Migration: Vorbild Schweden? Lieber nicht!

    Kommentar der anderen24. Jänner 2018, 17:11
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    Den Schweden ist der Mythos des idealen Landes wichtiger als die Realität. Diese Diagnose lässt sich auch mit dem Umgang mit Einwanderern illustrieren. Erfahrungsbericht eines Forschungsmigranten

    Im Juli letzten Jahres dämmerte mir erstmals, dass der Herr Kurz wohl Bundeskanzler werden würde. Ich war kein großer Fan, zugegeben, und werde nur mehr schwer einer werden. Dennoch, die Chance, sich bei mir ins "gute Buch" einzutragen, hat sich jeder Kanzler verdient.

    Sie sehen, ich bin skeptisch. Aber im November 2015 verteidigte ich Herrn Kurz. Konkret war das in Göteborg, wo meine Familie und ich zwei, drei Monate zuvor hingezogen waren. Eines Jobs wegen, dessen Beschreibung, wie bei so vielem in Schweden, der Realität ganz und gar nicht standhielt. An jenem grauen Novembervormittag saß ich jedenfalls im Café Hebbe Lelle, und zwei deutsche Studentinnen – mit der Kieler Fähre für ein verlängertes Wochenende herübergekommen – warfen mir vor, fremdenfeindlich zu sein.

    Was hatte ich gesagt? Ich hatte dem damaligen Außenminister, der zuvor bei Anne Will zu Gast war, in einem Punkt den Rücken gestärkt. Kurz sagte, was jeder denkende Geist wissen musste, sich aber nur wenige Nicht-rechts-außen-Politiker zu sagen trauten: nämlich dass eine unbegrenzte, unkontrollierte Flüchtlingswelle keine gute Idee sei. Merkels "Wir schaffen das" war wohl ein guter Anfang, aber es fehlte und fehlt noch immer an menschenwürdigen Ideen und dem Willen, mit denen Europa diese andauernde Krise bewältigen könnte.

    Mythos des idealen Landes

    Schweden hat 2015 pro Kopf doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Österreich oder Deutschland. Von Deutschland wissen das alle, von Österreich international niemand. Warum hat Schweden das getan? Weil es das beste Land ist? Das liberalste, ja? Weit gefehlt.

    Heute ist Schweden vor allem eine Technokratie, wo der Mensch nicht wichtig ist: Mag der Nachbar nicht, wie du deine Kinder erziehst, können sie auf Monate weg sein; hat man einen korrupten Chef, sagt der Chef vom Chef: Ist eben so. Bist du eine 106-jährige (!) afghanische Flüchtlingsfrau, wirst du abgeschoben. Negativer Bescheid ist eben negativer Bescheid. Dafür gibt eine eigene Ministeriumsabteilung, die Nachlässe abwickelt und ständig wächst, weil immer mehr Schweden vereinsamt sterben: Das soziale Gefüge haben die idiotisch-naiven Gesetze der letzten 20 Jahre im Rahmen einer angeblichen "Förderung des Individuums" zerstört.

    Wie passt das mit dem überaus positiven Bild des Landes zusammen? Den Schweden ist der Mythos des idealen Landes wichtiger als die Realität. In Österreich ist das anders: Das Land ist sehr viel besser als sein Ruf. Eben genau, wie es der Bundespräsident gesagt hat: "Unser schönes Österreich."

    Letzteres könnte sich nun leider ändern. Ob "konzentrierte" Massenunterkünfte für Migranten (Kickl), das Verbotsgesetz als einzige "rote Linie" (Kurz) oder "Tempo 140" (Hofer): Die bisherigen Signale dieser Regierung sind verheerend. Massenquartiere? Gehen Sie einmal bei Ihrem nächsten Göteborg-Besuch in die Vororte Angered oder Biskopsgården. Die Straßenbahn braucht 30 Minuten dorthin, das ist lang in dieser Gegend. Ein paar Stationen vor der Endhaltestelle werden Sie merken, dass kein schwedisch aussehender Mensch mehr drinnen sitzt. Über Biskopsgården erklärte der Polizeichef im Jahre 2015, dass die Lage außer Kontrolle geraten sei. Nun, im Jänner 2018, soll das schwedische Militär in diesen Gebieten mithelfen.

    Ein vernichtendes Urteil

    Das ist der Hintergrund, vor dem die rechtsextremen Schwedendemokraten Stimmen lukrieren, aufgrund des Versagens aller gemäßigten Parteien. Obwohl die Zuwanderer (teuer) staatlich unterstützt werden, sind sie unglücklich. Sie spüren, dass sie in dieser Gesellschaft keine echte Chance haben: nicht auf drei, vier Generationen. Viele wollen wieder weg. Ich bin mit ihnen in den sogenannten Sprachkursen gesessen. Als Sprachlehrer und -forscher darf ich sagen, dass die Kurse enorm schlecht waren, wohl ein Beschäftigungsprogramm für die Schweden.

    Isolation findet sich auf allen Ebenen: "Inte svensk" – "nicht-schwedisch" ist ein vernichtendes Urteil, das bis in die kleinsten Bereiche reicht. Paketabholung auf der Post mit EU-Führerschein? Fehlanzeige. Kein schwedischer Ausweis: Pass holen! Ganz wichtige Bereiche bleiben nicht verschont: Meine Kinder kommen im Kindergarten in eine von drei neuen Gruppen. Gut. Aber warum heißen bei uns die Kinder Ramazan, Rahaf, Lamar, Mohamed – alle 16 frisch zugewandert, keiner kann Schwedisch? In den beiden anderen Gruppen waren es ausschließlich Emils, Johannas, Felicias, Jonasse, Sophies. Das ist institutionalisierter Rassismus: Diskriminierung mit Staatsgeldern. Alles nur "Zufall", wurde mir versichert. Muss daher so bleiben. "Utrikes", ausländisch, ist ein vernichtendes Urteil. Nach zwei Jahren gingen wir zurück in unser kanadisches Paradies.

    Aus all dem sollten wir lernen. Massenquartiere – eine Schnapsidee. Das Verbotsgesetz als Grenze? Das ist so wie Verteidigen auf der Torlinie. Besser die Viererkette vorm 16er aufstellen. Tempo 140? Mehr CO2, mehr Unfälle. Jung und unerfahren? Lieber Herr Bundeskanzler, zeigen Sie uns, dass diese Einschätzung dieser jungen Regierung falsch ist. (Stefan Dollinger, 24.1.2018)

    Stefan Dollinger, in Oberösterreich geboren, ist Professor für Englische Sprachwissenschaft an der UBC Vancouver.

    • Schweden hat 2015 pro Kopf doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Deutschland oder Österreich (im Bild: Ankunft von Einwanderern am Bahnhof von Malmö). Der Umgang mit diesen ist allerdings  nicht so human  wie gemeinhin angenommen – Stichwort Migrantenghettos.
      foto: reuters

      Schweden hat 2015 pro Kopf doppelt so viele Flüchtlinge aufgenommen wie Deutschland oder Österreich (im Bild: Ankunft von Einwanderern am Bahnhof von Malmö). Der Umgang mit diesen ist allerdings nicht so human wie gemeinhin angenommen – Stichwort Migrantenghettos.

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