Einsteins Wien und das Ringelspiel der Relativitätstheorie

25. Jänner 2018, 06:00
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Wissenschaftliche Triumphe, politischer Fanatismus und zwei Mordfälle stehen im Zentrum eines Films über Albert Einsteins Wiener Weggefährten

Wien – "Wenn der Teufel seine Pflicht thäte", so schreibt Albert Einstein an seinen Freund und Physik-Kollegen Paul Ehrenfest am 18. Mai 1914, "hätte er mich längst geholt, weil ich so einem lieben Menschen, wie Du bist solange nicht antworte." Dass der gebürtige Wiener einige Jahre zu Einsteins engsten Freunden zählte, zeigt sich auch an Anreden wie "Lieber Ehrenfest! Du Goldmensch, Du Engel" – so beginnt etwa ein Brief aus dem März 1921.

Obwohl Einstein Wien nur wenige Male besucht hat, stammten einige seiner wichtigsten Freunde von hier. Wer Einsteins Wiener Weggefährten waren und welchen Einfluss sie auf ihn hatten, wird in einem neuen Film aufgerollt, der am 25. Jänner in Wien präsentiert und ab 30. Jänner mehrmals auf ORF 3 ausgestrahlt wird.

Von Mach bis Meitner

Die 45-minütige Dokumentation "Einsteins Wien" ist die filmische Premiere des an der Universität Wien tätigen Mathematikers Karl Sigmund, die in Zusammenarbeit mit seiner Frau, der Historikerin Anna Maria Sigmund, entstanden ist. Im Zuge der Recherche zu seinem vielbeachteten Buch "Sie nannten sich Der Wiener Kreis" (Springer-Verlag, 2015) wurde er vom Schöpfer der allgemeinen Relativitätstheorie regelrecht verfolgt, wie er erzählt: "Einstein hat sich immer wieder in mein Buch hineingedrängt, schließlich ist er in jedem Kapitel aufgetaucht."

Da Sigmund das Material nicht in einer weiteren Buchpublikation verwenden wollte, machte er sich an den Drehbuchentwurf. Der nun entstandene Film besteht aus fünf Abschnitten, die fünf Personen zugeordnet sind: Ernst Mach, Friedrich Adler, Hans Thirring, Moritz Schlick und Kurt Gödel. Von Erwin Schrödinger bis Lise Meitner kommen daneben noch etliche weitere Wiener Protagonisten vor. Doch die eigentliche Hauptrolle spielt die Physik, die Einstein und seine Weggefährten umgetrieben hat.

Physik im Dunkeln

In einem Film noir werden hier zentrale physikalische Erkenntnisse des 20. Jahrhunderts nachgezeichnet. Diese Handlung muss bei Nacht in Szene gesetzt werden, geht es doch um die Physik des Weltalls und die Poesie des Sternenhimmels, und nicht zuletzt wartet der Plot auch mit zwei Morden auf – "genug für einen Tatort-Krimi", sagt Sigmund.

Bleiben wir zunächst bei der Physik: Indem er Newtons Begriff des absoluten Raums infrage stellte, wurde der österreichische Physiker und Philosoph Ernst Mach quasi zum geistigen Ziehvater Einsteins. Seine Ausführungen haben den jungen Einstein derart fasziniert, dass er eine Physik schaffen wollte, die dieser Philosophie gerecht wird. Entstanden ist dabei bekanntermaßen die Relativitätstheorie, der zufolge Raum und Zeit nicht unabhängig voneinander betrachtet werden können – zudem wird die Raumzeit von Massen gekrümmt. Die Vorstellung eines absoluten Raumes, der weder durch die Zeit noch durch Masse verändert werden kann, war damit obsolet geworden.

"Hams oans gsehn?"

