"Todesqualle" bedroht Australiens Tourismus

    24. Jänner 2018, 20:08
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    Die Irukandji-Qualle scheint aufgrund gestiegener Meerestemperaturen ihren Lebensraum auszuweiten

    Professor Jamie Seymour muss genau hinsehen. In einer Glasampulle schwimmt, kaum sichtbar, ein kleiner durchsichtiger Fetzen. Es ist eine Irukandji-Qualle – nicht größer als ein Fingernagel, aber eines der giftigsten Tiere der Welt, 100-mal toxischer als eine Kobra. Wer mit ihr in Berührung kommt, erlebe die Hölle auf Erden, so der Meeresbiologe. Seymour hat selbst schon Bekanntschaft mit der Qualle gemacht. Von der Intensivstation aus beschrieb der Wissenschafter seine Schmerzen als "Stärke zehn auf der Skala von eins bis zehn. Zwischen sechs und zwölf Stunden lang."

    Fund von Jungtier deutet auf Brutstätte hin

    Das Meerestier war vor der Fraser-Insel gefangen worden. Es sei das zweite Exemplar dieser Quallenart in zwei Jahren. Laut Seymour handelt es sich um ein junges Exemplar. "Nicht älter als ein oder zwei Wochen. Irgendwo in der Nähe der Insel könnte es eine Brutstätte geben." Die Fraser-Insel vor der Ostküste gilt als eines der beliebtesten Reiseziele auf dem fünften Kontinent. Tausende von Touristen besuchen jedes Jahr die größte Sandinsel der Welt.

    Irukandji-Quallen leben normalerweise in den tropischen Gebieten, in den warmen Gewässern zwischen dem Barrier Reef und der Küste des Bundesstaates Queensland. Die Fraser-Insel liegt etwa 1000 Kilometer südlich, in kühleren Gewässern.

    Auch wenn die Zusammenhänge wissenschaftlich noch nicht bewiesen sind: Forscher wie Seymour vermuten, dass Klimaveränderungen für die Entwicklung verantwortlich sind – zumindest indirekt. Denn wegen der steigenden Wassertemperaturen weiteten die Tiere ihren Lebensraum in die bisher kühleren Meeresgebiete im Süden aus – und damit in einige der wichtigsten Touristenregionen des Landes. Einige Kommentatoren fürchten, Irukandji könnten bis zur Gold Coast hinuntertreiben, vor einige der beliebtesten und besten Surfstrände der Welt.

    Starke Schmerzen

    Es gibt mehrere Quallenarten, die das sogenannte Irukandji-Syndrom auslösen können: Atemprobleme, rasender Puls, starke Magen- und Muskelkrämpfe, heftiges Erbrechen sowie überwältigende Panik und Todesangst. Die Schmerzen seien so stark, "dass manche Patienten den Arzt anflehten, sie zu sterben zu lassen", so ein Experte. Etwas Linderung biete das Übergießen der betroffenen Körperteile mit Essig.

    Die meisten Betroffenen müssten im Krankenhaus versorgt werden. Zehn bis 15 Prozent der Patienten litten unter Herzproblemen. 2016 starben im Gebiet des Barrier Reef binnen weniger Minuten zwei französische Touristen beim Schnorcheln. Experten glauben, sie seien mit einem Irukandji in Kontakt gekommen. Ein tödlicher Ausgang sei aber die Ausnahme.

    "Kein Grund zur Panik"

    Die Tourismusindustrie ist über den Fund besorgt. "Zu Panik besteht aber kein Grund", sagt Daniel Gschwind, Vorsitzender des Verbandes der Tourismusunternehmen von Queensland. Badenden empfiehlt er das Tragen eines Ganzkörperschwimmanzugs. "Wir müssen die Leute aufklären, über alle Gefahren, die es in Australien gibt", sagt er. Er weist darauf hin, dass die weitaus größte Gefahr für europäische Touristen der Straßenverkehr sei: "Etwa wenn die Leute plötzlich auf der falschen Straßenseite fahren."

    Tourismus ist in Queensland ein Milliardengeschäft. Für die Reiseindustrie ist die Entwicklung ein weiterer Schlag. Die ebenfalls vorwiegend durch höhere Wassertemperaturen ausgelöste Korallenbleiche hat im 344.000 Quadratkilometer großen Barrier Reef weite Flächen in Mitleidenschaft gezogen. Einige Wissenschafter fürchten, das Riff könnte bis 2050 komplett zerstört sein. (Urs Wälterlin aus Sydney, 25.1.2018)

    • "Die Hölle auf Erden", beschreibt ein Biologe die Schmerzen nach einem Kontakt mit der winzigen Irukandji-Qualle, einer Würfelquallenart.
      lisa-ann gershwin / afp / pictur

      "Die Hölle auf Erden", beschreibt ein Biologe die Schmerzen nach einem Kontakt mit der winzigen Irukandji-Qualle, einer Würfelquallenart.

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