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26. Jänner 2018, 06:00

Eine schwere Woche. Am 7. Mai 1974 tritt Bruno Kreiskys engster Verbündeter, Deutschlands Bundeskanzler Willy Brandt, zurück, weil sein persönlicher Sekretär Günter Guillaume als Spion der DDR enttarnt wurde. Am 8. Mai kommen US-Außenminister Henry Kissinger und sein sowjetischer Kollege Andrej Gromyko in einer Sache, die Österreichs Bundeskanzler am Herzen liegt, nicht weiter: den Konflikt zwischen Israel und Syrien zu beruhigen. Am 9. Mai liegt der Akt mit den Vorwürfen gegen Toni Sailer in Polen auf Kreiskys Schreibtisch – in Form einer "Information für das Bundeskanzleramt".

"Keine ÖSV-Geschichte" – diese Behauptung ist kaum haltbar.

Die "Information" ist Teil eines weiteren Aktes, den die Recherchegemeinschaft aus STANDARD, Dossier und Ö1 im Außenamt einsehen konnte – wohlgemerkt nach der Veröffentlichung zum ersten Akt aus dem Staatsarchiv.

foto: horst ossinger / dpa / picturede
Österreichs Sportler des 20. Jahrhunderts: Toni Sailer.

Der zweite Akt enthält neue Details zu Ermittlungen und Interventionen nach der Nacht vom 4. auf den 5. März 1974, in der Sailer mit zwei Jugoslawen eine polnische Prostituierte vergewaltigt und verletzt haben soll.

Manche Vorgänge werden erst durch diese Korrespondenz verständlich. So ist etwa die Behauptung des österreichischen Skiverbands (ÖSV), mit der Sache nichts zu tun gehabt zu haben, kaum haltbar. ÖSV-Generalsekretär Klaus Leistner hielt kürzlich fest: "Das war keine ÖSV-Geschichte, das war nur eine Geschichte von Toni Sailer."

Doch wenige Tage nach Sailers mutmaßlicher Gewalttätigkeit in Zakopane hatte das Außenministerium angekündigt, von den die "peinliche Situation herbeigeführt habenden Funktionären des österreichischen Skiverbandes die alsbaldige Refundierung der Kaution" zu verlangen. Österreichs Botschaft in Warschau hatte gezahlt, damit Sailer seinen Dienstpass zurückerhält und Polen verlassen kann.

So oder so hat ein österreichischer Weltstar ein Problem in einem Staat des Ostblocks, mit dem Kreisky die Wirtschaftsbeziehungen kräftig ausbauen will. Österreichs Industrie braucht Kohle, Polen braucht Kredite.

Schilderung nach dem Besuch von Janina S. in der österreichischen Botschaft am 15. März 1974: "Es gehe ihr nicht um das Geld, sondern es gehe ihr darum, dass Herr Sailer für sein Verhalten büßen müsse und dass sie die Ehre der polnischen Frauen retten müsse."

Zu dem Zeitpunkt ermitteln die Polen gegen ÖSV-Direktor Sailer wegen Vergewaltigung, begangen mit zwei jugoslawischen Mittätern. So steht es in der Zusammenfassung des Außenministeriums für Kreisky.

Die betroffene Polin Janina S. hatte "am 15. März 1974 bei der österr. Botschaft in Warschau vorgesprochen". Sie bezeichnete sich als Prostituierte und gab an, die polnischen Behörden hätten ihr 10.000 Zloty geboten "und bedeutet, über die Angelegenheit ansonsten Stillschweigen zu halten": Schweigegeld.

Ein Beamter erinnert sich

Der Botschaftsbeamte Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel und ein Kollege redeten mit der Prostituierten. Mayrhofer-Grünbühel (73) erinnert sich heute an das Gespräch mit Janina S. vor 44 Jahren: "Als sie in der Botschaft vorsprach, war die Sache eigentlich abgeschlossen, Sailer hatte das Land verlassen. Sie hatte Angst, durch die Finger zu schauen."

Der Zweck des Besuchs war es, "eine Entschädigung oder Schmerzengeld zu erhalten". Wirkte die Polin glaubwürdig? Mayrhofer-Grünbühel: "Im Prinzip ja." Im Akt steht, es ließ sich der Eindruck, dass es sich bei der Vorsprache von Janina S. "um eine Art Erpressungsversuch handle, nicht ganz vermeiden". Mayrhofer-Grünbühel: "Sie hat mir eigentlich leid getan."

Ferdinand Mayrhofer-Grünbühel im Gespräch mit Ö1 über seine Begegnung mit Janina S.

Janina S. sagte den Beamten, sie hätte bei Gericht 300.000 Zloty verlangt und hoffe in einem Verfahren auf mindestens 150.000 Zloty. Schilling und Zloty waren damals fast pari. "Herr Sailer" müsse "für sein Verhalten büßen" und sie selber "die Ehre der polnischen Frau retten", gab Janina S. an. Ihr wurde "anheimgestellt, sich an Herrn Sailer zu wenden".

