammen mit Kollegen hat Sunde die Risikobereitschaft im Altersverlauf in einer Studie untersucht. Dazu dienten den Forschern umfassende Befragungen, die mit denselben Individuen über viele Jahre hinweg durchgeführt wurden.

Weniger Risiko

Ihr Fazit: Die Bereitschaft, Risiken einzugehen, sinkt mit steigendem Alter. Daraus folgt, dass die gesamte Gesellschaft umso risikoaverser wird, je höher der Anteil der Älteren ist. Das habe Folgen etwa für Investitionsmuster oder Unternehmertum. Der Effekt sei durchaus signifikant: Steigt das Medianalter in einer Gesellschaft um zehn Jahre – wie in Österreich seit 1975 -, entspreche die gesunkene Risikobereitschaft 2,5 Prozent weniger Investitionen in Aktien oder um sechs Prozentpunkte weniger selbstständig Beschäftigten, berechnen die Ökonomen. Weniger Unternehmertum bedeute wiederum geringere Innovationsbereitschaft, sagt Sunde.

"Die Alterung ist natürlich nur einer von vielen Einflüssen auf ökonomische Entscheidungen", erklärt Mitautor Autor Thomas Dohmen von der Universität Bonn. Eine Reihe von Einflussfaktoren, etwa das historische Umfeld oder der Konjunkturzyklus, in den man hineingeboren wurde, haben die Forscher jedoch "herausgerechnet".

Sprich: Die im Alter steigende Risikoaversion ist über die Kohorten hinweg zu beobachten – sei es die Nachkriegsgeneration, die der Babyboomer oder die Generation X. Der Effekt sei wohl biologisch begründet, vermuten die Forscher. "Mit höherem Alter lassen im Schnitt auch die kognitiven Fähigkeit nach", sagt Dohmen. Frühere Studien hätten gezeigt, dass ein geistiger Abbau mit abnehmender Risikobereitschaft einhergehe.

Flacht nun der Trend zu weniger Risikobereitschaft mit der künftig geringeren Alterung ab? Nicht so schnell, vermutet Dohmen, denn mit der steigenden Lebenserwartung blieben wir auch kognitiv länger fit. Demnach wäre zu erwarten, dass die sinkende Risikobereitschaft der geburtenstarken Generationen erst in den kommenden Jahrzehnten wirke. Ein Babyboomer setzt sich mit 65 eher auf ein Motorrad als seine Großeltern im gleichen Alter davor.

Konservative Kräfte

Neben den erwarteten wirtschaftlichen Veränderungen durch die abnehmende Risikobereitschaft vermuten die Ökonomen auch politische Effekte. Wer Risiken scheut, wolle eher keine großen Reformen angehen, gibt Dohmen als Beispiel. Das politische Spektrum könnte daher künftig konservativer werden.

Ob das bestimmten politischen Gruppen nutze oder die gesamte Parteienlandschaft geschlossen konservativer werde, ließe sich derzeit aber schwer abschätzen, meint der Ökonom. (Leopold Stefan, 26.1.2018)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Je höher der Anteil der Älteren ist, desto risikoaverser wird die gesamte Gesellschaft.

Share if you care.