5.000 Menschen nach türkischer Offensive aus Afrin in Syrien geflohen

    24. Jänner 2018, 13:33
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    Türkischer Armee zufolge wurden bei der Offensive 260 kurdische Kämpfer getötet – Auch westliche Kämpfer im Einsatz

    Afrin/Damaskus – Bei der türkischen Militäroffensive in der nordsyrischen Region Afrin sind nach türkischen Armeeangaben mindestens 260 Kämpfer der Kurdenmiliz YPG sowie des IS getötet worden. Syrische Rebellen weisen diese Angaben als Lüge zurück.

    Die radikalislamische IS-Miliz sei nicht in Afrin, teilten die Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF) am Mittwoch mit. Die Behauptung der türkischen Armee, sie habe IS-Kämpfer in Afrin getötet, sei eine Lüge, um die Weltöffentlichkeit in die Irre zu führen, sagte der führende SDF-Vertreter Redur Xelil am Mittwoch. "Die ganze Welt weiß, dass Daesch nicht in Afrin präsent ist", sagte Xelil und benutzte den arabischen Namen der Extremistenorganisation.

    Seit vier Tagen wird gekämpft

    Die Operation in Afrin gehe auch am vierten Tag wie geplant voran, erklärte das Militär am Dienstag. Nach Uno-Schätzungen waren in den vergangenen Tagen rund 5.000 Menschen aus der kurdischen Enklave in umliegende Dörfer geflohen.

    Weitere 1.000 Menschen seien in Viertel der syrischen Stadt Aleppo vertrieben worden, sagte Uno-Sprecher Stéphane Dujarric am Dienstag. Humanitäre Helfer seien sehr besorgt über das Schicksal von rund 324.000 Menschen in der Region, die von der YPG kontrolliert wird. Mehrere dieser Zivilisten seien in vergangenen Tagen getötet worden, sagte Dujarric.

    Nach Informationen der in Großbritannien ansässigen Syrischen Beobachtungsstelle für Menschenrechte gab es bisher 23 Tote unter den Zivilisten. Die Informationen der Stelle sind von unabhängiger Seite kaum überprüfbar.

    Türkische Streitkräfte: "Nur Terroristen"

    Die türkischen Streitkräfte betonten, die Operation bekämpfe ausschließlich Terroristen. Man unternehme alle Anstrengungen, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

    Die Armee hatte die Operation Olivenzweig am Samstag begonnen und YPG-Stellungen in der Region Afrin mit Artillerie und aus der Luft angegriffen. Am Sonntag folgte eine Bodenoffensive. Der Angriff richtet sich gegen die YPG und die von ihr dominierten Syrischen Demokratischen Streitkräfte (SDF), die von den USA unterstützt werden.

    Die YPG ist der syrische Ableger der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Die PKK ist in der Türkei, der EU und in den USA als Terrororganisation eingestuft.

    Nach Worten des türkischen Außenministers Mevlüt Çavuşoğlu könnte die Offensive auf die Stadt Manbij und die Gebiete östlich des Euphrats ausgeweitet werden. Dort feuere die YPG "ständig Strohfeuer" ab. Auf die Frage, ob dies Widerspruch des Nato-Partners USA hervorrufen könne, sagte er: "Ich muss mit niemandem übereinstimmen. Unsere Verpflichtung ist es, jede Bedrohung der Türkei zu beseitigen."

    Auch westliche Kämpfer im Einsatz

    Nach Angabe der SDF werden die Kurden in ihrem Kampf auch von Freiwilligen aus den USA, Großbritannien und Deutschland unterstützt. "Dutzende" westliche Kämpfer, die bisher im Einsatz gegen den "Islamischen Staat" (IS) gewesen seien, seien in die Region Afrin gekommen.

    "Es war der Wunsch eines Teils der ausländischen Kämpfer, die in Raqqa gekämpft haben und die in Deir al-Zor kämpfen, nach Afrin zu kommen", sagte SDF-Vertreter Xelil. "Es handelt sich um Amerikaner, Briten, Deutsche, verschiedene Nationalitäten aus Europa, Asien und Amerika", sagte Xelil.

    USA warnen

    Die USA haben davor gewarnt, den Kampf gegen die Extremistenmilizen IS und Al-Kaida darüber aus dem Blick zu verlieren. US-Präsident Donald Trump will am Mittwoch mit seinem türkischen Amtskollegen Recep Tayyip Erdoğan telefonieren.

    Die Verwaltung in den von Kurden kontrollierten Gebieten Syriens rief unterdessen die Generalmobilmachung aus. "Wir fordern unser gesamtes Volk auf, Afrin und seine Würde zu verteidigen", heißt es in dem Appell. Die syrischen Kurden haben seit dem Beginn des Bürgerkriegs drei autonome Bezirke geschaffen, darunter Afrin im Nordwesten Syriens an der Grenze zur Türkei.

    Deutsche Grüne fordern Waffenstopp in die Türkei

    Die deutschen Grünen fordern angesichts der türkischen Offensive die Einstellung von Rüstungslieferungen an den Nato-Partner. "Auch keine Nachrüstung der Leopard-Panzer", sagte Bundesgeschäftsführer Michael Kellner am Mittwoch in Berlin. Das türkische Militär ist mit dem deutschen Kampfpanzer Leopard 2 ausgerüstet.

    In den Medien waren Bilder von türkischen Leopard-2-Panzern aufgetaucht, die bei der Offensive gegen die Kurdenmiliz YPG aufgenommen sein worden sollen. "Ich fordere die Groko auf: Keine Waffenlieferungen an Diktatoren", erklärte Kellner. (APA, Reuters, red, 24.1.2018)

    • Syrische Kämpfer der kurdischen YPG in Afrin am Dienstag.
      foto: afp/ahmad shafia bilal

      Syrische Kämpfer der kurdischen YPG in Afrin am Dienstag.

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