Die wilden 80er: Als Radiosender Raubkopien von Spielen ausstrahlten

    12. Februar 2018, 09:58
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    Radiostationen und TV-Sender versorgten in den 1980ern ihr Publikum mit neuer Software

    Sie waren billiger als 5,25″-Disketten und Vielerorts auch leichter zu bekommen: Audiokassetten waren Anfang der 1980er-Jahre für viele Besitzer der damals angesagten Homecomputer das Speichermedium ihrer Wahl. Die Datasette, wie das Bandlaufwerk damals hieß, gehörte einfach zu einem C64 oder ZX Spectrum dazu.

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    Eine Datasette im Einsatz.

    Auch konnten die auf Kassetten gespeicherten Spiele und Programme einfach vervielfältigt werden, indem sie einfach mittels Doppelkassettendeck von einer Kassette auf die andere kopiert wurden. Es reichte aus, die schrillen Geräusche, die beim Abspielen einer Computer-Kassette zu hören waren, auf einer Kassette zu speichern.

    Spiele über den Äther

    Eine Quelle für diese Audiosignale waren damals auch Radiostationen und TV-Sender, die so ihren Publikum regelmäßig Software lieferten. Eine Technik, die bei jüngeren Menschen ungläubiges Staunen hervorruft. In den beiden damals kommunistisch geprägten Ländern Jugoslawien und Polen wurden auch allenthalben sogenannte "Raubkopien", hauptsächlich von Spielen, verbreitet. Und zwar von Sendern, die nichts von den westlichen Software-Herstellern zu befürchten hatten und mit Copyrights wenig anfangen konnten.

    "Zuerst sendeten wir eigens für die Sendung geschriebene Programme, später dann auch kommerzielle Spiele", erzählt Zoran Modli dem STANDARD, der in den 1980er-Jahren von Belgrad aus die Sendung " Ventilator 202" gestaltete und moderierte. Die Programme konnten auf C64, ZX Spectrum und dem in Jugoslawien entwickelten Galaksija genutzt werden. Allerdings: Je größer das Programm war, umso fehleranfälliger war die Übertragung via Radiowellen. Aber meist gab es keine Probleme.

    Datasette.ogg.mp3

    Größe: 0.31 MB

    Die Geräusche, wenn man eine Audio-Kassette mit Computerprogrammen abspielte. Viel Spaß beim Anhören.

    Auch in England, Finnland und Holland wurden regelmäßig Programme ausgestrahlt. In Deutschland sendete der WDR-Computerclub die Signale am Ende seiner TV-Sendung. Dabei handelte sich meist um Software, die in der Programmiersprache Basic geschrieben war.

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    Die WDR-Sendung "Computerclub" sendete Programme.

    Diese Technik machte sich das Computerspielemuseum in Berlin im Jahr 2017 für eine Werbeaktion zu nutze. Es lies einen Werbespot ausstrahlen, der, auf einer Kassette gespeichert, ein Spiel für den ZX Spectrum war. "Die darin übertragene Codegröße ist 16 KB, und es werden circa 16 Sekunden für die Übertragung benötigt", erklärt Museum-Kurator Andreas Lange.

    RadioRADIOComputer-Spiele-MuseumGER.mp3

    Größe: 1.21 MB

    computerspielemuseum
    Der Radiospot des Computermuseums Berlin.

    Schulhof und Kleinanzeigen

    Die meisten Nutzer besorgten sich Spiele und Programme über andere Quellen. Entweder man tauschte Disketten oder Kassetten in der Schule oder kaufte sie zu Billigpreisen bei dubiosen "Händlern", die ihr Angebot mittels Kleininseraten in Zeitschriften bewarben.

    Allerdings war die hohe Zeit der Datasette rasch vorüber. Immer mehr Nutzer legten sich Mitte der 1980er-Jahre Diskettenlaufwerke zu, da damit Programme wesentlich schneller und komfortabler geladen werden konnten. Mit dem Aufkommen des Commodore Amiga 500 im Jahr 1987, der bereits über ein eingebautes 3,5-Zoll-Diskettenlaufwerk verfügte, war die Ära der Kassetten dann auch offiziell vorbei. (sum, 12.2.2018)

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