Künstliches Pockenvirus könnte sich als globale Bedrohung erweisen

24. Jänner 2018, 11:14
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Wissenschafter befürchten, dass die Veröffentlichung zu rekonstruiertem Erreger eine Gefahr für die Zukunft ist

Edmonton – Er gilt als einer der tödlichsten Krankheitserreger der Menschheitsgeschichte: Alleine im 20. Jahrhundert sollen am Pockenvirus bis zu 500 Millionen Menschen gestorben sein. Einer globalen Impfkampagne durch die WHO ist es zu verdanken, dass die Pocken seit 1977 als ausgestorben gelten. Offiziell existieren seit 1980 nur mehr an zwei Orten Pockenviren: Am Forschungszentrum der US-amerikanischen Seuchenbehörde CDC (Centers for Disease Control and Prevention) in Atlanta und an ihrem russischen Gegenstück VECTOR in Kolzowo südöstlich von Nowosibirsk.

Seit vergangenem Jahr aber warnen Wissenschafter davor, dass der Erreger künftig auch künstlich hergestellt werden könnte. Anlass für diese Befürchtungen geben Experimente, die kanadische Virologen im Juli an der University of Alberta in Edmonton durchgeführt haben: Die Forscher um David Evans haben aus DNA-Fragmenten das ebenfalls ausgestorbene und für Menschen ungefährliche Pferdepockenvirus rekonstruiert. Nun wurde ihre Arbeit im Fachjournal "PLOS One" präsentiert.

Tödliche Erreger vom Reißbrett

Indem die Wissenschafter einzelne Genabschnitte zusammengefügt haben, stellten sie nach eigenen Angaben das bislang größte künstliche Virus her. Die Fachwelt beurteilt diesen Erfolg mit gemischten Gefühlen. Während der Zweck hinter den Experimenten nach Angaben von Evans und seinem Team darin liegt, die Grundlagen für künftige sichere Viren-Impfstoffe zu legen, sehen Kritiker darin eine Methode, die sich dazu missbrauchen ließe, auch für Menschen tödliche Erreger gleichsam am Reißbrett zu entwerfen und im Labor aus vorhandenem Erbmaterial zusammenzubauen.

"Es ist eine schöne neue Welt dort draußen, die einigen Personen mittlerweile die Möglichkeit bietet, Organismen zu rekonstruieren, die es in der Vergangenheit gegeben hat, oder auch solche, die nie zuvor existiert haben", erklärte Tom Frieden, der frühere Leiter des CDC gegenüber der "Washington Post" kurz nach der Verkündung des Erfolges. Nach der nun erfolgten Veröffentlichung der Forschungsdaten mehren sich die Stimmen, die meinen, dies sei ein gefährlicher Weg, den manche beschreiten.

"Schwerer Fehler"

Zum einen sei die Notwendigkeit für solche Versuche schwer ersichtlich, immerhin seien Impfstoffe gegen das Pockenvirus und andere Erreger bereits vorhanden. Der Infektiologe Thomas Inglesby von der Johns Hopkins University nennt die Publikation der Arbeit gar einen "schweren Fehler": "Die Welt ist nun verwundbarer geworden gegenüber dem Pockenvirus", meint er gegenüber "Science".

Auch aus Europa kommt Kritik: Andreas Nitsche vom Robert Koch-Institut in Berlin glaubt, dass nun ein für Kundige nutzbarer Grundriss vorliege: "Wenn jemand das Pockenvirus wieder auferstehen lassen will, dann hat er den entsprechenden Bauplan nun an einem Ort beisammen." Evans und seine Kollegen lassen sich von den Einwänden aber nicht abschrecken, im Gegenteil: "Wir wollen nun in unserem Forschungslabor diese Technologie auch bei anderen Pockenviren einsetzen", erklärt er in einer Aussendung.

Dass die nun vorliegenden Erkenntnisse missbräuchlich verwendet werden könnten, hält auch der aktuelle Leiter des CDC, Michael Osterholm, für möglich: "Wir hätten eigentlich nicht erwartet, dass dieser Nachbau von einer Universität wie Alberta kommt. Sie ist nicht unbedingt eine führende Institution für Mikrobiologie und synthetische Biologie. Wir fragen uns schon: An welchen Orten werden nun ähnliche Arbeiten durchgeführt?" (tberg, 24.1.2018)

  • Das Pockenvirus gilt seit den 1970er-Jahren als ausgestorben. Die synthetische Rekonstruktion des Pferdepockenvirus in Kanada eröffne nach Meinung einiger Forscher allerdings die Möglichkeit, es künstlich herzustellen.
    foto: apa/afp/center for disease

    Das Pockenvirus gilt seit den 1970er-Jahren als ausgestorben. Die synthetische Rekonstruktion des Pferdepockenvirus in Kanada eröffne nach Meinung einiger Forscher allerdings die Möglichkeit, es künstlich herzustellen.

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