Janina S. gab an, "die Ehre der polnischen Frau retten" zu wollen.

Als die Polen das Verfahren eingestellt und ihr die Möglichkeit einer Privatklage eingeräumt hatten, meldete sie sich nicht mehr. Sie blieb auch zuletzt unauffindbar. Es weist einiges darauf hin, dass sie vor wenigen Jahren verstorben ist.

Auch der damalige Botschaftssekretär Karl Vetter von der Lilie hält heute die Schilderung der Polin für plausibel. Vetter von der Lilie (79): "Was genau passiert ist, weiß niemand. Es dürfte eine Menge Alkohol im Spiel und der gute Toni Sailer nicht ganz unschuldig gewesen sein."

Schatten über dem Wettkampf

Das bestätigt auch der frühere polnische Skistar Andrzej Bachleda-Curus, der beim Weltcup-Slalom in Zakopane Sechster wurde. "Toni kam von Norwegen nach Polen, und er war total betrunken. Zu dieser Zeit trank er schwer, aber für uns in Polen war er ein Idol. Er war der Größte, er war der Boss."

Eine Geheimdienstfalle? "Auf keinen Fall", sagt Bachleda-Curus (71), "Toni hat etwas Schmerzhaftes getan, irgendetwas muss schiefgelaufen sein. Der Vorfall warf einen Schatten über den Wettkampf, der für Polen so wichtig war."

foto: standard
Toni Sailer, verewigt am Hausberg in Kitzbühel. Nicht nur dort gilt er als Legende. "Für uns in Polen war er ein Idol", sagt der Ex-Skistar Andrzej Bachleda-Curus.

Sailer war von Zakopane direkt zum Weltcup-Event in der Hohen Tatra in der ČSSR gereist. Dort traf er die Reporter von Krone, Kleine Zeitung und Kurier. Und die rapportierten am 8. März Sailers Version nach Österreich. Übereinstimmend diskreditierten die Zeitungen die Frau und spielten die Verletzungen durch angebliche gerichtsmedizinische Untersuchungen herunter, freilich ohne Beweise vorzulegen.

Nach der Verhaftung heißt es, S. habe von "Erpressung und Unzucht" gelebt.

Schon am 9. März deponierte Sailers polnischer Anwalt Wladislaw Burak-Gajewski bei der Staatsanwaltschaft Zakopane: Man möge die Aussagen der Geschädigten, die "hinterlistig in den Wohnsitz ausländischer Equipen" eingedrungen war, überprüfen.

Gajewski stellt drei Tage nach Sailers Verhaftung in den Raum, Janina S. habe von "Erpressung und Unzucht" gelebt. "Falle" und "Erpressung" werden Sailers Rechtfertigung bleiben.

Dass sich Kreisky der Sache angenommen hatte, zeigte sich vier Monate später, als Sailers österreichischer Anwalt Karl-Heinz Klee nach Polen reiste, um mit den Behörden dort persönlich zu verhandeln. Mitte Mai waren die Polen drauf und dran gewesen, Sailer anzuklagen.

Klee hatte mit dem Hinweis, Sailer befinde sich in Kanada und kehre nicht vor Ende Juli zurück, auf Zeit gespielt. Am 29. August ist Klee in Warschau und erhält die Hilfe des Verwaltungsattachés Rudolf Tomsich. Dieser kennt den zuständigen Oberstaatsanwalt in Krakau "aus früheren Rechtsfällen" und spricht ausgezeichnet Polnisch.

Man kommt überein

Klee, Tomsich und Burak-Gajewski stellen fest, dass wegen der von der Staatsanwaltschaft in Zakopane erlassenen Anklageschrift das Bezirksgericht Zakopane den Artikel 168 Paragraf 2 des polnischen Strafgesetzbuches anwendet: "Notzucht mit Mittätern mit besonderer Gewaltaufwendung." Strafsatz: vier bis 25 Jahre Kerker.

Doch es sollte nie zum Prozess kommen. Am Morgen des 30. August 1974 treffen Klee und Tomsich in Krakau den Vizeprokurator Henryk Soga, dessen Rang einem ersten stellvertretenden Oberstaatsanwalt in Österreich entspricht, in seinen Amtsräumen.

In einer zweistündigen Konsultation, so steht es im Akt, kommt man überein, dass der Vorfall für alle Beteiligten in "vielen Beziehungen unverständlich erscheint". Die Politische Polizei sei in unmittelbarer Nähe des Tatzimmers gewesen, die Haltung der beiden Jugoslawen sei "zumindest undurchsichtig". Sie könnten mit der Geschädigten zusammengearbeitet haben, um "Sailer in irgendeiner Weise zu erpressen".

