Bildungswissenschafter: "Hier können Risiken der Demokratie beginnen"

    24. Jänner 2018, 10:04
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    Bernhard Koch erklärt, wie Kleinkinder zu guten Demokraten werden. Wichtig seien gut ausgebildetes Personal und ein genauerer wissenschaftlicher Blick

    STANDARD: Der Ausbau der Kinderbetreuungsplätze ist ein Versprechen, das Politiker gerne abgeben. Sie sagen, wir sollten mehr über die Bedeutung des Kindergartens für die Demokratie reden - warum?

    Koch: Der Ausbau ist zwar wichtig, aber wir dürfen auf die Qualität nicht vergessen. Der Kindergarten ist jener Ort, an dem Kinder ihre Demokratie- und Partizipationsfähigkeiten entwickeln. Hier können Risiken der Demokratie beginnen, beziehungsweise minimiert werden. Das braucht auch eine entsprechende Aus- und Fortbildung des Personals.

    STANDARD: Welche Erfahrungen braucht es im Kleinkindalter, um ein guter Demokrat zu werden?

    Koch: Kinder müssen kennenlernen, was Selbstbestimmung, Mitbestimmung und das Übernehmen von Verantwortung bedeuten. Etwa beim Morgenkreis, den es in allen Kindergärten gibt: Dabei entsteht ein Ort der herrschaftsfreien Kommunikation. Hier können auch die leisen Kinder zu Wort kommen, jeder zählt gleich viel.

    STANDARD: Ist den Pädagoginnen überhaupt bewusst, dass sie im Kindergarten solch wertvolle Arbeit für die Demokratie leisten?

    Koch: Es gibt in Österreich leider keine repräsentativen Untersuchungen dazu, wie Partizipation und Demokratie in den Kindergärten umgesetzt wird. Genauso wenig wissen wir übrigens über die politische Bildung des elementarpädagogischen Personals. Diejenigen, die eine Bildungsanstalt für Elementarpädagogik besuchen, lernen politische Bildung immerhin als Querschnittsmaterie und im Fach Geschichte. Aber 40 Prozent des Personals im Kindergarten haben nur die Pflichtschule absolviert. Da ist davon auszugehen, dass politische Bildung nur sehr rudimentär gelernt wurde.

    STANDARD: Demokratiefähigkeit heißt auch, ich bin fähig, mir eine eigene Meinung zu bilden. Gleichzeitig hat laut Pisa-Studie fast ein Viertel der Jugendlichen nur geringe Lesekompetenzen. Welchen Anteil hat der Kindergarten daran?

    Koch: Auch das wissen wir nicht. Es könnte durchaus sein, dass in Österreich die "literacy" im Kindergarten zu kurz kommt. Es gibt in deutschen Studien durchaus Hinweise darauf, dass die emotionale Unterstützung sehr gut, die kognitive Anregung aber eher unterdurchschnittlich ist.

    STANDARD: Dann können Sie auch nur mutmaßen, wie es zu einem solchen Defizit kommen kann?

    Koch: Die Ursachen können vielfältig sein. Etwa ein Mangel an Ressourcen oder zu wenig Personal für zu viele Kinder. Es kann auch mit der Ausbildung zu tun haben oder mit den Schwerpunktsetzungen einzelner Kindergärten. (Karin Riss, 24.1.2018)

    Bernhard Koch ist Bildungswissenschafter an der Universität Innsbruck. Sein Buch "Kindergarten und Demokratie in einer Zeit der Unsicherheit" versteht er als Beitrag zum 100-Jahr-Jubiläum der Republik.

    • "Kinder müssen kennenlernen, was Selbstbestimmung, Mitbestimmung und das Übernehmen von Verantwortung bedeuten", sagt Bildungswissenschafter Bernhard Koch.
      foto: koch

      "Kinder müssen kennenlernen, was Selbstbestimmung, Mitbestimmung und das Übernehmen von Verantwortung bedeuten", sagt Bildungswissenschafter Bernhard Koch.

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