Psychologe: "Westliche Gesellschaften fördern Narzissmus"

    25. Jänner 2018, 15:35
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    Forscher entdeckten, dass Menschen, die in Westdeutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte als ihre Mitmenschen im Osten aufweisen

    Einer Studie von Wissenschaftern der Charité Universitätsmedizin Berlin zufolge, weisen Menschen, die in den alten Bundesländern Deutschlands aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die in den neuen Ländern sozialisiert wurden.

    Während zwischen 1949 und 1989 der Westen der Republik von einer eher individualistischen Kultur bestimmt war, war der Osten Deutschlands von einer kollektivistische Ausrichtung geprägt. Das zeigt sich laut den Forschern im Selbstwertgefühl der Menschen und in der Ausprägung des Persönlichkeitsmerkmals "Narzissmus". In der jungen Generation gleichen sich die Werte seit der deutschen Einheit an, betonen die Wissenschafter.

    Narzissmus bezeichnet grundsätzlich eine übersteigerte Selbstliebe und Ichbezogenheit. Von einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung wird dann gesprochen, wenn die Fähigkeit zur Empathie stärk eingeschränkt ist, die eigenen Fähigkeiten stark überschätzt werden und ein extrem gesteigertes Verlangen nach Anerkennung das Handeln bestimmt.

    Narzissmus und Selbstwertgefühl

    "Moderne westliche Gesellschaften fördern die Ausprägung von Narzissmus. So weisen Menschen, die in den Bundesländern westlich der innerdeutschen Grenze aufgewachsen sind, höhere Narzissmus-Werte auf als Menschen, die eine Erziehung in der ehemaligen DDR erlebt haben", sagt Studienleiter Stefan Röpke. "Gezeigt hat sich dies in unserer Studie vorrangig für den sogenannten grandiosen Narzissmus, der durch starke Selbstüberschätzung gekennzeichnet ist", ergänzt der Psychologe.

    Was die Forscher noch herausgefunden haben: Im Osten des Landes ist das Selbstwertgefühl höher ausgeprägt als im Westen. Für ihre aktuelle Untersuchung haben die Forscher Daten aus einer anonymen Internetumfrage in der deutschen Bevölkerung herangezogen. Von den mehr als eintausend befragten Personen stammten knapp 350 aus der ehemaligen DDR, 680 Studienteilnehmer waren in der alten Bundesrepublik aufgewachsen.

    Unterschieden wurde bei der Auswertung zwischen einem subklinischen, unterschwelligen Narzissmus, der zur Persönlichkeit gehört und oft als gesunder Narzissmus bezeichnet wird, und der pathologischen Selbstüberschätzung. Der Selbstwert der befragten Personen wurde mit einer in der Forschung anerkannten Selbstwertskala ermittelt.

    Erhöhte Narzissmus-Werte im Westen

    Ein weiteres Ergebnis: Es zeigte sich ein klarer Alterskohorten-Effekt: "Keinen Unterschied sehen wir in der jungen Generation, die zum Zeitpunkt des Mauerfalls noch nicht geboren oder noch nicht in der Schule war und somit unter gleichen westlichen Bedingungen aufgewachsen ist. Hier sind Narzissmus und Selbstwert in Ost und West gleich ausgeprägt", konstatiert Aline Vater, Erstautorin der Studie.

    "Insgesamt sprechen die Ergebnisse der Untersuchung dafür, dass gesellschaftliche Faktoren die Ausprägung von Narzissmus und Selbstwert beeinflussen. Westliche Gesellschaften scheinen erhöhte Narzissmus-Werte in der Bevölkerung zu fördern", resümiert Röpke. (red, 25.1.2018)

    • Grundsätzlich ist jeder Mensch narzisstisch –  das ist Teil der Selbstliebe. Problematisch wird es, wenn der Narzissmus pathologische Formen annimmt.
      foto: getty images/istockphoto

      Grundsätzlich ist jeder Mensch narzisstisch – das ist Teil der Selbstliebe. Problematisch wird es, wenn der Narzissmus pathologische Formen annimmt.

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