Das Bundesministerium für Unterricht und Kunst schrieb: "... dass bereits eine Anfrage des Herrn Bundeskanzler Dr. Kreisky an die polnische Botschaft in Wien erfolgt sei und dass die Nichterledigung dieser Angelegenheit insbesondere in Anbetracht des für den Monat Oktober festgelegten Besuches des polnischen Ministerpräsidenten in Österreich unangenehm sei."

Außerdem enthält die Anklageschrift einen Formfehler. Einer der Jugoslawen habe keine Zustell- oder Vertretungsadresse in Polen, daher "besteht die Möglichkeit, dass der Akt wegen dieses Formfehlers zur Einstellung komme".

Zeitdruck durch den Besuch des polnischen Ministerpräsidenten.

Deswegen sei der Akt der Generalstaatsanwaltschaft in Krakau vorgelegt worden. Sailers Fall ist nun in den Händen der obersten Justizorgane in der kommunistischen Volksrepublik Polen. Dort, wo alles geregelt wird.

Die juristisch-inhaltliche Klärung des Falles sei nun nicht mehr möglich, die Herren zerbrechen sich also den Kopf, "was mit der Kaution geschehe". Als sei die Sache schon beendet.

Verwaltungsattaché Tomsich flicht ein, Kreisky habe bei Polens Botschaft in Wien deponiert, "dass die Nichterledigung der Angelegenheit insbesondere in Anbetracht des für den Monat Oktober festgelegen Besuches des polnischen Ministerpräsidenten in Österreich unangenehm sei".

Abendessen im Hotel Cracovia

Man vereinbart ein Abendessen im Hotel Cracovia. Dort treffen Klee und Tomsich Gajewski wieder, der dringend vor einer öffentlichen Verhandlung warnt. Sailer müsste während des gesamten Verfahrens in Polen anwesend sein.

Gajewski rät, eine Einstellung durch Rücknahme der Anklageschrift zu erreichen. Dies sei im derzeitigen Stadium des Prozesses nach polnischem Strafprozessrecht noch möglich. Das passiert eher, als es sich die Herren träumen lassen.

Vizeprokurator Soga berichtet beim Abendessen, eine "Bombe" sei geplatzt. Eine telefonische Besprechung mit der Generalstaatsanwaltschaft in Warschau habe ergeben, dass der Vorfall in Zakopane nicht zur Anklageerhebung ausreiche.

"Die Einstellung solle auch als im öffentlichen Interesse gelegen betrachtet werden." Und: "Daher würde auch zu einer Intervention auf diplomatischer Ebene, insbesondere im Zusammenhang mit dem anstehenden Besuch des polnischen Ministerpräsidenten in Wien geraten." Das also, was Kreisky bei Polens Vertretung in Wien schon getan hatte.

Der Österreichische Skiverband wird zitiert: "Für die Kaution in der Höhe von $ 5.000 wird Herr Sailer, laut Absprache mit (...) und ÖSV-Präsident Dr. Schlick, selbstverständlich voll haften."

War das Ganze eine Falle des Geheimdienstes, der von der politischen Führung zurückgepfiffen wurde? Ex-Verwaltungsattaché Tomsich (84), dazu heute befragt, sagt: "Ganz sicher nicht. Die Polen waren sehr daran interessiert, dass Sailer kommt."

War das Ganze eine Falle des Geheimdienstes? "Ganz sicher nicht".

Auch Bernd Dörler, der im März 1975 im Stern über die Affäre berichtete, war in der Botschaft in Warschau aufgetaucht. Er warf den österreichischen Behörden vor, die Sache vertuschen zu wollen. Die Beamten redeten sich mit dem Hinweis heraus, von den Polen nur "bruchstückhaft" informiert worden zu sein.

Als das Verfahren gegen Sailer von den polnischen Behörden "mit Rücksicht auf Mangel an gesellschaftlichem Interesse" eingestellt wird, gibt ÖSV-Ehrenpräsident Klee dem Außenministerium ein Konto bekannt, auf das die Kaution rücküberwiesen werden könnte. Sailer oder der Skiverband hatte die 5.000 Dollar zwischenzeitlich dem Außenministerium ersetzt. (26.1.2018)

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Das Recherche-Team

Rund acht Wochen wurde in Österreich, Polen und Slowenien recherchiert, in Archiven gestöbert, in Akten gelesen und mit Zeitzeugen sowie mit Historikern gesprochen.

In Österreich recherchierten Fritz Neumann, Sigi Lützow und Philip Bauer (DER STANDARD), Florian Skrabal und Johann Skocek ("Dossier") sowie Bernt Koschuh (Ö1). Jurek Jurecki ("Tygodnik Podhalański") und Wojciech Cieśla ("Newsweek") arbeiteten in Polen, Anuška Delić ("Delo") in Slowenien.

Besonderer Dank gilt der Rechtsanwältin Eva Plaz, die geholfen hat, den Akt zu verstehen, und der Medienrechtsexpertin Maria Windhager.