In einer anderen Angelegenheit wiederum hat Einstein Mach widerlegt: Während Mach im zu Ende gehenden 19. Jahrhundert die Frage, ob Atome existieren, mit der Äußerung "Hams oans gsehn?" zu quittieren pflegte, konnte Einstein in einer seiner ersten Arbeiten 1905 die Größe und Geschwindigkeit von Atomen berechnen – aufgrund der Zitterbewegungen, die im Mikroskop sichtbar sind. Auf Anhieb war die Community dadurch von der Existenz von Atomen überzeugt.

Bewegungen, Geschwindigkeiten, Fliehkräfte ziehen sich ohnehin wie ein roter Faden durch Einsteins Wien: Gleich zu Beginn wird man durch ein Walzer tanzendes Paar in den Film hineingezogen. Und natürlich der Prater, Ringelspiel. In der Ferne die Urania mit geöffneter Kuppel. Hier hätte Einstein 1921 seinen ersten Vortrag in Wien halten sollen – doch der Rummel um ihn war so groß, dass der Vortrag ins Konzerthaus verlegt werden musste.

Attentate und Umwege

Gemessen daran, was schon alles über Einstein gesagt und geschrieben worden ist, überrascht es, wie unterbelichtet bislang Einsteins Wien-Bezüge geblieben sind. Neben Ehrenfest wäre etwa seine Freundschaft mit Friedrich Adler zu nennen, dem Sohn des Gründers der österreichischen Sozialdemokratie, Victor Adler – die beiden kannten sich aus ihrer Studienzeit in Zürich.

Nachdem Friedrich Adler im Oktober 1916 aus Protest gegen die Kriegspolitik den k. k. Ministerpräsidenten Graf Stürgkh in Wien erschossen hatte – und damit sind wir bereits mitten im ersten Mordfall -, war Einstein um Unterstützung bemüht. Wie es der Zufall will, wird dieser Tage in Los Angeles ein Brief Einsteins versteigert, der genau davon zeugt: Einstein bittet darin seinen Freund Michele Besso kurz vor Beginn des Prozesses gegen Adler, in seinem Namen ein gutes Wort für den Angeklagten einzulegen.

Walzer, Weltall, Wissenschaft

Szenenwechsel nach Princeton: Von den fruchtbaren – und oft absichtlich umwegreichen – Spaziergängen, die Einstein und Kurt Gödel im Exil in Princeton unternahmen, erzählt im Film der US-Physiker Douglas R. Hofstadter, der 1980 für sein Buch "Gödel, Escher, Bach" mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.

Insgesamt ist dabei eine beschwingte und zugleich spannungsgeladene Zeitreise durch die jüngere Wissenschaftsgeschichte entstanden – im Dreivierteltakt, versteht sich, oder wie es im Film so schön heißt: "Im Walzerschritt durch das Weltall". (Tanja Traxler, 24.1.2018)


Der Film "Einsteins Wien" wird am 30. Jänner um 21.05 Uhr auf ORF 3 ausgestrahlt. In einer gemeinsamen Veranstaltung der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW) wird der Film am 25. Jänner im großen Festsaal der ÖAW am Dr.-Ignaz-Seipel-Platz 2, 1010 Wien, um 19 Uhr präsentiert. Der Eintritt ist frei, Anmeldung unter:

Links:
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Link zur Anmeldung
Sendetermine auf ORF III

  • Albert Einsteins Verbindung mit Wienern kommt auch in legendären Porträts zum Ausdruck:  Einige der treffendsten Aufnahmen von ihm stammen vom Wiener Maler, Grafiker  und Fotografen Ferdinand Schmutzer  – wie dieses Foto, das bei einem Vortrag Einsteins in Wien im Jahr 1921 entstanden ist.
    foto: picturedesk / önb-bildarchiv / f. schmutzer

    Albert Einsteins Verbindung mit Wienern kommt auch in legendären Porträts zum Ausdruck: Einige der treffendsten Aufnahmen von ihm stammen vom Wiener Maler, Grafiker und Fotografen Ferdinand Schmutzer – wie dieses Foto, das bei einem Vortrag Einsteins in Wien im Jahr 1921 entstanden ist.

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