Kaum ein Tag ohne Intervention auf dem österreichischen Strommarkt

25. Jänner 2018, 14:53
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Im Vorjahr wurde an 301 von 365 Tagen ein unwirtschaftliches Kraftwerk ans Netz genommen, die Kosten haben sich auf 300 Millionen verdoppelt

Wien – Zur Aufrechterhaltung der Versorgungssicherheit in Österreich muss immer häufiger in den Strommarkt künstlich eingegriffen werden, was die Kosten in Rekordhöhen treibt. Den bisherigen Höhepunkt gab es 2017, wo an 301 Tagen interveniert werden musste, um ein drohendes Blackout zu verhindern. Nur an 64 Tagen des Jahres hielten sich Angebot und Nachfrage die Waage, sodass keine Reservekraftwerke angefahren werden mussten. Auf diese zunehmend brenzliger werdende Situation wiesen am Donnerstag die Chefin der Netzgesellschaft Austrian Power Grid (APG), Ulrike Baumgartner-Gabitzer, und Stephan Schwarzer von der Wirtschaftskammer Österreich hin.

Wegen der rasant steigenden Kosten für das sogenannte Redispatch zur Vermeidung regionaler Überlastungen einzelner Betriebsmittel im Übertragungsnetz sei eine rasche Ertüchtigung und ein forcierter Neubau von Leitungen unerlässlich. Zudem könne man auf keines der bestehenden Gaskraftwerke verzichten, auch nicht auf Mellach, obwohl es wirtschaftlich an der Kippe steht. Baumgartner-Gabitzer würde sich ein Vetorecht wünschen, um eventuelle Schließungspläne zu vereiteln, was derzeit aber nicht vorgesehen ist. Die Übertragungsnetzgesellschaft APG, ein Tochterunternehmen des Verbund, muss lediglich zwölf Monate im Voraus über eine Schließung unterrichtet werden.

Kosten auf Netztarife umgelegt

Allein im Vorjahr haben sich die Redispatch-Kosten auf 300 Millionen Euro verdoppelt. 200 Millionen Euro haben Netzgesellschaften in Deutschland für das Anfahren von Kraftwerken in Österreich gezahlt, für 100 Millionen Euro mussten österreichische Konsumenten aufkommen, weil die Kosten auf die Netztarife aufgeschlagen werden. Insgesamt machen die Netzkosten rund ein Drittel der Stromrechnung aus.

2017 sei zwar ein außerordentliches Jahr gewesen mit langer Trockenheit und vergleichsweise wenig Wind; ein deutlicher Rückgang der Interventions-Kosten am Strommarkt zeichne sich ohne Ausbau der Netze dennoch nicht ab, meint Baumgartner-Gabitzer. Die Elektrifizierung nehme weiter zu – Stichtwort Elektroautos – der Zubau an Erzeugungskapazitäten sei nicht zuletzt wegen des Klimaschutzabkommens von Paris nur mehr im Bereich erneuerbarer Energien zu erwarten. Das aber erhöhe die Volatilität im Stromnetz. In den nächsten fünf bis zehn Jahren werde man ohne schnell hochfahrbare Gaskraftwerke nicht auskommen, zumal die Entwicklung alternativer Speicher noch Zeit erfordere.

Verfahrensbeschleunigung

Von der neuen Regierung versprechen sich beide, sowohl Baumgartner-Gabitzer als auch Schwarzer, dass mit der vor langem angekündigten Verfahrensbeschleunigung ernst gemacht wird. Die 380 Kilovolt-Leitung von Salzburg nach Kaprun (Salzburgleitung) etwa harrt derzeit einer Entscheidung beim Bundesverwaltungsgericht und es sei noch immer nicht absehbar, wann die Leitung nach mehr als 60-monatigem Vorlauf gebaut werden könne. Noch geht die APG davon aus, den Baubeschluss im heurigen Herbst treffen und mit ersten Vorbereitungsarbeiten beginnen zu können. Dann wäre eine Fertigstellung der Salzburg-Leitung im Jahr 2023 möglich. (Günther Strobl, 25.1.2018)

  • Durch den Bau der sogenannten Salzburg-Leitung könnte der 380-Kilovolt-Ring in Österreich geschlossen werden, was die Versorgungssicherheit deutlich erhöhen würde.
    foto: ho

    Durch den Bau der sogenannten Salzburg-Leitung könnte der 380-Kilovolt-Ring in Österreich geschlossen werden, was die Versorgungssicherheit deutlich erhöhen würde.

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