Undercover bei Londoner Charity-Dinner: Ein Saal voll grapschender Männer

24. Jänner 2018, 14:53
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Eine Journalistin der "Financial Times" war als Hostess auf einem Galadinner für Männer. Ihre Enthüllungen ziehen mittlerweile Konsequenzen nach sich

Frauen müssen beim "Presidents Club Charity Dinner" draußen bleiben – außer sie bringen die Drinks und stehen den männlichen Galagästern als Hostessen zur Seite. Das tat auch Madison Marriage, Journalistin der "Financial Times". Weil es bereits Gerüchte darüber gab, dass es beim seit 33 Jahren stattfindenden Charity-Dinner vermehrt zu sexueller Belästigung kommt, nahm sie undercover als Angestellte teil. Was sie an dem Abend erlebte, sorgt in Großbritannien aktuell für Aufsehen. Die Spenden, die an diesem Abend für das Great Ormond Street Hospital gesammelt wurden, will das Krankenhaus deswegen nicht mehr annehmen.

360 bekannte britische Männer aus Politik, Wirtschaft und der Entertainmentindustrie nahmen am Dinner teil – ihnen gegenüber standen 130 speziell ausgewählte Hostessen. Die drei Anforderungen, um ausgewählt zu werden: "Groß, dünn und hübsch". Sie wurden angehalten, schwarze, sexy Unterwäsche und Highheels mitzubringen. Ihr Make-up solle aussehen, als würden sie einen Abend in einem "smart-sexy place" verbringen. Knappe schwarze Kleider und Gürtel erhielten die Frauen vor Ort.

Grapschen und Geld

Sechs Stunden lang hätten sich viele der Hostessen lüsterne Bemerkungen anhören müssen, es sei außerdem zu vielen Berührungen gekommen. "Eine Hand konnte schnell am Schenkel oder auf der Hüfte landen", sagt Marriage in einem Interview zu ihrem Besuch des Events. Eine Hostess gab außerdem an, dass ein Gast ihr seinen Penis gezeigt habe. Eine andere Frau wurde von einem Gast gefragt, ob sie eine Prostituierte sei.

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Die Auktionen, mit denen die Spenden eingetrieben werden, lassen bereits erkennen, in welche Richtung das Verhalten der Gäste geht: Ersteigert werden konnte demnach ein Abend in einem bekannten Londoner Stripclub oder ein Gutschein für eine Schönheitsoperation mit dem Nachsatz, damit könne man der Ehefrau wieder mehr Feuer verleihen.

Erste Konsequenzen

Den Hostessen wurde vor der Veranstaltung gesagt, dass manche Gäste wahrscheinlich "nerven" würden. "Manche Frauen lieben diese Arbeit, für andere ist es der schlimmste Job auf der Welt, und sie machen ihn nie wieder", zitiert die "Financial Times" die Gründerin der Hostessen-Agentur Artista. Die Smartphones der Hostessen wurden während der Veranstaltung weggesperrt.

Vonseiten des Presidents Club hieß es, man sei entsetzt über das Verhalten einiger Gäste. Dies sei komplett inakzeptabel und werde voll und ganz untersucht. Der Präsident des Clubs, David Meller, kündigte am Mittwoch an, seinen Job im Bildungsministerium aufgrund der Ereignisse aufzugeben. Die Gründerin der Agentur zog ein anderes Fazit: "Wir verfolgen einen klaren Verhaltenskodex. Ich habe keine Kenntnis von Vorfällen von sexueller Belästigung, und bei diesen hochkarätigen Gästen würde mich das auch erstaunen", sagte sie der "Financial Times". Sie hob außerdem die Bedeutung des Events hervor, weil dadurch mehrere Millionen für kranke und benachteiligte Kinder gesammelt würden. (lhag, 24.1.2018)

  • Die Spenden des Abends gingen unter anderem an das Great Ormond Street Hospital. Nach dem Bericht in der Financial Times will man das Geld nun aber zurückgeben.
    foto: reuters/neil hall

    Die Spenden des Abends gingen unter anderem an das Great Ormond Street Hospital. Nach dem Bericht in der Financial Times will man das Geld nun aber zurückgeben.

  • Im Londoner Hotel Dorchester fand die Gala statt.
    foto: ap/philip toscano

    Im Londoner Hotel Dorchester fand die Gala statt.

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