Wie der Mensch den Aktionsradius anderer Säugetiere einschränkt

26. Jänner 2018, 15:30
13 Postings

Biologen verglichen das Bewegungsprofil von 57 Säugetierarten in menschlich beeinflussten Landschaften und unberührter Natur

Wien – Der Mensch schränkt den Aktionsradius von Säugetieren massiv ein. Das zeigt eine im Fachjournal "Science" veröffentlichte Studie internationaler Forscher mit österreichischer Beteiligung an 57 Säugetierarten, deren Bewegung mit GPS-Sendern verfolgt wurde. Die Tiere legten in stark von Menschen geprägten Gebieten nur ein Drittel bis 50 Prozent der Strecken zurück, die sie in unberührter Natur bewältigen.

foto: giraffe conservation foundation
Forscher erfassten die Bewegungsprofile von 57 Säugetierarten.

Die Wissenschafter um die Biologin Marlee Tucker vom Senckenberg Biodiversität und Klimaforschungszentrum und der Goethe-Universität in Frankfurt haben für ihre Studie in "Science" mehr als 800 Individuen von 57 Säugetierarten – von Hasen, Bären, Wildeseln und Giraffen bis zu Elefanten – mit GPS-Sendern ausgestattet und über mindestens zwei Monate stündlich ihren Aufenthaltsort erfasst.

Human Footprint Index

Diese Daten wurden mit dem "Human Footprint Index" der Gebiete verglichen, in denen sich die Tiere bewegten. Dieser Index gibt an, wie sehr eine Region durch menschliche Aktivitäten wie Siedlungsbau, Verkehrswege oder Landwirtschaft verändert wird.

Es zeigte sich, dass in Gebieten mit hohem "Human Footprint Index" wie einer von Ackerbau geprägten Landschaft in Mitteleuropa die dort lebenden Säugetiere in zehn Tagen nur 33 bis 50 Prozent der Strecken zurücklegen, die andere Arten im Schnitt in unberührter Natur bewältigen. Das gilt auch für die in diesem Zeitraum maximal zurückgelegten Strecken. Den Senderdaten zufolge werden die Tiere unter menschlichem Einfluss nicht langsamer, sondern laufen über längere Zeiträume weniger weit.

foto: adam wajrak
In stark vom Menschen geprägten Landschaften legten die Tiere nur 33 bis 50 Prozent der Strecken zurück wie in unberührter Natur.

Zum Wandern gezwungen

Petra Kaczensky von der Veterinärmedizinischen Universität Wien hat die Wanderungen der Asiatischen Wildesel (Khulane) in der Wüste Gobi in der Mongolei beobachtet. Diese legten innerhalb von zehn Tagen die größte Distanz aller untersuchter Säugetierarten zurück, gefolgt von Steppenzebras und Mongolischen Gazellen, sagte Kaczensky. Im Mittel wanderten die sechs mit Sendern ausgestatteten Tiere in zehn Tagen 77 Kilometer weit, die Maximaldistanz betrug 107 Kilometer. Im Vergleich dazu legen in Europa Rehe im Mittel 1,2 km (Maximum: 9 km), Rothirsche elf km (56 km), Braunbären 20 km (71 km) und Wildkatzen vier km (8 km) zurück.

Der Grund für die Weitwanderungen der Asiatischen Wildesel ist die spärliche Vegetation. "Außerdem gibt es nur eine beschränkte Anzahl an Wasserstellen und die Khulane benötigen so wie Pferde täglich viele Liter Wasser", so Kaczensky. Noch sei der menschliche Fußabdruck in der Wüste Gobi vergleichsweise gering, aber selbst dort würden wachsende Viehbestände und der Ausbau der Infrastruktur zunehmend Einfluss auf Wildtiere und ihren Lebensraum haben.

foto: petra kaczensky
Selbst die Asiatischen Wildesel in der Wüste Gobi sind zunehmend von menschlichen Aktivitäten betroffen.

Wanderungen als ökologischer Faktor

In stark von Menschen beeinflussten Regionen dürften die Tiere ihr Verhalten angepasst haben. So gehen die Wissenschafter in diesen Gebieten von einem besseren Futterangebot aus, das keine weiten Wanderungen mehr notwendig macht. Außerdem würden Straßen und die Zerstückelung der Lebensräume die Tiere in ihrer Bewegung einschränken.

Sorge bereitet den Forschern, dass bestimmte Funktionen von Ökosystemen an Tierwanderungen gekoppelt sind und diese durch den eingeschränkten Aktionsradius beeinträchtigt werden könnten. So sorgen etwa die Wildesel durch ihre Weitwanderungen für eine großräumige Verbreitung von Samen, außerdem basieren auch viele natürliche Nahrungsnetze auf Tierbewegungen. Wenn sich Tiere weniger bewegen, könnten sich diese Prozesse in Ökosystemen verändern, so die Forscher. (APA, 26.1.2018)

Share if you care.